Kindern Philosophie?

Man mag meinen, es sei lächerlich, Kindern mit Philosophie zu kommen.

In Wahrheit tut dies jeder gute gebildete oder auch weniger gebildete Elter, wenn er nicht immerzu den Herrgott im Munde führt, ob bewusst, ob unbewusst, jeden Tag.

Allein schon ob wenigstens vierer Dinge: einen erweiterten Blickwinkel zu schaffen, das Selbstbewusstsein zu stärken, das Urteilsvermögen zu schärfen und den jungen Menschen als soziales Wesen zum Verständnis des Ganzen hinzuführen.

Als ich schon über dreißig Lenze zählte, mich wieder einmal in schwieriger Lage befand, sagte meine lebensweise, überaus tapfere Oma wie zu einem Kinde zu mir: “Magnus, em Läba goht emmer widder a Dierle uff!” (Magnus, im Leben geht immer wieder ein Türlein auf!)

Das gab mir, doch schon halbwegs erwachsen, einfach so, viel Mut und viel Kraft.

Und genau hierher gehört wiederum mein (eines von zweien) spanisches Lieblingssprichwort: Me he quebrado el brazo, quizás por bien! (Ich habe mir den Arm gebrochen, mag sein zum Guten!)

Noch persönlicher: Meine geliebte verstorbene Frau, mit der ich zwei prächtige Buben gezeugt habe, meinte einmal zu mir, was mich dauerhaft und tief berührte (gut, das ist jetzt nicht unbedingt direkt “Philosophie für Kinder”, ich erlaube mir das Abschweifen hier aber), dass ich sie ohne meine schweren Verletzungen, heute noch als Narben überdeutlich sichtbar, vielleicht nie angesehen, gar genommen hätte. (Ich wusste lange nicht, wie ich Mädchen bzw. Frauen überhaupt ins Gesicht schauen könne.)

Will, auf Kinder bezogen, heißen: Ein Blick auf die Dinge über den Augenblick, die momentane Lage hinaus, Höheres, kann nicht früh genug vermittelt werden!

JETZT hast du es nicht geschafft, ja! Heißt das etwa, dass du es nie schaffen kannst? Pustekuchen!

Man kann Mädchen von Hildegard von Bingen erzählen und Jungs von Miguel de Cervantes Saavedra.

Und es geht eben nicht nur um Lebenshilfe in ungünstigen Lagen.

Es geht auch darum, Verständnis für andere zu wecken, auch im höchsten Hochgefühle nicht den Blick für anderer Schicksal, das Ganze zu verlieren. Das “noblesse oblige” (Adel verpflichtet) in ein junges Leben nicht als moralischen Imperativ einzusenken, sondern als etwas mitzugeben, das aus dem Menschsein, der Liebe, ja, jeder wirklichen Vernunft heraus, von selber erwächst.

Also, dass man dem gestrauchelten Kameraden aufhilft. Und zwar ohne ihn dabei zu demütigen.

Und es gilt, dem Kinde auch das Rüstzeug zum Alleinsein mitzugeben. Ganz einfach, weil nicht immer einer da sein kann, der einem hilft, auch nur einen versteht. Den Mut, die Kraft zu langen, ausdauernd zu gehenden Wegen.

“Ja, dieser Lehrer ist zweifellos ein Idiot! Aber: Was wollen wir jetzt dagegen machen? Er sitzt am längeren Hebel, hat sich nichts Dingfestes zuschulden kommen lassen. Unterlaufe ihn! Du, auch nicht ich, können ihn jetzt richten! Nimm es als ein – zugegebenermaßen unschönes – Übungsprogramm in Ausdauer, Geduld und Härte: auf irgendeine Wand, und sei es seine eigene, wird er irgendwann schon laufen!”

Vorbilder sind gut. Doch kannst du letztlich nur du selbst sein. Unser größter Philosoph, Friedrich Nietzsche, sagte: “Den Weg, Den giebt es nicht!”

Du bist ein einzigartiger Mensch. So, wie du bist, gibt es nur dich. Was ist diese Fünf in Mathe? Eine nicht mehr wegzubringende Schande etwa?

Schau dir mal all die Leute mit Einsen in Mathe an: Sie haben fast schon die ganze Welt ruiniert.

Steh auf!

Es kann nicht nur immer der ungünstige Zufall kommen. Das schafft nicht einmal der böse Zufall. Es kann nur passieren, dass du die guten Gelegenheiten vor lauter Verzweiflung nicht mehr wahrnimmst!

Halte also alle deine Sinne offen: bleibe wach!

Mut!

Wie viele sah ich schon, die, zunächst der Stolz ihrer Eltern, zu hinterlistigen, grindigen Wichten verkamen, andererseits andere, die aus kleinen Anfängen Bedeutendes errichteten!

Jeder Tag ist ein neuer Tag!

Komm, Kind, Kopf hoch!

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Hinweis in eigener Sache: Ich werde am 5.8. zum hier angerissenen Thema – dort kindgemäß, direkt an Kinder von 10 bis 13, aber auch an Ältere adressiert – auf dem Philosophie-Festival “Denkfiguren” in der “Scheune” in Dresden referieren. Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen.

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2 Antworten zu “Kindern Philosophie?”

  1. Alfred Letztaff sagt:

    “….Schau dir mal all die Leute mit Einsen in Mathe an: Sie haben fast schon die ganze Welt ruiniert…”

    Hahaha, wie wahr, wie wahr. Aber nur, weil wir Deppen sie lassen!

    Im WDR 2 gab es montags abends mal eine Talk-Sendung; vielleicht gibt es die immer noch. Weil ich da meist unterwegs war, hörte ich sie des öfteren im Autoradio.

    Eine Gast sagte mal, dass er eine ganz tolle Kindheit bei seinem Opa verbracht habe. Der habe ihn praktisch alles machen lassen.

    Er habe nur immer darauf geachtet, dass ihm, dem Jung, nichts Ernsthaftes passiert.

    Ich wünschte, dieser Erzieher, Typ Behüter, wäre die Regel und nicht die Ausnahme.

    Was immer gut ist, den eigenen Geist zu fordern statt zu sagen, datt is so!

  2. haschmech sagt:

    @ Alfred Letztaff

    “Er habe nur immer darauf geachtet, dass ihm, dem Jung, nichts Ernsthaftes passiert.”

    Das ist der wahre Geist Gottes, der aus diesem Opa gesprochen hat und was noch wichtiger ist, nach dem er auch dem Kindeswohl entsprechend gehandelt hat.

    Aber soll unter solchen Bedingungen nur eine Kindheit verlaufen dürfen, oder sollten nicht auch Erwachsene in gleicher Weise zusammen leben können?

    Bei uns in der Gesellschaft sieht es doch eher so aus, als wenn der Staat uns Erwachsene ständig erzieht und das auch noch als sein gutes Recht ansieht. Eine bodenlose Frechheit ist das! Dieses Schema ist Mist. Wir brauchen ein neues!

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