Mit ‘Deutsch-Südschwitz’ getaggte Artikel

Einspruch, lieber Jermain!

Donnerstag, 27. März 2014

Beim geschätzten Jermain Foutre le Camp findet sich eine schöne Liste an Zitaten zum Schreiben und zu den Schreibenden.

http://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2014/02/04/der-zustand-des-schreibenden-teilt-sich-dem-wahren-leser-sogleich-vollig-mit/

Allein, das Goethe-Zitat, das er auch zum Titel erwählte, findet meine Zustimmung nicht: “Der Zustand des Schreibenden teilt sich dem wahren Leser sogleich völlig mit.”

Und das liegt nicht daran, dass ich, wie treue Leser wissen, trotz dessen unbestrittener Fertigkeiten und Leistungen, kein unumschränkter Bewunderer Goethes bin, vieles gar verabscheue, was er angerichtet hat.

Der Satz ist nach meiner eigenen Erfahrung wie entlang meinen sonstigen Kenntnissen von literarischem Schaffen einfach nicht richtig. (weiterlesen…)

Panne mit Russen in Südschwitz

Sonntag, 13. Oktober 2013

Verdammt. Kaum hatten Boris und Sergej und ich einen guten Zug am Blonden getan, da verreckte, auf halbem Wege zwischen Freiberg und Buschhhausen, ein Reifen.

Es geht zwar die Kunde, dass der Russe, wenn er keinen Sprit mehr hat, einfach in den Tank pinkelt.

Ich traue Russen natürlich prinzipiell auch zu, dass sie ebensoeinfach in einen Reifen pinkeln, um ihn wieder flottzumachen. Immerhin haben die in nur etwa zehnfacher Übermacht, zusammen mit Engländern, die ja bekanntlich was von Krieg verstehen, Amis, Franzen, Ichweißnichtwemnoch den letzten Krieg gegen uns, zwar mühselig, am Ende aber doch, unzweifelhaft gewonnen.

Es war zum Glücke nicht mein Wagen, ich stellte mich also einfach dumm, sog weiter an meinem Biere.

Das verdammte Ersatzrad erzeigte sich als nicht aufgepumpt, hiemit ebenso nutzlos wie der Platten, und eine Luftpumpe war nicht an Bord. Nichtmal Reinpinkeln ward noch versucht. Bei Reifen scheint das nicht zu funktionieren. (Spezialausbildung, zweifellos, bei beiden. Sie kannten offenkundig ihre Grenzen.)

Zum Glück kann ich kaum Russisch. Damit auch nicht die Flüche übersetzen, die jetzt fielen. Es heißt, dass der Russe fast so schlimm zu fluchen wisse wie der Ungar. Also ist das hier wohl eher gut so.

Ich wusste natürlich, dass es nicht über zehn Minuten dauern werde, bis dass einer der Lastkraftwägen vorbeikommen werde, in dem ich mit Sicherheit eine Weiterfahrt nach Buschhausen fände. Einfach nur winkend, den Fahrer wohl schon kennend, und wenn nicht, so leicht als der Magnus ausgewiesen.

Da ich gegen Boris und Sergej zusammen fraglos keine Chance gehabt hätte, sowieso nicht auf Schlägereien mit wütenden Russen oder sonstwem ausbin, verkniff ich mir mein Grinsen so gut als möglich.

Nach drei oder vier Minuten kam der LKW, den ich auf gut südschwitzerisch zum Anhalten veranlasste. In der Wüste hilft man sich.

Und, tatsächlich, wie es das Schicksal wollte, Egon, dessen Sohn ich eben erst durchs Abi gebracht hatte, saß am Steuer.

“Magnus, mit was für Verlierern bist du denn heute unterwegs? Soll ich die etwa auch mitnehmen?”

Boris schien auf diese Ansage hin kurz davor zu sein, seine Makarow oder sonst eine -off herauszuholen, besann sich aber. Auch Russen können, zumindest, wenn es sein muss, sehr vernünftig sein.

“Ach, Egon, jetzt mach’ kein sonen Geschieß, nimm uns halt einfach mit, und lass’ die ihren Gammelkarren ein andermal aufsammeln.”

“Na gut”, meinte Egon, “die zwei Gestalten da sehen mir zwar nicht sehr vertrauenswürdig aus, aber wenn es Deine Kumpels sind, dann haben sie natürlich auch Platz auf der Pritsche. Nicht aber, dass sie dort anfangen, anständige Südschwitzerinnen anzufummeln, oder sowas. Kannst Du mir das garantieren?”

An Sergejs Stirne platzte schier eine Ader, aber er hielt sich zurück.

“Egon, die Zwei da stehen sozusagen unter meinem Schutz. Eben haben sie mir noch ein kühles Blondes ausgegeben. Sie wirken zwar etwas merkwürdig, waren aber ansonsten bislang habbar.”

Egon runzelte zwar ein wenig die Stirn, hieß uns dann aber mit einem Winke alle aufsitzen.

Nachdem wir zwischen den üblichen Kisten mit Baumaterial und den anderen Mitreisenden (es war keiner der Nachtfeier-LKWs) fünf Minuten schweigend gesessen waren, meinte Boris zu mir: “Warum habe ich dich nicht einfach umgebracht?”

“Na, lieber Boris, das mag wohl daran liegen, dass du das hier in Südschwitz selber bestimmt nicht lange überlebt hättest.”

“Magnus hat recht”, meinte Sergej schließlich versonnen, und wir tranken zusammen unser Bier aus.

So rumpelte die Kiste bis nach Buschhausen, und ich musste doch mit etwas Neid feststellen, wie in dieser restlichen halben Stunde einige der Mitfahrerinnen recht freundliche Blicke auf Boris und Sergej warfen anstatt auf mich. Dies gewahrend, ging es ihnen aber immerhin wieder sichtlich besser. Den Wagen hatten sie ja nicht aus eigener Tasche bezahlt.

“So, Jungs, ich sage euch jetzt mal eins. Freiberg ist eins. Buschhausen ist was anderes. Dort werdet ihr lernen, euch zu benehmen. Mir ist vollkommen klar (die dubiose schwere Kiste und das restliche Gepäck war anstandslos mitgenommen worden), dass ihr beide so ungefähr den 23. Dan in Karate habt, wahrscheinlich Bruce Lee schon in der Haschpfeife geraucht, da hinten drinne womöglich Ichweißnichtwas. Trotzdem rate ich euch an, euch in Buschhausen zu benehmen. Bis Stalinorgel und Kalaschnikow und Abtschüssulski bei euch sind, seid ihr nämlich im Zweifelsfalle trotzdem längst alle. Habt ihr das klar verstanden?”

Sie nickten nur. Aber das war immerhin was. Russen sind, mal abgesehen von ihrer grundsätzlichen Liebenswürdigkeit, zum Glück in der Regel überdies nicht doof.

Ich war jetzt fast froh über die Reifenpanne. Jetzt hatte ich ihnen viel leichter klarmachen können, dass man mit den Hintlingen lieber nicht übers Maß anbindet. Nichtmal als Russe.

Dann, schon so gut in Fahrt, drückte ich ihnen noch rein, dass Mr. Fong ein durchaus verträglicher Zeitgenosse sei, wofern man ihn richtig zu nehmen wisse, und dass ich zumal sehr wohlwollend registriert hätte, was für eine Sorgfalt er auf ein gepflegtes Deutsch lege, also Respekt vor der hiesigen Kultur.

Das reichte ihnen dann. Wir kamen an, und ich verschaffte Sergej und Boris erstmal Quartier.

Danach ging es in die Blonde Gazelle. Wohin auch sonst. Es war ja noch immer weit vor Mitternacht.

Davon, was sich dort dann zutrug, wird im nächsten Kapitel erzählt.

 

Südschwitz: Lavieren mit Russen und Chines’

Mittwoch, 11. September 2013

Nach der eher unergiebigen Begegnung mit Hartholtz begab ich mich in Didis Café, denn dort gibt es nicht nur einen hervorragenden Kaffee, sondern führt er auch, so zeitnah wie möglich, echte nationale und internationale Zeitungen zum Schmökern, und bietet überdies ein kleines Nebenzimmer, in dem Gäste auf sechs Plätzen, niemanden störend, im Weltnetz wühlen können.

An die gewünschte Ruhe und Entspannung und möglicherweise etwas Recherche war aber zunächst nicht zu denken; denn Boris und Sergej saßen gleich am Eingang an einem kleinen Tisch, zum Biere Salzmandeln und Pistazien mampfend und mir erstmal kein Entkommen gewährend.

“Magnus! Alter Freind! Komm, wir missen uns noch einmal bei dir bedanken!”, rief Sergej, dass man es im ganzen Lokal hörte, und ich sah mich wohl oder übel errusst, mich zu setzen.

“Wofür wolltet ihr euch noch bedanken? Ihr habt mir zwei Bier ausgegeben, bloß dafür, dass ich euch in eine Kneipe begleitet habe. Da kann man schlechter davonkommen.”

Ich betrachtete derweil bei Tageslicht die keineswegs schwer muskelbeladenen, umso sehnig-stähleneren Leiber der beiden, die jedem Hintling Ehre gemacht hätten.

“Magnus, wir wirden gerne ganz Sidschwitz kennenlernen. Man hat uns erzählt, dass du hier fast jeden kennst. Auch bei den – wie sagt man noch? – Hintlingen.” Also kam Boris gleich zur Sache.

“Nun, ich bin derzeit ziemlich beschäftigt, habe also keine Zeit, mit euch herumzufahren. Aber ich kann euch natürlich zwei oder drei gute Adressen geben.”

“Gucke mal, Sergej, der arme Magnus muss immer arbeiten. Was fir ein Jammer. Wahrscheinlich bereitet er jetzt gerade nebenher Unterricht in Kopf vor.”

“Ja, Magnus sieht ein bisschen erholungsbedirftig aus. Warum kommst du nicht heite Abend mit uns nach Buschhausen? Wir kennen den Ort noch nicht, haben Auto gemietet, du könntest mitfahren und uns mit nach Goldene Gazelle nehmen.” (weiterlesen…)

Deutsch-Südschwitz: Hartholtz bleibt undurchsichtig

Dienstag, 10. September 2013

In Freiberg die Herberge eines Chinesen auszumachen, war erwartungsgemäß keine große Kunst. Ich hinterließ in seinem Hotel eine Nachricht mit Ollis Nummer, er möchte ihn anrufen, könne wohl schon heute Abend auf eine Einladung zum Weine rechnen.

Gegen zwei rief ich in der Kommandatur an, bat, Oberst Hartholtz sprechen zu dürfen. Ich wurde gleich durchgestellt.

“Herr Göller, was wollen Sie?”, “etwa bei mir heute Nachmittag gut ventiliert ein Weißbier trinken?”

“Ich denke, eins schaffe ich”, bejahte ich.

“Um drei?”

“Drei.”

Zwei Minuten vor drei stand ich am Tor, pünktlich zum Plopp in Hartholtzens Dienstzimmer.

Die Gläser standen, vorgekühlt, schon bereit, ploppplopp, wir schenkten uns ein. Je ein guter Zug, und wir stellten erstmal ab.

“Und, Herr Göller, wieder ein bisschen bei Besinnung? Frau Nagel berichtete mir von nicht unerheblichen Impertinenzen Ihrerseits. Und das mit den Telefonaten war ja wohl das Letzte. Sind Sie so blöd, oder tun Sie nur so? Wollen Sie lieber den MAD zurück?”

“Wenigstens hat der MAD, als er noch echt schien, zwar vielleicht mal mein Telefon abgehört, aber er hat nie versucht, mich anzuwerben, mir irgendwie auch nur latent gedroht. Da ich beim Verscheuchen durchaus mein Scherflein beigetragen habe…”

“Das ist Schnee von gestern!”, fiel er mir ins Wort, “erstmal wüsste ich gerne, was Sie mit dem Chinesen und den Russen besprochen haben.”

Oha. Ich hatte nicht bemerkt, dass man mir gefolgt war, aber das war wohl auch nicht unbedingt nötig gewesen. Keine Kneipe schließlich in Freiberg, jedenfalls von den von mir aufgesuchten, in der Freitag Nacht nicht ein Soldat säße oder sonst jemand, der mich kennte. Hartholtz nahm es sorgfältig.

Ich beschloss, ihn jetzt nicht gleich ob seiner Impertinenz zu rügen, den Ball ruhig aufzunehmen.

“Der Chinese meinte, er sei sowas wie ein Botaniker, es gehe ihm um Landbau in ariden Gebieten. Und er fragte, wo es denn hier einen anständigen Wein gebe. Ich sagte ihm, dass er den gegebenenfalles hier bei Ihnen oder beim Olli fände, wofern er sich entsprechend benähme, und da ich ihn ja schlecht hierher einladen konnte, legte ich bei Olli ein gutes Wort für ihn ein. (Es war klar, dass Hartholtz es eh mitbekäme, wenn Herr Fong bei Olli zum Umtrunk aufschlüge.) Der internationalen Verwicklungen eingedenk, die es Südschwitz kosten könnte, wenn ein Beamter vom Landwirtschaftsministerium mit einem Helikopter der rotchinesischen Armee vor dem Verdursten gerettet werden müsste, weil der hartherzige Standortkommandierende der Bundeswehr ihn davor nicht erretten wollte, hielt ich dies dringend für geboten.”

Hartholtz war ob meiner Ausführungen wenig amüsiert, knurrte aber nur, leise: “Und die Russen?”

“Naja, die Russen. Wie Vergnügungsreisende sahen sie nicht aus. Eher ein bisschen so wie Sie.”

“Was soll das heißen?”, donnerte Hartholtz.

“Naja, ich bin ja nicht vom Fach, aber…”

“Labern Sie nicht, Göller!” (weiterlesen…)

Deutsch-Südschwitz: Das Völkerunrecht wackelt

Sonntag, 08. September 2013

Um halb elf klingelte mein kleiner Wecker. Ich hatte, als ich vom Goldenen Ochsen her in meinen Verschlag gekommen war, fast um vier, noch eine halbe Stunde gesonnen, fühlte mich aber den Umständen entsprechend gut.

Pünktlich um elf war ich bei Olli zum Frühstück.

“Na, Magnus, komm erstmal rein. Kaffee? Oder doch lieber ein Bier für den Aufgewärmten?”, neckte Olli mich zum Gruße.

“Wenn der Kaffee heiß ist, kannst du das Bier einstweilen kalt stehen lassen”, gab ich ihm zurück, “der dürfte den anstehenden Dingen wenigstens zunächst am besten dienen.”

Wir tranken erstmal Kaffee, ich zündete mir eine Morgenzigarette an.

“Sag, hast du etwas herausgefunden gestern Abend? Kriegst du in Freiberg noch ein Bier?”

“Von den Russen bekomme ich sogar zwei.”

“Russen?”, meinte Olli, “was denn für Russen?”

Also folgte die Nacherzählung meiner Fährnisse der gestrigen Nacht.

Olli schwieg eine ganze Weile.

“Magnus, meinst du, was ich meine?”

“Vermutlich.”

“Wenn man alles zusammenrechnet, ist das eine noch heiklere, größere Sache, als wir schon zu befürchten allen Grund hatten.”

“Genau so sieht es aus. Fehlen nur noch mexikanische Straßenräuber, die man hier als Verkehrspolizisten beschäftigt.”

“Immerhin sieht es so aus, noch, als ob man um uns buhle. In verschiedener Art, von verschiedenen Seiten her. Was könnte an diesem Stück Halbwüste und Wüste, gerade so groß wie Hessen, höchstens zweihunderttausend Einwohner, keine nennenswerte Industrie, keine bedeutenden mindestens bekannten Bodenschätze, keine Großbanken, keine hausgemachten oder eingeschleusten Terroristen, wenigstens noch nicht, so übergreifend interessant sein, dass du jetzt, ganz zufällig, schon mit Borissen und Fongs zu tun kriegst?”

“Es muss eine Sache sein, die unterm Strich nicht nur Südschwitz betrifft. Ich habe gestern noch lange darüber nachgedacht. Anders ergibt alles keinen Sinn.”

“Zumindest ergibt es nicht all das Gesindel. Hast du eine Idee?”

“Mir kam nur eine. Wenn der Hase da im Pfeffer liegt, geht es hier wirklich um die Wurst. Und zwar auch für Norddoof.”

“Na, dann lass’ die Katz’ mal aus dem Pfeffer!”, meinte Olli, indem er sich seinen zweiten Kaffee mittels eines kleinen Schusses Kognak rektifizierte. (weiterlesen…)

Neue Kabale in Südschwitz (III)

Freitag, 06. September 2013

Es dauerte anderntags – fast wie erwartet – nur bis gegen drei Uhr, bis Ariane Nagel bei mir in der Schule anrief.

“Nun, Magnus (verdammt nochmal, ich hatte ihr irgendwann das Du angeboten), hast du es dir überlegt?”

“Äh, naja, da wäre schon noch manches zu klären.”

“Dann heute Abend bei mir.”

“Äh, naja, ich bin mit Zenzi schon zum Essen eingeladen. (Das stimmte zum Glück.)

“Dann morgen.”

“Äh, naja…”

“Morgen.”

“Liebe Ariane, ist Dir schon einmal aufgefallen, dass ich nicht gedient habe?”

“Das ist ja das Problem mit Leuten wie dir.”

“Danke für das Kompliment.”

“Morgen”, sagte sie, schon ein bisschen genervt.

“Also gut, morgen. Um acht?”

“Um acht.”

Also musste ich bis morgen Abend schon wissen, wie ich tatsächlich herangehen werde. Ich musste also gleich Wind machen. Sprich, ich würde jetzt im Netz nach spezialiserten Sicherheitsfirmen in Altdeutschland suchen, bei zwei oder drei von denen direkt über mein Telefon anrufen, mal ganz unverbindlich nachfragen, ob ein Koordinator mit besten Ortskenntnissen und Verbindungen in Südschwitz gefragt sei. Mal sehen, wie das ankäme. Ob man wohl schon mein Telefon abhörte?

Bei der ersten Firma bekam ich einen Fritzen an die Strippe, so etwas Bräsiges habe ich selten erlebt. Herr Hügel, wie er sich nannte, erkundigte sich aber schließlich doch bezüglich meiner Möglichkeiten, brummelte etwas von wegen, dass man mich bei Bedarf kontaktieren werde.

Bei der zweiten Firma war es ein Herr Lau, der mich nicht nur fragte, wie ich denn ausgerechnet auf seine Firma gekommen sei? Man habe Südschwitz bislang nicht besonders im Blickfeld, melde sich aber gegebenenfalls bei mir.

Bei der dritten Firma war es eine Frau Müller, die nur meinte: “Südschwitz? Was gibt es denn da zu holen? Haben Sie etwa selber ein Problem?” “Nein, ich habe kein Problem”, log ich. “Es möchte aber wohl irgendwann Probleme geben. Deshalb spreche ich Sie an.” “Soso”, meinte Frau Müller, “wir werden das analysieren. Ich wünsche Ihnen noch einen sonnigen Tag.”

Ich hatte also zunächst, wie zu erwarten, wenig erreicht, aber ich hatte mich bewegt.

Anderntags, bei der Nagelin, war mir sofort klar, dass sie im Bilde war. Sie legte einen niedersächsischen Eisblick auf, und ihr Deutsch war militärisch schneidend. Sie fackelte nicht lange.

“Magnus, bist du eigentlich nicht ganz bei Trost? Was treibst du da?”

“Was meinst du?”

“Du weißt genau, was ich meine!”

“Nein, weiß ich nicht.”

“Wie kannst du im Altreich anrufen, deine Dienste anbieten? Hast du einen Sprung in der Schüssel?”

“Ich dachte, ich müsste einfach mal sehen, was der Markt vielleicht so hergibt. Und wenn hier einer einen Sprung in der Schüssel hat, so bist du das, wenn du offen zugibst, mein Telefon abhören zu lassen. Ich glaube, bei dir piept es wohl mächtig im Oberstübchen.”

Sie nahm sich mächtig zusammen.

“Pah, mit einem wie dir soll man arbeiten können? Fahrlässig bis zum Gehtnichtmehr und dann auch noch Mimose spielen?”

“Ich habe nicht darum gebeten, im Auftrage von Gehrig & Partner – vermutlich schwarz – zu arbeiten. Euer Hochwohlgeboren nebst Buhl trug mir das an.”

Das ‘nebst Buhl’ versetzte sie vollends in Rage. Das Kind war nun eh schon in den Brunnen gefallen. Es frug sich nur noch, ob und wie sie es jetzt wieder herausziehen wollte.

“Es geht um die nationale Sicherheit”, schnappte sie, während sich ihr Gesicht leicht rötete.

“Ach nee, da wäre ich ja nie drauf gekommen”, versetzte ich.

“Spare dir deinen Sarkasmus.”

“Spare du mir dein Geschwätz. Butter bei die Fische bitte, so sagt man doch bei euch in Flachlandsachsen.”

“Ich kann dir nicht sagen, worum es geht.”

“Na prima. Auch darauf wäre ich nie gekommen.”

Sie war am Siedepunkt.

“Du stellst dich also gegen uns, soll das das heißen?”, fauchte sie.

“Nein, wie sollte ich.”

“Was also?”

“Ich könnte mich gar nicht gegen ‘euch’ stellen, selbst wenn ich das wollte. Ich weiß ja gar nicht, wer ‘ihr’ seid und was ‘ihr’ eigentlich wollt.”

“Das kann ich dir, verdammt nochmal, nicht sagen.”

“Nun, dann danke, dass du mich auf eine wohl lukrative Geschäftsidee gebracht hast. Vielleicht zahlt mir ja eine Firma nur 5000 im Monat, aber ich weiß, für wen ich arbeite. Nämlich für ein seriöses Unternehmen.”

“Du willst mir doch nicht etwa drohen?”

“Nö, wie sollte ich. Zenzi einen Pelzmantel zu schenken, wäre hier in Südschwitz wohl nicht der Bringer. Wenn wir uns dazu aber mal einen schönen Winterurlaub im Altreich leisten könnten, nähme sie den wohl auch. Gleich in München gibt es gute Geschäfte. Und ich hole mir noch eine kurze Gamsbockslederhose, die kann man sogar hier gut tragen. Sehr robust, die Dinger.”

“Du hältst mich doch nicht etwa für eine Verräterin? Spinnst du?”

“Als gute südschwitzer Patriotin gehst du mir so jedenfalls nicht durch. Du kennst wohl noch nicht das ungeschriebene Gesetz hier. Jedenfalls nicht wirklich. Außerdem könnte es sehr wohl sein, dass deine Auftraggeber dich nasführen, du selbst nicht weißt, wofür du dich vernutzen lässt. Eigentlich schade um eine schöne junge Frau, die eben erst ihr Liebesglück gefunden.”

Jetzt platzte sie. “Magnus, du bist ein absolut perfides, loses Arschloch!”

Ich gab mir drei Sekunden. “Ja, die meisten meiner Schüler – zumal Deutschschüler der Oberstufe – sehen das auch so. Sie sagen es meist nur nicht so offen und ehrlich wie du. Einer nannte mich mal Wortfaschist. Der bekam eine mündliche Eins dafür. Diese meine bekannten Qualitäten scheinen ‘euch’ aber nicht abgeschreckt zu haben, mich ins Boot zu holen zu trachten. Wohl eher im Gegenteile, möchte man logisch deduzieren, wenigstens allemal vermuten.”

“Arschloch!”

“Du kannst auch nochmal Arschloch sagen, das ändert nix.”

Sie bebte, aber fing sich.

“Ich muss Rücksprache halten. Du hältst einstweilen dein Maul gen Norddoof, ist das klar?”

“Na gut, einstweilen halte ich das Maul gen Norddoof. Gestattest du mir derweil, einmal mit deinem Buhl und Schutzpatron zu reden, Frau Maxima Securitate? Ich lernte auch gerne mal deinen Chef bei Gehrig & Partner kennen; vielleicht ist der im Sinne einer füglichen internen Unternehmenskommunikation kompetenter und kompatibler als du.”

“Du wirst den Teufel tun und bei Gehrig & Partner im Altreich anrufen. Jetzt, wo du wer weiß schon wie viele Pferde scheu gemacht hast! Das ist ein Befehl!”, schrie sie.

“Ein was ist das? Habe ich ein Bitte gehört? Nein, mir scheint es nicht so. Vielleicht höre ich schlecht.”

“Also gut, bitte”, keuchte sie.

“Drei Tage”, sagte ich kühl.

“Was, spinnst du?”

“Wenn du in drei Tagen nicht in der Lage bist, mehr zustande zu bringen, als das Telefon eines Dorfschulmeisters abzuhören, fehlt es dir an unabdingbar notwendigen Möglichkeiten und Befugnissen. Dann ist die Sache eine oder zwei oder gar drei Nummern zu groß für dich. Und, in dem Falle, für deinen Buhl vielleicht auch.”

“Nenne Heinz nicht mehr meinen Buhl, du…”

“Arschloch”, ergänzte ich. “Zivilistenarschloch. Was bist du so empfindlich? Ich hatte ja gar nicht ursprünglich angesetzt, dass ihr…”

“Halt’s Maul. Halte verdammt nochmal das Maul.”

“Ja, das sagt, so oder ähnlich, dein Heinz auch immer wieder zu mir. Nur dass er mich dabei nicht duzt. Bisher jedenfalls nicht.”

“Ich weiß jetzt, endlich, weshalb er mich immer vor dir warnt. Er sagt, du seist ein potentiell über jedes Maß intolerabler, gefährlicher Schwätzer. Ein abgezockter Zivilistenhundsfott vor dem Herrn.”

“Ach, sagt er das? ‘Zivilistenhundsfott vor dem Herrn’: den nehme ich gerne in meine Hartholtzsche  Sammlung, zumal aus dem Munde seines…”

“HALT’S MAUL!!!”, donnerte sie.

“Meine Frau sagt immer, dass ich das, selbst wenn der liebe Gott mir vier Hände dafür geschenkt hätte, wohl immer noch nicht hinbrächte.”

Sie ließ sich in einen Sessel fallen, holte eine Flasche Talisker aus dem Beistelltischchen, schenkte sich einen guten Doppelten ein – ich hatte noch nicht einmal etwas zu trinken angeboten bekommen, wobei es blieb – , schlug die Beine übereinander, und sann.

“Dir ist wohl klar, dass gefährlich ist, was du machst.”

“Das ist mir sehr wohl klar. Trotzdem weiß ich, dass ich lieber weiß, welche Haie in einem Becken schwimmen, bevor ich darin ein Bad nehme. Und dass du mir nicht einmal einen Whisky anbietest, spricht für einen Menschen von Kultur dazu überdies Bände.”

Sie schob mir die Flasche und ein Glas zu. “Einschenken kannst du wohl schon selber.”

Ich goss mir einen Fingerbreit ein, nippte und meinte: “Ja, das kann man sogar im zivilen Leben lernen. selbst Dorfschullehrer…”

“Halt’s Maul!”

“Naja”, entgegnete ich, “du wiederholst dich. Im Deutschaufsatz…”

Ich hatte den angebrochenen Satz selbst in der Luft hängen lassen, holte seelenruhig meinen Tabak aus der Brusttasche, begann mir eine zu drehen.

“Du gehst jetzt”, sagte sie leise, “kannst draußen die Luft verpesten.”

“Ja, eine gute Idee”, versetzte ich und trank den Whisky aus, “an der frischen freien Luft von Südschwitz schmeckt der Tabak sowieso besser, als in einer Bude, die schwer nach sauerer, gleichwohl unausgegorener Kabale riecht.”

“Hau ab.”

“Drei Tage.”

“Ich bin nicht taub.”

“Schön, ich finde selbst raus.”

Das war nun, unversehens, zu einem ziemlichen oder unziemlichen, so jedenfalls nicht geplanten Parforceritt meinerseits eskaliert. Was ich erreicht hatte, war unklar. Olli musste sofort über den Stand der Dinge informiert werden. Wahrscheinlich würde ich mir einiges an Tadel einfangen, dass ich spontan so weit gegangen war…

Als ich bei ihm ankam, war Olli nicht der besten Laune. So sieht man ihn selten. Er stellte jenen derben portugiesischen Landwein auf den Tisch, den er mit dem Spruch “nicht, dass uns der Wein zu gut schmeckt” zu begleiten pflegt, wenn harte Arbeit ansteht.

“Weißt du, was diese Arschlöcher machen?”, legte er gleich los. “Die gehen her und versuchen, meine Leute anzuwerben. Hinter meinem Rücken. Das ist gar nicht nett.”

Ich erzählte ihm von meiner Zusammenkunft mit meiner widerspenstigen Chefin in spe, und sein Gesichte hellte sich wieder etwas auf.

“Magnus, ich hätte dir vorher nie geraten, so forsch dranzugehen, aber das war wohl genau richtig. Wenn die uns schwindlig spielen wollen, dann sollen sie mal sehen, wer in Südschwitz noch etwas davon versteht. Sie werden uns nicht einfach umlegen. Sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Jetzt jedenfalls nicht. Wir müssen es so anlegen, dass gar keiner auf die Idee kommt, egal wer, uns auch nur ernsthaft drohen zu wollen.”

Er trank mit einem großen Zuge das derbe Wasserglas aus, aus dem wir bei solchen Anlässen den Portugiesen zu trinken pflegen.

“Was machen wir?”

“Ich sehe gerade, wenn wir uns offen-verdeckt wehren wollen, also, dass sie es genau merken, aber nicht gleich ganz Südschwitz, erstmal drei mögliche Entwicklungslinien. Ich muss nach außen drei Tage die Füße stillhalten, insofern nichts Entscheidendes, Einschneidendes diesen Ruf ändert. Derweil kann ich aber Hartholtz auf die Nerven gehen, schauen, wie ich ihn kitzle. Du musst gar nicht stille halten, kannst für noch ein bisschen mehr Verwirrung sorgen. Ich weihe Zenzi ein, simuliere vielleicht gar einen kleinen Ehekrach, ziehe dann dieses Wochenende leicht derangiert, etwas geschwätzig, aber nicht zu sehr, durch deine Kneipen und jene der Konkurrenz in Freiberg, tatsächlich oder der Gegenseite vermutlich einiges erfahrend, kann dich jederzeit zum Kaffee treffen, so dass wir jederzeit weiterdisponieren können. Es wäre selbst daran zu denken, dass ich die Frist, es ist Freitag, auf zwei Tage verkürze, dergestalt verschärfe, Ariane zu sagen, dass das Leuteanwerben hinter deinem Rücken einen derartigen Kommentverstoß darstelle, dass ein solcher entsprechend zu ahnden sei, also nur Frist bis Sonntag.”

“Das wäre jetzt übereilt. Sie wissen wohl immerhin noch nicht, dass ich weiß, dass sie sich an meine Leute heranmachen. Und selbst wenn, so möchte es eine gewisse Nervosität zeigen, jetzt dergestalt vorzupreschen. Verkürzen können wir immer noch. Was wir brauchen sind möglichst viele Informationen im Felde, und ein bisschen selbstangerichtetes Chaos. Du ziehst also durch die Kneipen Freibergs und machst auf deine Art die Gegend unsicher, und ich werde morgen Abend, da habe ich Halbjahresumtrunk mit meinen Betriebsleitern, eine ausgesucht südschwitzerisch-patriotische Rede halten, welche die bewährte Treue zum Altreich in Verbindung mit der überaus erfolgreichen Selbstorganisation der Südschwitzer nicht nur in ökonomischen, sondern auch in Sicherheitsfragen ausgesucht positiv hervorstreicht, unter feiner Betonung der zweiten Komponente des Redeabschnitts. Das kleidet sich dann in die erzielten Fortschritte bezüglich der südschwitzerischen Infrastruktur, in der Distribution von landwirtschaftlichen Produkten wie zumal auch im Bildungswesen, dessen man ja, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, inzwischen besonders auch in Buschhausen stolz sein könne, was besonders auch bei unseren geschätzten Hintlingen, die inzwischen zwar nicht das alleinige Rückgrat der südschwitzerischen Wirtschaft, aber doch immer mehr Schwungrad, mit großer Freude und Ermutigung aufgenommen werde undsoweiterundsofortundderdeibelwas.”

“Olli, woher kannst du sowas einfach?”, fragte ich, doch mal wieder erstaunt.

“Lieber Magnus, danke des Lorbeers, aber ich habe schon als ich zwölf war, im alten Osten, in Leipzig, Bier mitausgeschenkt. Davor durfte ich es nur bringen. Da habe ich aber auch schon aufgepasst.”

“Was sage ich Hartholtz?”

“Hmmm. Mit dem ist es jetzt ja mindestens doppelt vergiftet. Er hält die Hand drüber, wir wissen nicht warum, auch nicht, ob er voll informiert ist. Dann noch, wie das mit seiner, hehe, mit seiner Buhle liegt, wie empfindlich er jetzt eben doch geworden ist, der alte Hagestolz, da ein Vollschiff wie das mehr als nur Frollein Nagel mit ihm fährt. Wie schätzt du sie ein?”

“Sie ist erstmal nicht doof. Gar nicht doof. Sie ist aber doch etwas reizbarer, als man normalerweise erwarten sollte. Sie scheint unter einem ziemlichen Druck zu stehen. So, wie es aussieht, stammt dieser Druck, jedenfalls für sie spürbar, nicht wesentlich von Hartholtz. Alles spricht dafür, dass jemand, der höher steht als Hartholtz, hier dirigiert. Nichts spricht dafür, dass dies eine seriöse deutsche Personenschutzfirma sein könnte. Wir dürfen auch nicht ausschließen, dass Hartholtzens Tante und Hartholtz in Wirklichkeit auf eigene Faust, oder in patriotischem Auftrage, gegen eine äußere, zunächst nicht direkt abzuwendende Bedrohung arbeiten, uns in ihre Strategeme einbegreifend, lieber, ohne uns dies schon oder überhaupt je zu sagen.”

“Da sagst du was, da sagst du was. Daran dachte ich auch immer wieder. Der Hartholtz ist doch nicht wirklich ein…” “Arschloch”, ergänzte ich. “Wenigstens kein dummes.”

“Er muss sich doch von vornherein völlig darüber im klaren gewesen sein, dass wir etwas merken würden, Fragen stellen, zumal bei dir, dass auch irgendein frecher Unfug folgen werde, wenn man uns hier vor einen unbekannten Karren versuchen wollte zu spannen, in solcher Weise. So könnte er uns gewissermaßen authentisch wirken lassen, in irgendeiner Art zu seiner Deckung nutzen.”

“Ja, Liebesnächte hin oder her, verblödet ist der Hartholtz nicht.”

“Eben. Vielleicht solltest du bei deiner nächsten Unterredung mit ihm auch unterschwellig durchblicken lassen, dass diese Möglichkeit hier zu Olli und Magnus durchaus erwogen wurde, schaust mal, wie er reagiert.”

“Mal sehen, was geht.”

Wir schwiegen eine Weile.

“Olli, da uns gerade nichts mehr einfällt, und nicht nur deswegen: Die Pflicht ruft. Es ist jetzt schon fast elf, die Durstigen strömen mit Wochendurst in die Kneipen, ich muss auf den harten Weg. Morgen früh, um elf, zum Frühstück?”

“Morgen früh, um elf.”

 

 

 

 

 

Neue Kabale in Südschwitz (II)

Freitag, 06. September 2013

Drei Dinge waren klar. Es war etwas oberfaul, ich musste sehr behutsam vorgehen, und ich musste noch heute Abend mit Olli reden.

Der Art nach, wie Hartholtz und Ariane Olli ins Spiel gebracht hatten, mussten sie in irgendeiner Weise schon mit ihm geredet haben. Es war alles sehr gezielt darauf angelegt gewesen, Ollis Einverständnis irgendeiner Art zu suggerieren, gleichzeitig ein gewisses Keiletreiben wider ihn, eine Aufstachelung meiner, mir an den Ehrbeutel gehend.

Und: Wie waren Gehrig & Partner und die Bundeswehr wirklich verbunden? Hartholtz war, selbst wenn Ariane ihm noch so eifrig das Bett wärmte, kaum zuzutrauen, dass er darüber seine elementarsten Pflichten als Offizier der Bundeswehr vergessen oder gar aktiv missachten würde. Trotzdem hatte er das merkwürdige Angebot durchaus aktiv gutgeheißen und empfohlen. Hier lief offenkundig ein sehr merkwürdiges Spiel, und es wurde dabei für südschwitzerische Verhältnisse am ganz großen Rad gedreht.

Die Bundeswehr bzw. Hartholtz, seine früher nur dienstlich untergebene Ariane, die neuerdings für eine “Sicherheitsfirma” hier, diese vorgeblich zum Personenschutz, die Taschen voller Geld, ausgerechnet für mich, dabei Olli, als bisher genannten vierten bzw. fünften im undurchsichtigen Bunde. Sie hatten ja nicht gesagt, dass ich ohne Ollis Wissen arbeiten solle. Das heißt normalerweise, dass auch seine Logistik eingebunden werden soll. Klar, täte ich auch so machen.

Olli hat aber nun keinerlei Kohle nötig von denen. Und er ist gern sein eigener Herr, und er ist kein Dummkopf. Kaum ist der MAD weg, kommt eine neue Krätze nach Südschwitz. Ex-MAD-Agentin, gedeckt von der Bundeswehr. Wird Olli erpresst? Oder hält er sie erstmal hin? Oder gibt es etwas so wichtiges, dass er deshalb mitspielt, pro patria sozusagen?

Als ich bei Olli ankam, war es nach einem längeren Spaziergang wohl schon halb elf, und er war glücklicherweise wo ich ihn vermutet hatte, in seinem kleinen Stadthäuschen am Rande von Freiberg.

“Magnus, altes Haus, was treibt Dich so überraschend in meine bescheidene Hütte? Komm rein! Ich habe vor einer Stunde einen netten kleinen Bordeaux aufgemacht, der sollte, die Vorsehung will es, eben in diesem Augenblicke, da du klingeltest, angetrunken werden, gut beatmet.”

Er schenkte mir den Verkostungsschluck ein, ich ließ den Trunk ein wenig im Glase kreisen, prüfte im Licht die Reflexe, roch einmal, zweimal gründlich prüfend die aufsteigenden Aromen, und, rieche da, Tabak, Leder, Vanille, allerlei schwarze Johannisbeere und Schlehdorn, kräftige Tannine, keinerlei auch nur leisesten Verdacht auf Korken. “Olli, wenn der so schmeckt, wie er riecht, ist es kein kleiner Bordeaux, alter Tiefstapler.” Ich nahm einen mittleren Zug und netzte alles, was Rachenraum ist, damit, ließ die Flüssigkeit meine Zunge umspülen, bis auch Kehle und Magen den Heilsaft kosten durften.

Als Olli mein Gesichte dabei sahe, lachte er und meinte nur: “Na gut, es ist ein mittlerer.” Und goss unsere Gläser halb voll.

“Führt dich nur mein Weinkeller hierher – nicht dass ich etwas dagegen hätte, nur ein wenig zu plaudern, indem ich ihm mit deiner Hilfe wieder etwas Platz verschaffe – oder gibt es Wichtiges?”, fuhr er in seiner direkten Art fort. “Haben Hartholtzens Tante und der Hartholtz dich bearbeitet? So siehst du gerade aus.”

“So ist es.” Ich nahm einen zweiten, großen Schluck und meinte: “Olli, ‘Hartholtzens Tante’, höre ich da nur ein bisschen Ironie heraus, oder deutest du da ein Problemchen an mit der Dame? Wer erzählt zuerst?”

“Fang du an.”

Ich berichtete also so detailgetreu wie möglich den Frühverlauf des Abends, und Olli sagte nichts dazu.

“Du bist dran, Olli.”

“Magnus, das ganze ist ein äußerst undurchsichtiges, oberschräges Ding. Bei mir war Hartholtz nicht so massiv wie bei dir, er signalisierte aber auch, dass die Machenschaften der Frau Nagel seinerseits mit Wohlwollen betrachtet würden. Sie rückte dann allein an und offenbarte mir, dass es der Schaden meiner Geschäfte, meiner Hotels und Gasthäuser sicher nicht wäre, wenn man sich dort besonders sicher fühlen könne, weshalb es in meinem ureigenen Interesse sei, diskret mit Gehrig & Partner zusammenzuarbeiten. Da ist mir schon beinahe der Kragen geplatzt. Das klang eher wie eine Drohung. Wie als ob ich meine Kneipen nicht im Griff hätte. Frechheit.”

“Und was kam dann?”

“Ich fragte sie, wie sie sich das denn im einzelnen vorstelle, merkte an, dass ich als vielbeschäftigter Mann keine Zeit für Firlefanz hätte, fragte zudem, welche südschwitzerischen Kräfte man denn noch hinzuziehen gedenke, eine gleichzeitig unauffällige wie effektive Logistik aufzubauen.”

Typisch Olli, dachte ich, gleich zum Punkt. Ohne aber sich festzulegen.

“Sie meinte darauf, dass sie natürlich nicht den ganzen Aufbau der Sache preisgeben könne, zunächst meine grundsätzliche Bereitschaft zu erkunden hiersei, sie aber, da ich es ja wohl ohnehin erfahren werde, mir gleich reinen Wein dahingehend einschenke, dass du als südschwitzer Kopf wesentlich zur Informationsbeschaffung angeworben werden sollest.”

“Wieso hast du mir nichts davon gesagt?”

“Es war erst gestern. Ich wollte die Sache erstmal laufen lassen. Außerdem, am Telefon… Auch wenn ich dich nur dringlich herzitiert hätte, hätte das auffallen können.”

“Gut, und weiter?”

“Ich sagte ihr, dass ich ja mal gespannt sei, wie sie dich ködern wolle. Du habest eine wunderschöne, witzige, tüchtige und loyale Frau, einen festen Job und mehrere mehr oder weniger ehrenamtliche Nebenjobs, seiest, zumindest wie es jedem Südschwitzer scheine, damit sowohl gut ausgelastet als auch in aller Regel sehr zufrieden. Sie meinte dazu nur, dass sie dir ein Angebot machen werde, das du kaum ablehnen könnest. Wieder so eine versteckte Drohung. Ich ließ mir aber wiederum nichts anmerken und wünschte ihr viel Erfolg bei ihrem Unterfangen.”

“Du hast sie nicht gefragt, weshalb sie mich im Visier hat?”

“Nein, das wäre ja blöde gewesen. Sie hätte gleich gemerkt, dass das eine Scheinfrage sei.”

“Aber sie kamen mir damit, dass du meine Kompetenz im Sinne der Informationsbeschaffung gelobt habest.”

“Naja, ich ließ zwischendrein noch so einen Scherz los. ‘Der Magnus ist in der Tat so empfindlich für Metainformation, dass ich mich schon manches Mal darüber gewundert habe.’ Ich denke, sie konnte das nicht sicher zuordnen, aber eine Art Lob war es doch. Und noch nicht einmal gelogen.”

“Was machen wir jetzt?”

“Meine Herrn, diese Bande bietet dir zehn Mille im Monat, ich soll irgendwie mittun, wenigstens die Füße stillhalten, und wir wissen noch nicht einmal, wer genau da wirklich auf was hinauswill. Und sie werden uns das auch nicht so leicht erzählen. Wenn wir es zu spät herauskriegen, stecken wir womöglich viel zu tief drin, und wenn wir einfach nicht mitmachen, könnten wir Ärger kriegen, nicht einmal wissend, wohin der Hase laufen soll. Wir müssen erstmal, zögerlich, mitmachen, dabei so viel als möglich in Erfahrung bringen, ohne uns zu kompromittieren. Natürlich rechnen die aber ebendamit, werden uns genau beobachten. Wir dürfen untereinander nur mit äußerster Diskretion kommunizieren, fraglos.”

“Wir brauchen ein Strategem. Vielleicht mehrere.”

“So ist es.”

“Was hältst du davon, wenn ich zu Ariane sage, dass ich bei einer Sache von solcher Tragweite schon erstmal Art und Umfang und Zweck der ganzen Veranstaltung erführe, und zwar nicht nur von ihr, sondern auch von ihrem zivilen Chef in Deutschland. Der könne ja binnen weniger Stunden hiersein, mich von der Seriosität der Sache persönlich zu überzeugen.”

“Sehr gut. Mal sehen, wie sie reagiert. Das kann zumindest Zeit verschaffen. Vielleicht verplappert sie sich auch ein bisschen, oder es packt sie wenigstens marginal an ihrer weiblichen Eitelkeit. Bringe sie zum Schwatzen. Schwärme von deiner Frau, davon, wie gerne du Lehrer und freier Publizist bist. Vielleicht…” Olli verstummte.

“Was vielleicht?”

“Das ist zwar eine wohlzubedenkende Sache, aber du könntest den Tiger auch anders vom Berge in die Ebene locken. Oder so dann erst richtig. Du könntest ein Konkurrenzangebot erwägen. Offen lassen, ob schon eines vorliegt, oder ganz einfach auf die Idee gekommen sein, dass Gehrig & Partner nicht die einzige Firma dieser Art sein dürfte, die mit deiner Hilfe erst richtig auf den Geschack kommen könne, in Südschwitz richtig einzusteigen. Wenn sie dann das handfeste Drohen anfängt, wissen wir bescheid, dass wirklich Feuer unterm Dach ist. Dann wissen wir aber, mit wem wir in Wirklichkeit nicht arbeiten werden. Oder man weiht uns, sozusagen gezwungenermaßen, ein, sollte etwas dahinterstehen, das lauter, man uns aber nicht so einfach sagen wollte.”

“Und was machst du in der Zwischenzeit?”

“Ich werde unangemeldete Stichproben in meinen Läden machen, mehr als sonst, dann meine ganzen Kneipiers zusammentrommeln, zu einer außerordentlichen Generalversammlung, um mit ihnen ausführlich über Brandschutz zu reden, über unser internes Sicherheitssystem, wie im äußersten Fall sehr schnell zehn bis fünfzehn Mann aus dem Verbund an einem beliebigen Ort in Freiberg oder Buschhausen zusammenzuziehen sind undsoweiter.”

“Das wird den anderen nicht verborgen bleiben. Aber das mag ja genau gut so sein. Nur, meinst du nicht, dass du damit Unruhe unter die Wirte und die Leute bringst, Gerüchte ins Krautschießen könnten?”

“Na klar. Sollen doch. DIE haben doch bezweifelt, dass ich meine Läden im Griff hätte. Das haben sie nun davon. Wetten, dass die mich bald darum bitten, nicht zu übertreiben? Ich werde mich als sturer, beleidigter alter Esel stellen, gekränkt in meiner Olli-Ehre, überhaupt nicht begreifen, weshalb ich mich nicht einer offenkundigen, wenigstens behaupteten Bedrohungslage selbst erwehren könne, dies auch deutlich machen.”

“Gut, so machen wir’s, Olli. Die ersten Schritte sind klar. Wir sollten uns zwischenzeitlich zwei oder dreimal die Woche hier bei dir treffen. Das fällt nicht sonderlich auf.”

Wir tranken aus, und ich nahm einen Nachtlaster nach Buschhausen.

 

 

 

Neue Kabale in Südschwitz

Donnerstag, 05. September 2013

Nie hätte ich gedacht, dass Hartholtz einmal derart meiner Hilfe bedürfen werde. Oder gar selbst wissentlich Teil einer üblen Kabale sein könne.

Inzwischen ist Frau Stabsfeldwebel der Reserve Ariane Nagel glücklich nicht nur Statthalterin der Sicherheitsfirma Gehrig & Partner, die hier in Südschwitz doch aus eher undurchsichtigen Gründen ihre Tätigkeit aufgenommen hat, vorgeblich Geschäftsleute diskret zu schützen, wobei man sich fragt, vor wem hier anständige Geschäftsleute zu schützen seien, sondern auch ganz offen die Gefährtin von Oberst Hartholtz.

Alle hier gönnen ihm nicht nur sein kühles Blondes, sondern auch seine temperamentvolle, inzwischen der Lebenslust Südschwitz’  gut eingewöhnten Hünin (sie ist fast zehn Zentimeter größer als er): Hartholtz ist drahtiger und schlagfertiger denn je. Beim Gewicht ist es etwa eins zu eins, so dass also alles passt, jeder den anderen auf Händen tragen kann.

Sinister erscheint allein jene Firma. Ich fragte Ariane kürzlich, was es mit der eigentlich so auf sich habe.

“Magnus, du meinst doch nicht im Ernst, dass ich dir etwas davon erzähle, du Klatsch- und Tratsch- und Schandmaul der Republik!”, meinte sie kühle lächelnd, sehr wissend wirkend, sehr souverän, sehr professionell.

“Achso”, meinte da das Schandmaul der Republik, “du sondierst und sicherst erstmal das Terrain, bist dann jederzeit, wenn gebraucht, bester Logistik, zur Stelle.”

“So magst du das unter deinen südschwitzer Saufkumpanen verbreiten.”

Jetzt ward es mir doch etwas zu bunt. (weiterlesen…)

Deutsch-Südschwitz: MAD erbarmungslos zurückgeschlagen

Donnerstag, 05. September 2013

Sieg für Südschwitz auf der ganzen Linie.

Nachdem er, gerade noch hinreichend kommunikationsfähig, Frau Stabsfeldwebel Ariane Nagel, die vermutlich nicht mehr zuverlässige vermutliche heimliche Liebschaft des Obersten Hartholtz, notgezwungen am Freiberger Flughafen (es ist der Flughafen der Bundeswehr, der auch zivil genutzt wird) verabschiedet hatte, meinte MAD-Sonderführer Rüb, er müsse sich auch einmal was gönnen dürfen und ward prompt von der eigenen Truppe – vermutlich – in einen Hinterhalt gelockt.

So ließ er sich tatsächlich, meinend, er könne jetzt die Gelegenheit zur Aushorchung der Soldaten unverdächtig-geschickt nutzen, von diesen zu nicht nur einem Biere einladen, gab sich, nach Dienstschluss versteht sich, ungemein gesellig.

So wurden schließlich Soldatenlieder angestimmt, Lili Marleen ließ grüßen. Endlich trat Olli, der Zivilist, auf, meinte, er wisse da auch noch eins zum besten zu geben. Und stimmte, wie er meinte, das Anti-Horst-Wessel-Lied an. Nur dessen Melodie, und die auch noch absichtlich falsch, zur doppelten Abschreckung vor unziemlich militaristischen Umtrieben.

Und was tat Rüb? (weiterlesen…)

Deutsch-Südschwitz: Oberst Hartholtz löst das Problem mit der Stabsfeld

Donnerstag, 05. September 2013

Hartholtz ist wirklich der härteste von drei Glocken. Frau Stabsfeldwebel Nagel, die im Auftrage von MAD-Sonderführer Rüb (sein tatsächlicher Rang ist, wie gesagt, unbekannt) unseren Bundeswehrstandort direkt über den Kommandanten auf unziemliche Lebenslust ausspähen sollte – besonders auf Bier, Hanf und Sex mit Frau Obergefreiter im Dienst – , eine echte Brünhilde aus Cloppenburg, fast einsachtzig, dabei bestblonder Kurven, “boshaft wie Kriemhild am Hofe König Etzels” (O-Ton Hartholtz noch vor kurzem), hat sich derormaßen in den Obersten verknallt, dass seine Landser drumb schon gelästert und respektlos herumgegrinst, was das Zeug hält.

Hartholtz schwor mir, dass er ihr, guter Vorgesetzter, nie näher gekommen sei als zwanzig Zentimeter, und ich glaube ihm.

Verzückten Blickes dackelte sie hinter ihrem Chef her, wofür er sie auch einmal ein Weißbier im Dienst trinken ließ, dieser gewiefte Stratege. Wie Hartholtz, dem man zutrauen möchte, dass er in der Ardennenoffensive nochmal das Ruder herumgerissen hätte, das binnen zwei Wochen geschafft hat, weiß wahrscheinlich außer ihm nur Amor selbst.

Auch aufgrund der losen Sprüche, die im Goldenen Ochsen diesbezüglich nun schon seit Tagen gingen, ward ihr eigentlicher Vorgesetzter Rüb schließlich äußerst molto frusto, manche sagten, er sei sogar eifersüchtig, obwohl sich alle ziemlich sicher, dass er eine Truppenschwuchtel.

Ein besonders pfiffiger Oberfeld, Horst Bär aus Hünxe, ein von Hartholtz geschätztes Organisationstalent mit den Fähigkeiten eines Trickbetrügers, oberster Possenreißer wann immer der Standortkommandierende Skat spielt, man also auch auf Posten gemäßigt einen reinlassen darf, der Rest die Sau rauslassen, hat den Rüb jetzt richtig reingelegt.

“Ob der Rüb wohl den Trauzeugen macht, bei der ersten Hochzeit am Standort?”, meinte er hinreichend laut hörbar am Soldatenstammtisch, wie als ob unbedacht, beim fünften Bier, “Damit der kleine Sascha Hartholtz-Nagel ehrenhaft geboren werden kann? Ich wette, der Junge kommt schon mit einem Barett auf die Welt, wenigstens als Stufz.”

“Wie kommst du darauf, dass es ein Junge wird?”, mischte sich sein bester Kumpel, Harry Rötel, Hauptgefreiter aus Mannheim, darein, “meinst du etwa, Militärs machen immer Jungs? Du bist ja von gestern, ein richtiger altmodischer Macho. Wo sollen denn da all die knackigen Frauen Stabsfeld herkommen?”

Rüb platzte. “Sie amüsiert das wohl noch, wenn bei der Bundeswehr Vorgesetzte mit Untergebenen Unzucht treiben, was? Sie…” (weiterlesen…)

Harte Opfer für Volk und Vaterland

Freitag, 21. Juni 2013

Die Dinge in Südschwitz überschlagen sich gerade ein wenig.

Oberst Hartholtz bestellte mich unmissverständlich ein.

Er habe von meinem Gespräch mit “Sonderführer Rüb” (er nannte ihn wirklich so; welchen militärischen Rang Rüb nach heutiger Bundeswehrnomenklatur hat, mag Hartholtz wissen) Kunde; Rüb habe getobt, dass jetzt schon Kolonialdorfhilfsschulunterstmeister meinten, in Wehrbelangen, gar ungefragt, einen auf dicke Hose machen zu können, sich meinten verwagen zu dürfen, die deutsche Staatsräson auf die Probe zu stellen.

“Göller (schon wieder sprach er mich so präponderant an, wie ich es gar nicht gerne verputze), Sie wissen, dass ich Ihre Courage alswie Ihre Lehrtätigkeit alswie angelegentlich gar Ihr zur Überlosigkeit tendierendes Mundwerk schätze; ich weiß natürlich auch, mit welchen Kräften Sie hier eifrig zu konspirieren pflegen; auch davon, dass Sie darinnen ein von Ihren Grundabsichten her lupenreiner südschwitzer Patriot; das Ergebnis Ihres Auftritts im Goldenen Ochsen ist aber, dass ich jetzt Frau Stabsfeldwebel Ariane Nagel beigeordnet bekommen habe, die hier überall herumschleicht und dumme Fragen stellt, wie als ob sie diesen ganzen Standort an einem Tage furienmäßig mit bloßen Händen aus dem Sande gehoben hätte. Dass sie meinen Schreibtisch nicht schon auf vielleicht auszuerfindenden billigen Weinbrand kontrolliert, ist alles.”

Irgendetwas musste mir einfallen, das war klar.

“Wie sieht sie denn aus, die Frau Stabsfeld?”, fragte ich, einer spontanen Eingebung folgend.

“Was soll das denn, Sie abverkopfter Halbschwachmat?”, bellte Hartholtz, sichtlich nicht im Plane.

So schwer hatte mich Hartholtz noch nie beleidigt. Doch ich nahm es als ein gutes Zeichen und sagte erst mal nur, dass ich Durst hätte, ob es denn zu einer Unterredung dieser Tragweite nichts zu trinken gebe, also, dass einem die Zunge im Schlunde verkleben müsse.

Hartholtz war zwar immer noch schier am Platzen, aber er merkte, denn dumm ist er nun wahrlich nicht, dass ich eine Art Plan zu haben schien, plärrte also schließlich: “Pils oder Weizen?” – woraufhin der Stiefel-Manne zwei der letzteren, gut eingekühlt, zu bringen Befehl erhielt, alswelcher, schnelle ausgeführt, zum ersten Beruhigungsschlucke sinnig ward.

“Herr Oberst, mal ehrlich, ganz ruhig, wie sieht sie aus, die Frau Stabsfeld?”, insistierte ich.

“Es geht schon so”, grunzte Hartholtz, “wenigstens nicht schlechter als Sie”.

“Na, das ist doch schonmal was. Wie wäre es da mit ein bisschen Sororisierung? Es wird hier ja auch schon um Siebene dunkel.” (Hartholtz hat zwei schon erwachsene Kinder in Norddoof, muss also mal gewusst haben, was eine Frau, ist 45, zwar nur einssiebzig, aber seine blaugrauen Augen bohren durch Titan, und er ist ein Bild von einem Mann, zieht, wenn er mal wieder Lust dazu hat, die jungen Landser beim Leistungsmarsch ab, dass die nicht mehr wissen, woher sie zusammengewürfelt oder auch nur noch, wie sie heißen.)

“Göller, Sie sind ein übelst durchtriebener schwäbisch-hinterfotziger Hundsfott! Was wollen Sie mir da ansingen!”, meinte der Oberst noch sichtlich erregt, trank dabei aber sein Weißbier aus.

“Aus Ihnen hätte aber deshalb ein nicht untermittelmäßiger Soldat werden können, hätten Sie sich nicht nur in Ihre Bücher und die Nutzlosigkeit der Philosophei vergraben.”

“Nun, Herr Oberst, ich denke, wir haben uns verstanden. Intelligente diplomatische Lösungen sind immer die besten. Was spricht, in höchster Not, ganz altruistisch, ganz Offizier, die eigenen Mannen zu schützen, zur reinen Erfüllung des militärischen Auftrages, gegen eine horizontale Adjutantin? Der Stiefel-Manni bringt es ja wohl nicht so.”

Hartholtz schwieg. Für seine Verhältnisse lange. Schließlich meinte ich auf meine extreme Insubordination und Frechheit hin gar, ein halbes Lächeln um seinen linken Mundwinkel spielen zu sehen.

“Für heute werde ich mir den klassischen Genickschuss sparen. Eine Neunmillimeter ist zu schade für Sie, Herr Göller.”

“Na dann ist für heute wohl alles besprochen”, meinte ich noch, und Hartholtz wunk mich, etwas versonnen, aus seinem Dienstzimmer.

 

 

 

Deutsch-Südschwitz: Von der ersten Runde mit Rüb

Donnerstag, 20. Juni 2013

Nachdem die Erste Kifferkrise in aller südschwitzerischen Vernunft gütlich beigelegt worden, ging zunächst alles seinen Gang; unsere Schule – äh, Zenzis Schule – in Buschhausen hatte gar eine Belobigung aus Norddoof eingeheimst für “Außerordentliche Leistungen in der Pflege der deutschen Klassik an weiterführenden Schulen”, was uns zwar erstaunte, da die Werke der Freimäurer Goethe und Lessing bei uns nicht einseitig lobessatt besprochen werden, so dass wir fast geneigt waren, zunächst, eine Hinterlist befürchten zu müssen, womöglich dahingehend, dass man uns eine klimaunverträgliche Studienrätin anverspenden wolle, oder sonst eine Unbill wider uns setzen, was sich bisher aber zum guten Glücke nicht unter irgendwelchen Vorwänden ablehnen zu müssen als nötig erzeigte.

Doch dann rief Olli an.

“Magnus, der Busch brennt.”

Dieser Ausdruck entspricht hier dem, was man auf gemeinen Raumschiffen Alarmstufe Rot nennt.

“Der OK?”, fragte ich. (Das ist der Oberkommissar aus Norddoof, sozusagen der Statthalter hier, neben dem Obersten Hartholtz.)

“Nein. Dreimal darfst du raten.”

“Was denn jetzt? Wir lassen den Verfassungsschutz in Ruhe, der BND macht seit langem praktisch keinen Ärger, das BKA hat eh keinen Bock auf uns, was brennt denn jetzt schon wieder an?”

“Magnus, nicht am Telefon. Wann kannst du da sein?”

Mir wurde klar, dass der Busch wirklich brannte.

“Wenn ich den Nachmittagsunterricht absage, in etwa zwei Stunden.”

“Also.”

Knapp zwei Stunden später war ich in Ollis Villa bei Freiberg, er servierte erzstarken Mokka.

“Nun, was gibt es?”, frug ich, mir dazu eine drehend.

“Der MAD dreht durch. Und der Hartholtz ist deswegen kurz davor.”

“Wie, was wollen diese Nachtwächter denn auf einmal?”

“Irgendein Schwachkopf in Norddoof meint mitbekommen haben zu wollen, dass Hartholtzens Landser schon im Dienste Bier tränken und überdies allzugute Kunden vom Kanten-Kurt und seinen Leuten. Man scheint ernsthaft anzusetzen, unsere Schutztruppe nicht nur schon tagsüber in den Staub von Südschwitz zertrocknen zu wollen, sondern ihnen auch noch, zum Endhieb, den Mittagspausen-  wie den Feierabendjoint nicht nur mieszumachen, nein, bei Androhung unehrenhafter Entlassung ernsthaft zu verbieten. Diese Wahnsinnigen.”

Das war natürlich harte, unerwartete Mär. (weiterlesen…)

Diskrete Verhandlungen in Südschwitz (II)

Sonntag, 09. Juni 2013

Den Kiffern klarzumachen, dass sie es auf dem Adenauerplatz nicht schon tags übertreiben möchten, auch die Dunkelbütt’ (also die Kate der VSler) in ihrer Integrität einigermaßen zu achten sei, wie Hartholtz das von mir eher gefordert denn erbeten, war wirklich keine leichte Aufgabe.

Die Kiffer hier sind nämlich ein sehr stolzes und eigenwilliges Völkchen; nicht nur, dass sie, bezüglich des echten Inlandsproduktes, also abzüglich all der “Staatsaffen”, die aus Norddoof bezahlt, wohl zwei Drittel an der einheimischen Wirtschaftsleistung erbringen, davon nur einen marginalen Teil mittels Hanfprodukten, nein, sie sahen es zunächst gar nicht ein, weshalb man mittags zum zweiten Bier nicht dort, wo die meisten leichtgeschürzten, knackerten Mädels von Südschwitz einherstolzieren, zu diesem erhebenden Anblicke, denn auch mit denselben, sie eingeladen habend, ein ordentliches Ofenrohr mit bestem SSS (Südschwitzersuper) verrauchen dürfen solle, nur weil der Oberst mal wieder meckere und Norddoof dazu einen auf indigniert mache.

Meine Entgegenungen von wegen Contenance und Kompromiss und Diskretion im Sinne der Beförderung des Wohles aller stießen zunächst auf wenig empfängliche Ohren: Wer denn hier wohl den ganzen Laden eigentlich schmeiße? – außer dem Olli, wider den man damit ja nichts gesagt haben wolle, wie auch nicht gegen mich – , was wohl die ganzen Bundis sagten, ließe man sie allein Tabaks und Bieres? – und so nahm eine zunächst hitzige Debatte ihren Lauf.

Es dauerte.

Schließlich wusste ich eine südschwitzerische Lösung vorzuschlagen. (weiterlesen…)

Diskrete Verhandlungen in Südschwitz

Samstag, 01. Juni 2013

Wie Sie wissen, hatte mich Oberst Hartholtz nach der nächtlichen Fete beim Verfassungsschutz, der Dunkelbütt, nicht nur recht deutlich gerügt und zur Ordnung gerufen, sondern auch zum Kaffee in sein Dienstdomizil geladen, alswelcher Gunst nicht anzunehmen tumbste Torheit gewesen wäre, alsweshalb ich beim Oberstabsgefreiten Zipf (dem “Stiefel-Manne”) zu Pfingstdienstag (den gibt es hier; er ist in etwa das, was man im Altreich als einen blauen Montag kennt) am Spätnachmittage allerbotmäßigst anfrug, wann mein Kommen dem Herrn Obersten genehm und füglich erscheinen wolle, ich käme, wo immer ich es einzurichten wisse, zum vom Herrn Obersten vorzüglich einrichtbaren Zeitpunkt.

Erstaunlicherweise spielte sich Zipf (er pfitzt gerne und macht sich wichtig, aber nur, wenn Hartholtz nicht in der Nähe und er sich traut) kein bisschen auf, gab mir gleich seinen Lehrmeister selbst an die Strippe.

“Na, ausgeschlafen, Herr Göller?”, bellte Hartholtz ins Fon (immerhin sagte er ‘Herr Göller’ und nicht einfach ‘Göller’, eine Behandlung, die ich mir vorgenommen hatte mir, zumal von einem Militär, nicht noch einmal ohne deutlichen Widerspruch angedeihen zu lassen), “Donnerstag, halb vier?”

“Donnerstag, halb vier. Sie dürfen Ihre Dienstuhr drauf stellen.”

Schon war es passiert.

“Göller, werden Sie nicht frech. Ich schätze Ihre Beredtheit, nicht aber immer Ihre Impertinenz!”

“Nun, Herr Oberst, Sie nennen mich künftighin immer, wie jeden anständigen Zivilisten, Herr Göller, und ich bin gerne bereit in der Impertinenzsache meinerseits Zurückhaltung walten zu lassen.”

“Ja, in der Tat, sie schwatzen daher wie ein Zivilist. Also, übermorgen.”

“Übermorgen.” (weiterlesen…)

Hartholtz vor der Dunkelbütt

Sonntag, 19. Mai 2013

Gestern gab es in Freiberg einen Zwischenfall, den viele Südschwitzer mit gemischten Gefühlen betrachten. Manche lachen sich einen Ast, andere warnen.

Jeder in Südschwitz weiß, wo in Freiberg der Verfassungsschutz seinen kleinen Ableger betreibt, nämlich in einem zweistöckigen Haus im Regierungsviertel, das selbst einem Fremden auffallen muss alswie ein Kakerlak im Kartoffelkuchen. Nicht nur die vergitterten, von außen undurchsichtigen Fenster, sondern auch die massive Stahltür sind absolut landesuntypisch.

Mächtig genervt waren die Bewohner bzw. Insassen schon davon, dass Benno und Heike, die seit einiger Zeit Stadtführungen für Touristen anbieten, das Domizil der Schlapphüte nicht nur in ihre Tour eingebaut haben, sondern dort auch – nicht selten unter Gelächter, manchmal gar Gejohle der Teilnehmer, auch nicht selten schaulustiger Einheimischer – ein kleines Rezitativ vortragen, die besondere Verbundenheit der Südschwitzer mit dieser Spielart Abgesandter aus Norddoof zu verdeutlichen:

Dieses Haus, dieses Haus, sieht schon von außen dunkel aus

Keiner weiß genau, was all darinnen

Nur der Wodka-Ede, nunmehro abgezogen

Als er war noch mehr als sonst von Sinnen

Hat

Schnapses satt

Wohl darob nicht gelogen

Bevor ihn einer mit der Schubkarre

Ede trug nie keine Knarre

Nächtens vor dieser rostroten Panzertüre abgekippt

Indem jener mal wieder zuviel genippt.

So war der Ede schwer frustriert

Dass da in jener Kate

Nur Kaffee, Tee und Mate

Nie Bier ward serviert. (Der Chef sei ein arger Blaukreuzler, so Ede.)

Er lallte noch was

Von seinem Hass

Auf nichtmal Kwass.

Und etwas von Rechnersinken

Deren und andrer dülpichter Codes

Er immerzu nots

Vor sich tät sehen blinken.

Ja, liebe Gäste

Schmieriger Weste

Was sie gewahren dort

Ist des Verfuselungssschatzes traurige Hütt’

Allwo man trielt in der Dunkelbütt’

Ein verwunschener Ort.

Hinterher, man empfiehlt dann einen kleinen Umtrunk bei Olli, Durst ist hier ja immer gewiss, fragen die Leute, ob es den Wodka-Ede denn wirklich gab, wes ihnen alle Alteingesessenen bestätigen, wohl noch die eine oder andere Geschichte von ihm zum besten geben.

Das stößt, wie gesagt, logischerweise bei allen, die am Tropf von Norddoof hängen, auf wenig Wohlwollen; zumindest muss von denen jeder so tun, als ob; jetzt aber folgte eine weitere Eskalationsstufe. (weiterlesen…)

Gründerzeit in Südschwitz

Montag, 13. Mai 2013

Die Hintlinge bauen Zisternen wie die Gedopten.

Seit der Buschpflanzen-Roland ihnen gezeigt hat, was man auch mit wenig Wasser, über Pionierpflanzen, mit Halbverschattung durch Akazien, den richtigen Sorten, Dornbuschhäckselgut, mondgebundener Aussaat und Ernte, Wasweißichnoch, alles erzielen kann, ist im Wilden Westen von Südschwitz eine neue Gründerzeit ausgebrochen.

Unter den Hintlingskindern ist ein veritabler Kamel- und Ziegendungsammelwettbewerb entstanden, denn durch die expandierende Landwirtschaft ist die Nachfrage groß, und so bringt ein Sack getrocknete Scheiße zuhause oder am Markt in Buschhausen kein schlechtes zusätzliches Taschengeld.

Etwas Anstoß erregte lediglich, dass einer meiner Schüler, der ein rechter Spaßmacher (ich half auch noch mit, nicht ahnend, was ich da anrichte), im Kurs für kreatives Schreiben das Scheißesammlerlied nicht nur erdichtete, sondern auch sehr schnell populär zu machen wusste. (Nicht wenige fanden nicht nur den Text erstmal gar nicht witzig, sondern auch, dass er überdies zur Melodie der deutschen Nationalhymne gesungen wird. Es hat schon im Original bislang nur eine Strophe.)

“Scheiße, Scheiße über alles,

Über alles auf dem Feld,

Wenn sie stets zu Nutz und Putze

Säuberlich beisammgekellt

Von der Geiß bis ans Kamele,

Von der Quetsch bis ran ans Geld -

Scheiße, Scheiße über alles,

Über alles auf dem Feld!” (weiterlesen…)

Erfreuliches aus Südschwitz

Montag, 06. Mai 2013

Es war ganz schön haarig, doch hat Norddoof (Berlin) den Finanzabschakalen in Südschwitz die Geschäftsgrundlage endlich entzogen. Wir sind sozusagen nicht mehr offshore.

Ollis beinahe schon randalierende Rentner, eine gute Koordination der Prostestaktionen der Hintlinge, Zenzis beherzter Einsatz, schildernd, welch kinds- und sittenverderbliche Elemente da unerträglicherweise nach Südschwitz hereingebrochen seien, dass sie, selbst, wofern dieser Unfug nicht bald ein Ende gesetzt bekomme, sich einem Hintlingshag anschließen wolle (die Hintlingshage, also in diesem Zusammenhang auch Widerstandsgruppen, werden, die Hintlinge meinen, das sei schlagkräftiger, geschlechtergetrennt geführt), und zwar zackig, zudem meine subtile Katastrophetie in Wort und Schrift, sollte der Pest nicht entschlossen gewehrt werden, taten ihre Wirkung.

Die Finanzabschakale sind gutteils schon weg, und der Rest sitzt auf gepackten Koffern.

In Freiberg war es schon vorgekommen, dass junge Burschen nachts, kaum zu bändigen, bis zum Morgengrauen skandierten:  ”Gesindel, Geldschwindel, raus!”

Abgesehen von dieser unser Gemeinwesen in Südschwitz überaus förderlich betreffenden Entwicklung ist Mona, nachdem der BND das zwar freiwillig, aber im Ergebnisse doch eher unfreiwillig, dabei sehr gut bezahlt, eingefädelt hat, jetzt fast schon wieder ganz richtig bei Olli. Sie ziert sich noch ein wenig, aber das hat ja auch seinen Reiz. (weiterlesen…)

Krise in Südschwitz (II)

Sonntag, 28. April 2013

In Südschwitz ist die Lage etwas eskaliert, einerseits, indem die OFH (“Organisation Freier Hintlinge”), deren meiste Rädelsführer ich das zweifelhafte Privileg habe, persönlich zu kennen, einen Pritschenwagen voller bereits brennnender Hanfstrünke nachts am Fuße von Freiberg abgekippt haben, jeder sahe die Lohe, drumrumtanzende Hintlinge, nackte Oberkörper, kurze Hosen, aber alle fest gestiefelt, also, dass die Stadtverwaltung wenig begeistert von dieser unangemeldeten Demonstration, Hartholtz reichlich beunruhigt, mancher Kiffer in der Hauptstadt befürchtete das Schlimmste, nämlich Rauchstoffknappheit, andererseits habe ich es geschafft, in Norddoof, in höchsten Kreisen in Berlin, immerhin schonmal für angestrengtes Nachdenken zu sorgen, ob die Dinge in Südschwitz eben doch nur dadurch zu lösen seien, dass man der Schweiz diskret einen Abstand bezahlt, die Briefkastenfirmen wieder untersagt, woraufhin den Geldbanditen die Geschäftsgrundlage entfiele, diese ob Arbeitslosigkeit sodann ohne jede weitere nötige Maßnahme eine freiwilllige Auswanderung vorzögen, also, dass der soziale Friede in Südschwitz wiederhergestellt werden könne, eine Entwicklung abgewendet, die das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland insgesamt weltweit zu beschädigen zu drohen nicht auszuschließen, kurzum, man gibt sich in Berlin kooperativ.

Mit irgendeiner fiesen Finte ist dabei natürlich noch jederzeit zu rechnen. Man sagt hier: “Wer Norddoof traut, wird von der Wüstenratz gefressen.” (weiterlesen…)

Krise in Südschwitz

Samstag, 27. April 2013

Seit Zenzi die Schule leitet und wir Tisch und Bett teilen und keiner etwas dagegen hat, außer vielleicht einer, der zwar keine Schule leiten möchte, aber vielleicht anderes mit Zenzi teilen, ist die Welt für mich so schön und erbaulich wie seit langer Zeit nicht mehr, also, dass ich über diesen Himmel auf Erden auch nicht weitere unnötige Worte verlieren will.

Leider aber häufen sich extern, in ganz Südschwitz, auch hier in Buschhausen, die Probleme.

Die Schweiz hat mit der wie immer klammen Regierung in Norddoof ein Sonderabkommen ausverhandelt, demgemäß Schweizer hier zu Sonderkonditionen allerlei Geschäfte tätigen dürfen, sich auch ansiedeln, allerlei Briefkastenfirmen eröffnen und Abschakalskapitalgeschellschaften einrichten. Das Gesocks, das da hereinbricht, will Blödbloß, da es nicht nur Sitte und Moral verdirbt in Südschwitz, sondern auch noch die Preise, in Freiberg schon arg, selbst in Buschhausen schon merklich, so dass es bei meinen Hintlingen, um es ganz vorsichtig auszudrücken, nicht eben sonderlich beliebt. Allzumal es ja nicht nur die korruptesten aller Schweizer sind, die hier aufschlagen, sondern auch noch all die Sonderschweizer, also jene Geldbanditen aus aller Welt, die mit Sondergenehmigung für eine Schweizer Sonderbriefkastenfirma tätig sind. Ein übleres Gesindel (sie machen bestimmt 70% jener Schmarotzer aus) wird die Welt, wenn je, nicht oft gesehen haben.

Es droht also ein veritabler Volksaufstand in Südschwitz. Hartholtz, der Standortkommandeur der Bundeswehr, das sagt mir Olli, ist schon ziemlich nervös. Er weiß genau, dass schon ein vierzehnjähriger Hintling drei bis fünf von jenen enddekadenten Hänflingen mit bloßen Händen binnen Sekunden niederzuwerfen wüsste, ihre Pistolen, haben sie welche, wegbeißend.

Es sind grade mal schätzungsweise dreitausend, aber sie sind bei einer Bevölkerung von irgendwo über hunderttausend (keiner weiß genau, wie viele Hintlinge es wirklich gibt) trotzdem unerträglich. Olli meinte zu mir, und etwas Vernichtenderes kann man von einem so gewetterten Wirt kaum vernehmen, sie seien die verdammt nochmal schlechtesten Dummsäufer, die er je erlebt habe. Sie wüssten nichtmal, wie man halbwegs anständig vom Barhocker fällt. Ihr Geschwätz sei so unerträglich verblödet, wie das nicht einmal in der heruntergekommensten rheinischen Trinkhalle im Puffviertel sich je anzuhören hätte, da dort selbst Paule Penner mehr verbale Originalität aufbrächte, und wenn er sich den Rüsel grade mal wieder am Tresen angehauen. Ich hätte nie gedacht, dass Olli so über seine eigenen, auch noch sehr solventen Gäste ablästern könnte. Manches von dem, was er sagte, kann ich hier nicht hinschreiben, da diese Seite keine Volljährigkeitssperre reingewickelt bekommen soll, das Vokabular eines Altprofis seines Gewerbes manchen Fluch und Schimpf umfasst, also ausgeübt ward, wie ich es nun eben Ihrer geneigten Phantasie überlassen muss.

Wer die Geschichte von Südschwitz ein wenig genauer kennt, wird jetzt unschwer erraten, was Olli, als er sich wieder abgeregt, meinte, wir sollten auf diese ganze Scheiße jetzt erst einen alten Vintage Port nehmen, dann zu mir sagen wollte, was ich aber zuerst sagte, um ihm da mal ein Schnippchen zu schlagen, dass ich wisse, was er jetzt gleich sagen werde: “Oh je. Olli. Ich soll also den Oberkommissar und den Hartholtz irgendwie belatschern, den Hintlingen erklären, ich hätte alles im Griff, nebenher brav weiterunterrichten, wie als ob nichts wäre, schonmal beim Schweizer Oberattaché ein wenig auf den Busch klopfen, sozusagen nochmal nebenher die entsprechenden Schreiben an Medien und Politik in Norddoof also listig wie geschickte geschrieben, wie die Adressaten ausgewählt, recht zügig und eifrig versenden. Stimmt’s, oder habe ich recht?”

“Es stimmt natürlich, und du hast recht, aber das reicht nicht”, versetzte Olli, nach kurzer, leicht erstaunter Pause, sehr trocken. “Du musst überdies Tuchfühlung mit den übelsten von diesen Banditen selber aufnehmen. Was sonst.”

“Ach nee, Olli. Da lasse ich einen Punkt aus, und Du hast ihn sofort.”

“Deshalb sind wir so gute Freunde.” Wir tranken noch einen Port und berieten uns in Ruhe.

(Das war vor einer Woche. Hartholtz ist vorsichtig kooperativ, hat aber selbstverständlich schwer die Hosen voll. Der Schweizer Obermufti hat mich kurz empfangen, meine etwas verschwurbelt vorgetragenen Bedenken angehört, ohne allerdings viel dazu zu sagen. Und einen Abend musste ich mit einigen von den fettesten dieser Vollidioten trinken. Dabei ergab sich ein gemischtes Bild. Einige von ihnen lachen nur über den Widerstand gegen ihre Präsenz, anderen aber ist doch schon mulmig. Das sind die mit den besseren Instinkten. Den einen oder anderen von denen werde ich wohl nochmal treffen müssen. Die Briefe gen Norddoof sind in Arbeit. Ich brauche mindestens drei verschiedene gute Briefe, richtig gute. Eine verdammte Scheißarbeit. Ich darf keinen Fehler machen. Nicht einmal daran denken, dass ich einen machen könnte. Es muss alles wie von Zauberhand geschehen.)

Zenzi ist jetzt meine Chefin (So schnell geht sowas)

Dienstag, 23. April 2013

So schnell werden die Dinge selbst in Deutsch-Südschwitz fast tragisch und können doch endlich vernünftig gelöst werden.

Zenzi eröffnete mir, ich sei ja ein “durchaus kompetenter Schulleiter”, “gar net so unbuschig”, schließlich (oh, wie gerne ich vergiftete Halbschmeicheleien von voll erbuschten Niederbayerinnen höre!), sie habe auch gar nichts gegen mich (also, Weib bleibt Weib, so gut wie alles), sie halte es allerdings für pädagogisch unangebracht, dass sie weiterhin kaum ein Geviert von mir entfernt wohne, denn das führe allzusehr zu Gerüchten, sie erwäge gar, eine Stelle in Freiberg anzunehmen, bringe es zwar kaum übers Herz, es gehe indes nicht an, dass sie als vorgebliche billige Konkubine des Rektors als Konrektorin ihrer Autorität und jener damit auch der der seinen verlöre.

Bevor ich auch nur eines Wortes zu entgegnen wusste, brach sie in Tränen aus, wild, diese aber ebensoschnell wieder trutzig abzuwischen, meinte, wutentbrannt: “Wenn es denn wenigstens so wäre!”

Des vermochte ich nun gar nicht zuzuordnen. Denn kaum hatte ich sie je allzufreundlich anzuschauen gewagt, ihrer unbezweifelbaren Reize halber, jenseits des Philologischen, angesprochen, mehr als einen dienstlichen Kaffee mit ihr anzusetzen mich unterfangen. Nun dies. Ich konnte fast nur noch verlieren.

Sie sah mich nämlich gar nicht so an, wie als ob eine gut gestammelte Liebeserklärung meinerseits jetzt noch irgendwohinaus oder gar -hin helfen könne. Ich verstehe zwar einiges von Sprachwissenschaft, aber auf diesem speziellen Teilgebiete derselben fühlte ich mich noch nie besonders erstudiert oder gar sicher. Also beschloss ich, es wird wohl eine Eingebung gewesen sein, spontan, als wie nie zuvor getan, jetzt einmal auf der Stelle zuammenzubrechen. Zunächst. Ich brach schwer zusammen.

Mein Gesicht ward, indem ich es gleichzeitig aschfahl werden ließ und mit kleinen roten Flecken sonder Zahl übersäete, das Kinn vor Verzweiflung leicht zitternd, die Augen osmiumkalt, jenseitig hart, graniten; mehr Entsetzen, blanken Schrecken, zugleich endgültige Entschlossenheit in Letztverzweiflung, sahe keine Frau je. (weiterlesen…)

Des Deutsches der Südschwitzer

Montag, 22. April 2013

Die Schule in Buschhausen steht. Sie ist innen schön weiß getüncht, Olli hat einem pleitegegangenen Privatgymnasium in Norddoof für einen Appel und ein Ei das ganze Inventar abgekauft, über Lagos im Container herschaffen lassen, mitsamt Rechnern, Tafeln, Lehrbüchern und einer beachtlichen Bibliothek.

Der Andrang ist gewaltig. Ich musste bereits eine Lehrerin einstellen, die die Grundis betreut. Zenzi, sie ist 38, stammt aus irgendeinem niederbayerischen Kaff hinter Deggendorf, hat zwar, zumal wenn sie sich mal wieder aufregt, was gar nicht selten vorkommt, einen etwas heftigen Akzent (naja, wenn sie mal “schleich di!” und anderes von sich gibt, ist es schon mehr als nur ein Akzent), ist aber sehr engagiert und im Erklären ein As. Die Hintlinge finden sie (es gibt hier kaum ein größeres Kompliment) “echt buschig”. Ich hörte sogar mal, wie ein kecker Hintlingsspross sie “öberst buschig” nannte, worauf ich zwar vermeinte, ein leichtes Rosa über ihr Antlitz huschen zu sehen, jener sich aber wegen schlechten Deutschs stante pede eine deutliche Rüge einfing. Zenzi ist, das lässt sich nicht bestreiten, nicht nur recht buschig, sondern, mit ihrem neckischen Pagenschnitt in Blond, auch, da man in Deutsch-Südschwitz nicht gerade fünf Mäntel übereinander zu tragen pflegt, noch nicht einmal die verfrorensten Damen, zudem neben dem, und das ist ebenfalls nicht wenig, was sie zu sagen hat, eine echte Attraktion, schadet dem Rufe und Ansehen der Schule dadurch keineswegs, auch wenn sie von mancher Hintlingsmutter mitunter etwas kritisch beäugt wird, dahingehend, ob sie dem Ihrigen wohl gar zu sehr gefallen möchte.

Sie weiß aber, was Männer sind (von X Bierfesten hinter Deggendorf, wo sie sich ihr Studium verdiente), egal wie durstig oder schon nicht einmal mehr durstig, geht damit also sehr professionell um. Ich will um sie jetzt aber nicht gleich noch mehr Worte machen, denn meine Schüler frotzeln mich eh schon mehr als ziemlich dessenthalben an, der Herr Direktor (der “Ditz”) habe offenkundig schon ein besonders Auge auf Frau Konrektorin geworfen, was ein echter Hintling aus Deutsch-Südschwitz ja problemlos verstehen könne undsoweiter undsofort…

Sowieso gibt es hier nicht wenige also aufgeweckte wie freche Kinder und Halb- bis Dreiviertelswüchsige. Die meisten von ihnen haben schon mit angespitzten Stecken Wüstenratten gejagt, bevor in Norddoof ein Kind auf ein Dreirad gesetzt wird. Ihr Wissen in Punkto örtlicher Flora und Fauna ist schon in den ersten Klassen überaus erstaunlich. Wenn sie in der großen Pause auf dem Schulhof Schleuder- und Bogen- und Armbrustschießen üben, gehen einem ob ihrer Geschicklichkeit manchesmal geradezu die Augen über. (Es gab sogar einen Antrag, man solle auch mit Kleinkaliber-, wenigstens Luftgewehren üben dürfen, den es mir aber, einen langen Sermon über Maß und Mitte in schulischer Ausbildung, zur Beförderung sozialer Kompetenz und Intelligenz, ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch alles herausschwatzte und daherschwadronierte, Zenzi half glücklich dazu, selbst damit drohend, dass sie so keine Pausenaufsicht mehr übernähme (was zumal die Jungs dann doch etwas nachdenklich werden ließ), irgendwie nochmal abzulehnen gelang.

Etwas mehr Sorgen indes macht mir die sprachliche Entwicklung der Hintlingskinder, also auch generell der Deutschunterricht. (weiterlesen…)

Kriegen wir keine kleine Kolonie? Deutsch-Südschwitz?

Mittwoch, 27. Februar 2013

Nachdem wir nun, nach Afghanistan, in Mali einen also klaren Kolonialkrieg unterstützen, frage ich, ob uns nicht auch wieder wenigstens eine kleine Kolonie in Afrika zustehen sollte. Immerhin mal 30 000 Quadratkilometer, überwiegend Dornbuschsavanne, gerne ohne Uranmine.

Da könnte der Deutsche doch wieder stolz auf seinen vom Bundespräsidenten eingeforderten europäischen Patriotismus sein, wenn er da ein eigenes Sozialentwicklungsgebiet hat.

Sobald alle Einheimischen und jene, die sich als solche ausgaben, in Deutschland mit Hartz 4 und diversen zusätzlchen Eingliederungshilfen versorgt, wird das Gebiet repopuliert.

Man hat jetzt an einem Orte, wo die Heizung nie etwas kostet, ein Gebiet, das sich für Ferienlager für mindervergesellschaftete Jugendliche prächtig eignet; die Hitze macht schon so müde, dass es dafür erst recht kein Bier mehr braucht.

Da das Gebiet – es muss sauber zugehen, demokratisch – frei bereisbar ist, ansonsten so menschenleer, kommen natürlich allerlei Abenteurer, Verrückte und Geschäftemacher der windigsten Sorte.

Zunächst nennt der Volksmund das Gebiet scherzhaft “Deutsch-Südsahara”; schließlich aber bürgert sich, offenkundig angelehnt an “Deutsch-Südwest”, “Deutsch-Südschwitz” ein.

In Deutsch-Südschwitz wird das Konterbanditentum natürlich bald zum großen Problem. Denn die Bierschmuggler machen ein Riesengeschäft. (weiterlesen…)