Einspruch, lieber Jermain!

Beim geschätzten Jermain Foutre le Camp findet sich eine schöne Liste an Zitaten zum Schreiben und zu den Schreibenden.

http://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2014/02/04/der-zustand-des-schreibenden-teilt-sich-dem-wahren-leser-sogleich-vollig-mit/

Allein, das Goethe-Zitat, das er auch zum Titel erwählte, findet meine Zustimmung nicht: “Der Zustand des Schreibenden teilt sich dem wahren Leser sogleich völlig mit.”

Und das liegt nicht daran, dass ich, wie treue Leser wissen, trotz dessen unbestrittener Fertigkeiten und Leistungen, kein unumschränkter Bewunderer Goethes bin, vieles gar verabscheue, was er angerichtet hat.

Der Satz ist nach meiner eigenen Erfahrung wie entlang meinen sonstigen Kenntnissen von literarischem Schaffen einfach nicht richtig.

Schreibe ich beispielsweise eine weitere Episode aus Deutsch-Südschwitz oder von Konstantin Eulenspiegel, oder auch sonsten so manches, so liegt mein Zustand mitunter s e h r weit entfernt vom Gesagten. Das m u s s er.

Mein Zustand d a r f den Fortgang der jeweiligen Geschichte, eine sprachliche Betrachtung, eine Kritik, eine gesellschaftliche Analyse, ein Traktat, einen Essay gar nicht automatisch so weit beeinflussen, dass dieser sich dem wahren Leser sogleich völlig mitteilt.

Nicht einmal insoweit, dass er sich ihm nach und nach mitteilte.

Es sei denn, und das mag vorkommen, ich will es so.

Geschieht dies nun unfreiwillig eben doch, so bin ich schlicht nicht recht Herr des Stoffs noch meines Stils.

Genauer: Meinte Goethe hier den Zustand des Schreibenden ganz allgemein, so müsste sich dieser je, in jedem Stück, vollkommen offenbaren.

Dies hieße nun, dass der Schreibende nur über ein also schmales Spektrum an Stoffen, Blickwinkeln und Ausdrucksformen verfügte, gewissermaßen immer nur sein ganz spezifisch Beschränktes. Das mag es wohl geben, steht aber sicher nicht für einen Literaten, der für mehr taugt, als immergleiche schmachtende Liebeslyrik oder morbide Short Stories.

Meinte Goethe nun den momentanen Zustand des Schreibenden, so gälte das ebenfalls nur für einen horizontengen, in seinem Schaffen völlig an diesen gefesselten, hiemit minden Literaten.

Mal abgesehen davon ändert sich “der Zustand” des Schreibenden ja auch beim Schreiben selbst; und selbst dieser innerlich sich verändernde Zustand wird eben n i c h t, wo Kunst waltet, jedenfalls nicht völlig, im Geschriebenen abgebildet.

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6 Antworten zu “Einspruch, lieber Jermain!”

  1. Kolibri sagt:

    Sehr geehrter Herr Göller, obwohl ich literarisch keineswegs so bewandert bin wie du, aber zu diesem Artikel möchte ich dir ungern eine Antwort schuldig bleiben.
    Leider habe ich zur Zeit so einiges zu erledigen, sollte ich zwischendurch doch noch etwas Zeit der Entspannung finden, so werde ich liebend gern noch ausführlicher dazu Stellung nehmen.
    Goethe hat mich nie wirklich angesprochen, in seinen Werken ist zwar einiges an Philosophie enthalten, und genau hier stellt sich schon die Frage, warum, in welchem Zustand befand er sich, dass er obwohl ein bekannter, berühmter Dichter, doch so einiges an Schaden anrichtete.

  2. Ich wäre ja lieber früher auf Deine Worte eingegangen, doch irgendwie ging es nicht. Irgendwie ging es nicht AN, und solange etwas nicht angeht, bleibt es eben aus.
    Dabei habe ich Dir, in fast allem, was Du als Einspruch gegen Goethes Aussage schriebst, von Anfang an zustimmen können. Ja, da hat er Recht, habe ich die ganze Zeit gedacht.
    Gleichzeitig bleibt das Zitat für mich durchaus gültig; worauf ich gleich mehr eingehe. Der Knackpunkt ist bei allem wohl das Wort „Zustand“.

    Zustimmen mußte ich Dir vor allem darin, daß das Goethezitat nicht richtig sein kann oder kaum zutrifft, wenn man bei dem jeweils Geschriebenen von Literatur sprechen wollte, oder von einer Arbeit, der ein literarisches Schaffen zugrunde liegt.

    Beziehe ich es aber auf das allgemeine ins Netz geflochtene Schreiben, womit ich auch das meinige meine, so ist es meiner Ansicht nach allemale so, daß der Zustand des Schreibenden sich dem wahren Leser hier (und da) sogleich völlig mitteilt.
    Oder, und das hast Du eben Recht, unter Umständen mitteilen könnte. Denn wenn sich der Zustand vielleicht nicht immer „sogleich völlig“ mitteilt, dann durchaus doch mitunter.

    Nur welcher Zustand ist überhaupt gemeint? Ist ein emotionaler Zustand oder ein geistiger Zustand gemeint? Außerdem kann es ja, wie Du dankenswerterweise hinzufügst, immer nur ein ‘momentaner’, also „sich stets verändernder“ Zustand sein.
    In Zeiten des allgemeinen Bewußtseinswandels wäre dann zum Beispiel der ‘Bewußtseinszustand’ ein solcher. Und genau den meinte ich eben.

    Die Unzulänglichkeit des so für sich allein stehenden Begriffs „Zustand“ verleitet mich außerdem dazu, ihm eine weitere Bedeutung zukommen zu lassen, und dannenhero weniger von einem Zustand, als von einer „Zuständigkeit“ zu sprechen;
    Welchem Teil des Schreibenden Wesens ist die Zuständigkeit erteilt worden, bzw. welcher Teil des schreibenden Wesens hat welchem Teil die Zuständigkeit erteilt? – Das einsichtige Ego dem sich zunehmend offenbarenden spirituellen (geistigen) Bewußtsein, oder das weniger ausgeprägte spirituelle Bewußtsein dem sodann noch vorherrschenden Ego?
    Kurzum: Wer oder was ist tatsächlich der „Herr des Stoffes“?

    Vor diesem Hintergrund käme dann auch dem ausgesuchten Begriff des sogenannten „wahren“ Lesers eine trefflichere Bedeutung zu, der eben fähig ist, an mancher Stelle im jeweiligen Werk den etwaigen Zustand des Schreibenden herauszulesen.
    In diesem (selbstkonstruierten) Kontext kann ich bei einem Großteil dessen, was man heutzutage alles zur Literatur zählt, in Buchläden als solche verkauft wird oder in Feuilletons demgemäß besprochen wird, Goethes (vermeintlich so gefällte!) !* Aussage immer wieder als zutreffend bestätigen – lediglich wird er wohl etwas vollkommen anderes gemeint haben.
    Da ich zudem Max Frischs Feststellung „Schreiben heißt sich selber lesen“ sehr beipflichte, habe ich das Goethezitat insoweit als gültig aufgefasst, als daß er damit, wie eben jeder Schriftsteller sonst auch, insgeheim bloß von sich selbst gesprochen hat.

    !*
    Leider ist mir erst jetzt (Tage später) gewahr geworden, daß ich mich wohl eines unsachgemäß als Zitat dargestellten Satzteils Goethes bedient habe…
    Das möchte ich jetzt nachfolgend noch aufklären, bzw. ist es zwingend, dies zu tun. Das vorangehend Verfasste möchte ich dennoch gerne so stehenlassen, wie ich es (Tage vorher) in Reaktion auf Deinen Artikel geschrieben hatte.

    Also; ich habe das fragliche Zitat einst irgendeiner Zitatensammlung blind entnommen… das heißt, ohne vorab geprüft zu haben, in welchem Kontext Goethe diesen Satz wohl geschrieben haben mag.
    Daß ein weiterer Kontext vorliegen müßte, wäre allerdings schon allein an der Wortwahl erkennbar gewesen – und dieser Kontext gibt dem Satz eine Gültigkeit, die, so von mir herausgepflückt, verloren geht.

    Kurzum, das Zitat entstammt einem BRIEF Goethes an Johann Friedrich Rochlitz vom 22. April 1822, und bezieht sich lediglich auf bestimmte Aussagen innerhalb des Briefwechsels.

    Ich hätte es somit gar nicht verwenden dürfen –
    und bin daher im Augenblick noch sehr damit beschäftigt, die ganze Asche wieder von meinem Haupt wegzufegen…

    Aber auch der Zitatensammler hätte sich mal mehr Mühe geben sollen und einen vernünftigen Hinweis auf den Volltext leisten müssen.
    Noch schlimmer ist allerdings, daß dieser Schinderhannes sich die Frechheit erlaubt hat, den vermeintlichen Satz schlichtweg per Punkt an einer Stelle zu beenden, wo ursprünglich ein Komma war – und hinter dem es noch entschieden weiterging.
    Nämlich wiefolgt:

    „Daß Sie sich aus dem letzten Stücke von Kunst und Alterthum gerade dasjenige aneignen, was ich im besten Humor geschrieben, freut mich sehr. Der Zustand des Schreibenden theilt sich dem wahren Leser sogleich völlig mit, und ich erkenne dankbarlich den schönen Widerklang freundschaftlich-einstimmiger Besinnung.“

    So sieht die Sache doch gleich viel schöner aus, vor allem finde ich es von dem Zitatenkonstruktör auch ein Unding, dem Worte ‘theilt’ einfach das h entfernt zu haben.

    So etwas tut man nicht. Froh, den Fauxpax noch aufgeklärt zu haben, doch gleichzeitig zutiefst beschämt, ihm aufgesessen zu sein, ziehe ich daraus die Lehre, künftig nur noch aus mir selbst vorliegenden Büchern zu zitieren und nicht aus irgendwelchen im Internet vorlügenden Sammlungen.

    Entschuldige die somit vielleicht überflüssige Weiterbeschäftigung mit Goethes vermeintlichen Worten und Danke für Deine Geduld

    LG

  3. … Und Danke natürlich auch für Dein genaues Hinsehen; sonst wäre die Sache ja gar nicht herausgekommen.

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Jermain

    In der Tat ein dicker Hund, ein Zitat so entstellt aus dem Zusammenhang zu reißen.
    Immerhin: Eine illustre Sache.
    Und: Sie hat Dich wie mich zu wenigstens interessanten Erwägungen für jene veranlasst, die sich mit solchen Dingen überhaupt abgeben.
    Kurios. Lustig irgendwie.
    Aber eben auch eine Warnung.

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