Vom Gewesenwäre (The Would Have Beens)

In der Türkei traf ich – neben dreisten, bedrohlichen, sich mit reichlich Raki abfüttern lassenden Zivilpolizisten (es war grade mal wieder ziemlich heftig da unten) und anderen merkwürdigen Gestalten, unter anderem einem Engländer, der sich mittelprächtig darüber ärgerte, dass er aus Pakistan kiloweis Hasch durch den Iran hätte schmuggeln können, da er nicht ein einziges Mal kontrolliert worden war – 1985 in der wohl merkwürdigsten Absteige Antalyas einen gut um vierzigjährigen Iren, der sich beim abendlichen Gespräch zwar gelassen, aber doch deutlich und engagiert darüber ausließ, wie viele Menschen doch dauernd von den “Would-Bes” und den “Should-Bes” redeten, also dem Wäre und Sollte, anstatt sich den realen Dingen zu stellen.

Ich will jetzt aber etwas weiter gehen. (Ich habe das Grundthema schonmal angerissen, halte es aber für wichtig genug, nochmal aufgenommen zu werden.)

Beim Gewesenwäre, also dem Irrealis, oder auch der Möglichkeitsform der Vergangenheit, ist nämlich regelmäßig ein bezeichnendes Phänomen zu beobachten.

“Hätte ich, der und die damals…dann wäre alles viel besser gelaufen…dann wäre, hätte ich jetzt…”

Selbst wenn eine Sache nicht ganz optimal lief: Wer sagt denn, dass die Alternative tatsächlich besser herausgekommen wäre und nicht etwa viel schlechter noch?

Ich muss wieder eines meiner Lieblingssprichwörter dazu anführen: “Me he quebrado el brazo, quizás por bien!” (Ich habe mir den Arm gebrochen, wer weiß ob zum Glück!)

Dass eine übel ausgegangene Sache hätte noch übler ausgegeangen sein können, eine rechtzeitige Niederlage einen vor einer finalen vielleicht bewahrt habe, dass ein kleiner Erfolg, ein mittlerer, bei anderer Wahl vielleicht gar keiner geworden wäre, daran denken die meisten Menschen selten bis nie.

Es ist dies eine Grundweisheit, daran zu denken, die ich zumal allen jüngeren Menschen immer wieder mitzugeben trachte.

Jeder wäre heute Lottomillionär, hätte er damals nur die richtigen Zahlen getippt.

Wäre er deswegen heute unbedingt besser dran?

Man sollte gegenüber möglichen – also ohne Zeitreisen unmöglichen – Vergangenheiten noch skeptischer sein als gegenüber möglichen Zukünften.

Die hat man wenigstens teilweise noch in der eigenen Hand.

— Anzeigen —

auxmoney.com - Kredit von Privat an Privat


Diesen Beitrag mit Anderen teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Technorati
  • MySpace
  • LinkedIn
  • Webnews
  • Wikio DE
  • email

Tags:

7 Antworten zu “Vom Gewesenwäre (The Would Have Beens)”

  1. Dude sagt:

    “Von jetzt ab kommt nichts Neues mehr. Der Wandel vollzieht sich dabei längst ohne uns, mit jedem Tag schneller und weniger beeinflussbar. Die Beschleunigung der Geschichte ist nicht aufzuhalten. Wenn sie nicht gelenkt und genutzt wird, bleibt von Europa nichts als eine Landzunge im Westen Asiens, die gegen ein angemessenes Eintrittsgeld besichtigt werden kann von den Bürgern einer neuen Weltordnung.

    Wir brauchen kein Disneyland Paris und keinen europäischen Snobismus gegenüber einer globalen Kommerzkultur, wir zimmern längst am Disneyland Europe, einem historischen Themenpark mit eigener Währung.”
    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2011/0822/feuilleton/0005/index.html

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Das klingt mir zu absolut.

    Erklärte nicht noch vor wenigen Jahren so ein Oberdenktankschwafler “das Ende der Geschichte”?

    Und weshalb sollten wir 5-10% Europäer uns nicht wunderbar einrichten können, zumal wenn Russland, wie billig, dazugehört?

  3. Dude sagt:

    Weil das ganze eine globale Angelegenheit ist. Solange weiter Mauern hochgezogen und Gräben ausgehoben werden und der neoliberale Terror auf der Welt weitergeht, wird das Wasser weiter bachab fliessen. Und solange weiter Polizeiarmeen die europäischen Bürger terrorisieren, werden einfach zu viele zu sehr abgeschreckt um mal auf den Tisch zu klopfen, aufzustehen, und rauszuschreien: “Fuck u all, i have had enough!”, um dann aktiv an der Revolution teilzunehmen… uns gehts in unserm eingelullten Konsumgrössenwahn einfach noch zu gut.

    Also ich find den Artikel ziemlich treffend.
    Was in Berlin die Tage läuft zeigt es doch auch wieder gut…
    http://menschenzeitung.de/?p=9437

    Peace oder so…

  4. Dude sagt:

    Ahja und der gequirlte Dünnpfiff mit kleinlich gespendeten Wahrheitsgeissenbollen in den Schafsmedien trägt das seinige dazu bei… Aber das weisst du ja selbst…

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich glaube nicht an eine gute One-World-Lösung; jedenfalls nicht innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes.

    Wer die Völker jetzt weiter durcheinanderquirlt, bekommt noch mehr Radau in London, Paris, Rotterdam, Malmö…und stellt alle Zeichen auf Krieg.

    Die verträumtesten Multikultis sind die verlässlichsten, zudem kostenlosen Handlanger ebenjener Neoliberalen, deren Programm die totale Entwurzelung des Individuums ist.

  6. Dude sagt:

    Nunja, da unterscheidet sich unser Glauben diametral, denn ich glaube, ich bin Erdenbürger, genauso wie ein Laote, ein Libyer, ein Ami, ein Deutscher oder ein Chinese.
    Alle sind wir göttliche Individuen, nur haben das fast alle vergessen, nicht zuletzt wegen der ganzen ins diabolische pervertierten und verfälschten, mythologischen Lehren, die auf dem Mist der hierarchischen und machtbasierten Relgionen, sowie auf dem ganzen Esodünnpfiff à la “Gespräche mit Gott” gewachsen sind.
    Die Atheistenfront und die materialistischen Wissenschaftsfanatiker erledigen den Rest…

    DIVIDE ET IMPERA!!!

    Daher seh ich schwarz.

    United we stand
    Divided we fall

    Liebe Grüsse trotzdem

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Ich bin auch ein Erdenbürger.

    Aber die Sitten und Gebräuche von Dänen und Schweizern sind mir wesentlich lieber als jene von Saudi Arabern und mädchenbeschneidenden nilotischen “Kulturen”.

    Du meinst es sicher gut, und Dein Standpunkt wirkt auch, jedenfalls, wenn man die menschliche Wirklichkeit ausblendet, als wäre er der edlere.

Eine Antwort hinterlassen