Archiv für den Monat September 2013

Vom Strategeme der echten oder gespielten Trunkenheit (Nr. 51)

Sonntag, 01. September 2013

Zunächst ist zu diesem Strategem klarzustellen, dass mit dem Begriff “Trunkenheit” nicht nur jene gemeint ist, die der Wein hervorrufen mag; es können andere Drogen als der Alkohol sein, die wirken; es können auch gar keine stofflichen Drogen im Spiele sein, jeder echte oder gespielte rauschhafte Affekt fällt hierunter.

“In vino veritas”: Ganz aus Versehen, bei all seinem Gebrabbel, spricht der Trunkene die Wahrheit oder etwas, das wie ihm versehentlich herausgerutscht erscheint, damit umso mehr Tragkraft erlangt.

Und der (scheinbar) Trunkene versteht Fragen nicht mehr richtig, lenkt, scheinbar chaotisch, das Gespräch von hier nach dort.

Im chinesischen Kung-Fu gibt es eine Technik, die sich “Der betrunkene Affe” nennt. Der betrunkene Affe bewegt sich so unberechenbar erratisch, dass selbst ein Gegner, gerade ein Gegner, der um die sonstige Nüchternheit seines Kontrahenten weiß, schwer einen Angriffspunkt findet, keine klaren Stilmerkmale, an denen er sein Vorgehen auszurichten wüsste. (weiterlesen…)

Von Unerbittlichen

Sonntag, 01. September 2013

Gestern habe ich – gewissermaßen – eine Botschaft aus dem Jenseits erhalten.

Ich erfuhr beim Biere von einem Bekannten, dass mein vor einem Jahr verstorbener Freund J. mir einen Spitz- bzw. Beinamen zugedacht hatte, den er wohl vor anderen im Munde geführt, was mir aber bislang keiner gesteckt hatte.

Magnus, der Unerbittliche.

Das hat mich sehr berührt.

Durchaus wohlwollend habe er diesen verwendet, halb spaßhaft, halb boshaft, halb anerkennend, wohl mit seinem typischen sarkastischen Lächeln bis Grinsen.

Der mir das hinterbrachte meinte noch, dies habe sich darauf bezogen, wie sehr ich mich in ein Thema, eine Sache verbeißen könne, eben unerbittlich.

Das Urteil hat für mich besonderes Gewicht, weil J. von nicht wenigen gefürchtet war, man könnte, wollte man den Grund in einem Worte benennen, durchaus sagen, das habe an seiner Art der Unerbittlichkeit gelegen.

Diese barg weniger an Geschwätzigkeit wie die meine, war, obschon J. gerne redete und erzählte, gegenüber manchen ab einem gewissen Punkte recht wortkarg.

Dabei war J. durchaus leutselig. Sein Beruf als Alleshändler zwischen Kabul, Goa, Islamabad, Teheran und Ostberlin und Weißichwo hatte ihn gelehrt, wo notwendig jede Sorte Schwätzer eine Weile schwatzen zu lassen und zu unterhalten.

So hatte er denn auch jede Contenance, gestählt von Myriaden indischer Bettler und orientalischer Händler, ertrug, als wir im Weinhause saßen, selbst noch das dümmste verbale Döns von backenaufblasenden sechzigjährigen gestopften Stuttgarter Halbhöhenlagenschranzen, ganz gelassen, mich hernach veräppelnd, indem ich darauf teilweise eingestiegen war. (weiterlesen…)

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