Vom “Positiven Denken” als feige Ausflucht

Man vernimmt vielerorts, nicht nur in sehr fragwürdsam esoterisch angehauchten Kreisen, es sei zur Besserung der persönlichen Befindlichkeit und Lage wie auch der Zeitläufte auf dem ganzen Planeten angezeigt, dass man seine Gedanken so gut als stets nur auf Positives, Schönes, Erbauliches, Liebvolles richten solle, so viel als möglich des Grausen und Bösen nicht achten.

Ich meine, dass hier ein gewaltiger Trugschluss verbreitet.

Die schlimmen Dinge verschwinden nicht, indem man nur an die guten denkt.

Nein, so lässt man ihnen erst recht ihren Lauf.

Man härte sich daher mit Bedacht ab.

Man vergrabe sich also nicht dauernd in Gedanken an alles Schreckliche und jedes Unrecht dieser Welt, sitze aber auch dem nicht auf, dass das Betrachten schöner Bilder, das Hören von Bach, die Imagination von glücklichen Zuständen oder auch das Zurückdenken an solche allein die Dinge und das Leben hebe.

Wie sollte man denn, allein mal das, einem Übel wirksam abhelfen können, indem man alle Gedanken an Ursache und Wirkweise desselben verscheucht?

Hier ist eine Weltanschauung im Schwange, die letztlich den Wegducker, den Feigen, zum wegweisenden Weltweisen verklärt.

“Philosophie” nenne ich diese mit voller Absicht nicht, denn da waltet nicht die Liebe zur Weisheit, sondern jene zum Kokon, zur Abgeschiedenheit, zur Verdrängung der Lebenswirklichkeit. Im Extremfalle ein Rückzug in einen verderblichen, heuchlerischen Egoismus, eine Kälte, die sich als Wärme tarnt.

Ich greife jetzt gleich einmal zu einem krassen Beispiel.

Millionen Menschen verdrängen die Macht und die Machenschaften von hochmögenden Kinderschänderringen, das Maß, in dem diese auch von nicht direkt Teilnehmenden gedeckt werden, weil sie lieber gar nicht daran denken mögen, befördern damit indirekt jene Kreise, indem sie sie, ihren Blick und ihre Gedanken davon weg- bzw. ablenkend, letztlich in ihrem Handeln gewähren lassen.

Und so ereifert man sich denn auch eher gegen fragwürdige Bahnhöfe, mit Bier und Kumpels, denn dass man anprangerte, dass die eigene Regierung Terroristen und Mörderbanden eifrig mitunterstützt.

Ja, ich weiß, dass es manchen nervt, dass ich das immer wieder sage, und das soll es auch.

Nicht selten habe ich hierzu schon das Argument gehört, es sei doch schonmal ein Anfang, wenn die Leute sich wenigstens wider einen Bahnhof erhöben. Da übten die schonmal Widerstand. Das sei doch gut, ermutigend.

Nein, das ist es, jedenfalls weit überwiegend, nicht. Der “Wutbürger” stilisiert sich zum Mutbürger, lenkt sich ab, wie als ob er ein Stichling, wählt nachhher wieder eine Kriegspartei wie die Grünen oder die CDU, oder er wählt die Linke, hiemit auf andere Art ebenfalls Antideutsche.

Man guckt auf das kleinere Übel, um eine Ausrede, eine Exkulpation dafür zu haben, dass man das große Übel verdrängt. Dies ist eine Funktion jenes “positiven Denkens”, das verlogen und eine feige Ausflucht.

 

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9 Antworten zu “Vom “Positiven Denken” als feige Ausflucht”

  1. Armin sagt:

    Ich gebe Dir Recht, bin auch kein Verfechter des positiven Denkens, des zwanghaften sich selber alles Schönredens. Andererseits gibt es Situationen, wo man das Negative zu stark wahrnimmt. Andererseits kenne ich Menschen, die mir einst nahe standen, die die Welt auf einfache Weise sehen, d.h. das Leben lieben, gerade weil sie sich keine Gedanken machen. Oder nur Gedanken an sich selbst, was ja auch eine Eigenart des positiven Denkens ist. Alles Reale ist dann nur Negativ und “lass mich doch in Ruh damit”. Ich habe mir zu oft zu viele Gedanken gemacht und konnte mich dadurch mit meiner eigenen Realität nur zu begrenzt beschäftigen, was auch in den Abgrund führt. Ich sehe jetzt diesen “armen” Snowden – wirklich, er ist wohl jetzt noch ein “Held” oder wenigstens ein Medienpräsenter, aber das hört bald auf – der jetzt von Hongkong nach Russland nach Equador flieht, nie mehr zurück kann, nie mehr Freundin, Vater sehen, immerzu auf der Flucht. Wie wird es ihm wohl ergehen als Ami in diesem Land, ohne Erfahrung, ich kann es mir nicht vorstellen… Man kann jetzt noch lange sagen, er hätte nichts bewirkt, ich finde das billig, denn ich hätte wohl es ihm gleich getan in seiner Lage. Viele, viele Menschen haben ihr Gewissen mit Angst, Flucht, Tod bezahlt, mit Zerstörung der Existenz bezahlt. Ich finde positives Denken Scheisse – aber manchmal wünschte ich, ich hätte auch alles Wichtige ausklammern können und damit ein einigermassen schönes Leben führen. Das verdammte Gewissen kam mir immerwährend in den Weg…

  2. Paul sagt:

    Mir scheint, als ob der Schreiberling hier nur eine, leider die Offensichtliche, Facette des positiven Denkens beleuchtet. Schade eigentlich.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Paul

    Ich habe bei vielen Verfechtern des Positiven Denkens nicht den Eindruck, dass sie das, was ich ansprach, auch Armin zusätzlich herausgearbeitet hat, überhaupt sehen und wägen.

  4. Lisa sagt:

    Das Missverständnis beim “Positiven Denken” beginnt schon mit der Definition von positiv, die gewöhnlich als schön, gut, erfolgreich und so weiter begriffen wird. Aber das ist eigentlich nicht das, worum es beim positiven Denken geht.

    Sollte man in der Lage sein, das ständige Geplapper seiner Gedanken zum Denken zu ordnen – und hier beginnt schon die erste Schwierigkeit beim positiven Denken, dann kann man beginnen, das zu denken, was man selber will und nicht das, was Andere wollen, was man vielleicht gelernt hat oder aus unangenehmen Erfahrungen mit sich schleppt. Zu denken, was man selber will, ist “positives” Denken.

    Das heisst nicht, dass man das, was ist, verdrängen oder positivieren muss. Au contraire! Man muss sehen, was sich schon manifestiert hat, um eine neue Wahl treffen zu können. Erst dann kann man in die Richtung denken und fokussieren, in die man gehen will.

    Aber positives Denken ist nur ein Anfang. Es ist ein intellektuelles Konzept. Erst wenn man fühlen kann, was man will, wird sich das Bewusstseins in die gewünschte Richtung bewegen, so dass sich die Absichten realisieren. Quasi magisch… Aber wir haben das alles unter “Glaubenssätze” schon ausführlich diskutiert.

    Oder wie (Dein kleiner Intimfeind) Goethe so (unüber)trefflich sagte: “Wenn ihr’s nicht fühlen könnt, ihr werdet’s nicht erjagen!”

    (Ich weiß, dass ich das schon einmal zitiert habe. Aber man kann es kaum besser formulieren…

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Ich habe keinen Einwand gegen das, was Du zur Sache zunächst sagst. Auch nicht, was die Form anlangt. Hervorragend auf den Punkt gebracht.

    Was die kleine Spitze am Schluss anlangt, lasse ich mich aber trotzdem nicht lumpen. (Wohl wissend, dass Du mich ebendaraufhin gereizt haben mögest: Der Lohn folgt.)

    Goethe ist nicht “mein kleiner Intimfeind”.

    Erstens schätze ich nicht wenig dessen, was er schuf, also ist er nicht einfach mein Feind.

    Zweitens ist er zweifellos nicht klein.

    Und drittens ist mein Verhältnis zu ihm in doppelter Hinsicht (womit wir schon bei vier Punkten wären) nicht intim. Denn ich äußere meine Kritik an seiner teils eklen Freimaurerideologie erstens offen, und zweitens bin ich darin nicht der einzige. Es mögen sich zwar wenige dahingehend verwagen, aber ein verstorbener Freund zuwenigst ward mir noch von einem anderen mit den Worten zitiert: “Goethe, der Arsch.”

    Ach, und noch fünftens: Lessing war auch ein infamer Freimaurer und Lügner. Allein schon die Ringparabel zeigt das, so wie bei Goethe, wenn man den Faust schon nicht versteht, das einem wenigstens der Wilhelm Meister beibringen sollte.

    Diesen Herren diene ich in der Tat nicht. Ganz unintim. Jederzeit öffentlich und unmissverständlich.

    Ach, und noch sechstens (kein echter Eigenpunkt, aber subsumierend): Wofern ich auch schon einmal einen guten Satz gesagt haben sollte, was zumindest nicht auszuschließen, so könnte ich immer noch ebenfalls ein Arschloch sein.

    Und, nicht zum ersten Male: Ich werde nicht ruhen noch rasten, bis dass die deutschen Kulturinstitute im Ausland nach den Gebrüdern Grimm oder Nietzsche benannt sein werden. Meinetwegen auch nach mir. Nicht aber mehr nach DEM.

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Noch zur Teilerklärung das folgende.

    Ich hatte kürzlich wieder mit unserer vorgeblichen “Nationaldichtung”, Goethes Faust, unterrichtsweis, zu tun.

    WAS BITTESCHÖN HAT DIESER VERRUCHTE FAUST MIT UNSEREM DEUTSCHEN NATIONALCHARAKTER ZU TUN?

    Und jener Wilhelm Meister, was ist denn das für ein…?

    Mehr anhiero dazu nicht mehr.

    Goethe bekommt sein Fett schon noch extra.

    Richtig weg.

  7. Lisa sagt:

    6. gilt vielleicht. Künster erschaffen trotz ihrer selbst. Sollte die Kunst auf ihren Charakter abfärben, um so besser. Aber ich denke, dass ein edler Charakter keine Voraussetzung ist, um Künstler zu sein. Es ist vielmehr eine Begabung, ein Talent und manchmal auch Genie.

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Na, dass Du meinst, ich möchte immerhin im 6. Punkte vielleicht stimmig geredet haben, das ermutigt mich doch sehr.
    Und ich stimme Dir bezüglich des Verhältnisses von edlem Charakter und möglichem Künstlerdasein selbstverständlich zu (meines Erachtens war das bei mir, am Beispiele Goethe, schon sinngemäß gesagt).
    Aber, leidersam, doch wieder ein Einwand.
    “Künstler erschaffen trotz ihrer selbst.”
    Der Satz stimmt, auch wenn mir seine originelle Kürze gefällt, nur teilweise. Sowohl was die generelle Aussage anlangt, als auch, dass sie oft nur temporär zutrifft.
    Der Künstler kann sowohl trotz seiner selbst als auch aus seinem Selbste schaffen. Nicht selten entstehen große Werke sogar, was wunder, erst recht dann, wenn beides gleichzeitig aufeinanderprallt.
    (Sehr erfrischend, wie Du scheinbar ganz unschuldig Händel anzettelst und dann mit ihnen umgehst. Zumal Deine feinen Bosheiten sind immer wieder entzückend. Hie ein kleiner Piekser, dort eine halbhomöopatische Dosis Wortgift…
    Herrlich. Äh, fraulich.)

  9. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Wenn wir nun schon bei Künstlern und deren Charakter angekommen sind: Ich bin mir ziemlich sicher, dass Du, obschon Du das hier nie anklingen ließest (ja, da war einmal der Hinweis auf Monets Garten, aber der hätte von jedem Kunstinteressierten kommen können), von der bildenden Kunst her kommst. (Ich erwarte auf diese Insinuation hin selbstverständlich weder ein Dementi noch eine Bestätigung.)
    Und wahrscheinlich hast Du auch auf einer jener Schulen (Waldorf liegt nahe), deren Besuch Du vergessen hast, recht ordentlich Französisch gelernt (und nicht nur dort).
    Ich bin jetzt wegen dieses Goethe und all der blöden Freimaurer in der Tat etwas vom Kernthema abgekommen, wiederhole dies daher: Was Du oben zum richtigen Positiven Denken sagtest, war kaum besser darzulegen. Genau so jedenfalls sehe ich es.

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