In der Praeternachpostmoderne

Der Vorgängerbeitrag “Nichtsverkäufer” ergab mal wieder einen Anlass zu der Frage, worüber man sich noch inwieweit bzw. wie lustig machen dürfe.

Diesmal ging es nicht um lebende Tote, um Fukushima oder einen Schießkrieg, sondern um den globalen Finanzabranz.

Zweifellos ist es immer schwierig, zu solchen Dingen zu wissen, wo vernünftigerweise die Grenze liegt.

Ich meine aber, das wir das Recht der Kunst, der Satire, mit Verve verteidigen müssen.

Man darf nämlich bald über nichts mehr einfach Witze machen. Außer Männer, Deutsche, Heteros, Christen, Karnivoren, die FDP und noch ein paar Leute.

Man kann erschlagen werden, vor Gericht kommen und womöglich in den Knast, oder sich auch nur gesellschaftlich ruinieren.

Der ganze Weg von der sogenannten Moderne (bis Ende der Siebziger), über die Postmoderne (etwa bis zum Ende von Fukuyamas Kalauer vom “Ende der Geschichte”, zu 9/11) hin zur “Nachpostmoderne” (wie ich unsere heutige Zeit, halb scherzhaft-deduktiv benamte und darüber kürzlich unter dem Motto “Heldentum in der Nachpostmoderne” erstmals in Dresden sprach) zeichnet sich nämlich durch eine immer weiter eingeschränkte Meinungsfreiheit aus, auch durch ein paar andere Entwicklungen, die aber praktisch sämtlich damit wesentlich zu tun haben.

Ein Spaß, der 1980 noch als vielleicht nicht ganz gelungen recht bequem durchging, kann heute direktemang aufs mediale Schafott führen.

Man könnte fast sagen: Je leichter und freier verfügbar Information, um desto eingeschränkter und verfolgter der Witz.

Diese Relation ergibt sich durchaus logisch; je mehr fast jeder wissen kann, um desto gefährlicher wird, dass er es auch noch sagen könnte.

Man hat daher den Verfolgungsdruck noch weit über die Verschärfung von Gesetzen, deren direkte Anwendung, erweiterte Überwachung hinaus bis hin in Verbände, Organisationen, Medien, noch den kleinsten Verein hin, ausgedehnt; wo früher noch alle gesagt hätten – “Der Peter spinnt zwar manchmal ein bisschen. Wer nicht? Der Peter ist schon in Ordnung!” – , da wird sich heute sofort ängstlich distanziert, oft, in vorauseilendem Gehorsame, gar eifrig mitverleumdet, hat Peterchen sehr schnelle gar nichts mehr zum Lachen.

Hier war der Anlass, wie gesagt, dass Leserin Lesezeichen und ich (zuerst ich) uns über die Finanzindustrie lustig machten, indem wir uns selber als Nichts- und Leerverkäufer von Nichtsen imaginierten, das Geschäft angemessen preisend und voll in dieses einsteigend.

Worauf kommentatorisch folgte, dass wir da Späße trieben, die nicht zum Lachen seien.

Das ist nachvollziehbar.

Aber: Waltet hier nicht gar schon die übertragene Angst, importiert aus den bereits weitgehend tabuisierten Bereichen?

Sollen wir uns etwa nicht einmal mehr über Finanzgeier lustig machen dürfen, weil wir damit ja automatisch deren Opfer verhöhnten?

Das kann nicht sein.

Das hieße ja, vereinfacht, dass wir uns nur noch über die Guten lustig machen dürften, aber niemals über die Bösen.

Das wäre denn doch eine etwas seltsame Satiremoralität.

Ich erkläre daher hiermit die Praeternachpostmoderne.

Es langt.

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