Gut schreiben

Was ich jetzt schreibe, würden manche Neusprechler wohl als “off” bezeichnen.

Also sozusagen ab.

Also nicht zum eigentlichen Thema gehörig.

Denn das eigentliche Thema eines Textes ist ja, zumindest für “Onner” und “Offer”, im Grunde nur, ob dieser möglichst viele Leute interessiert.

Dies hier muss überhaupt keinen interessieren.

Außer mich.

Und wenn dann noch einer dazustoßen sollte, habe ich in der Tat auch nichts dawider.

Also: Wie schreibt man gut?

Ich meine jetzt nicht “gut” für den durchschnittlichen Gymnasiallehrer, für den netzweisen Sensationisten, für Schafsmedienjournalisten, für bräsige Kurzsatzgourmands.

Sondern einfach so.

Die erste Regel dafür lautet, dass man das Andenlerserdenken bewusst einhegt.

In dem Sinne, dass man es zwar, wenn sachgemäß erscheinend, zu Wort kommen lässt, aber niemals bestimmen.

Die zweite Regel lautet, dass es außer dieser ersten Regel keine zweite gibt.

Außer Regeln gibt es im Leben glücklicherweise aber auch noch nützliche Hinweise.

Davon der erste ist, dass man keinem Lob trauen möge.

Ebensowenig wie irgendeinem Tadel.

Diese beiden Sätze sind zwar im Grunde selbsterklärend: aber ich will eventuell hier lesendem Nachwuchs doch noch ein wenig auf die Sprünge helfen.

Wie oft wird das Nebensächlichste, das Unerheblichste eines Textes gelobt, respektive getadelt?

Wie oft wird ein – womöglich fast reiner – Sachtext gelobt, gemessen an jenen, in denen die eigene Kunst wirklich zum Tragen kam?

Es stellt sich also stets die Grundfrage.

Will ich jetzt, hier und heute, Wirkung erzielen?

Oder will ich schreiben, was den Tag überdauert?

Oder, was in seltenen Fällen gelingen mag, gar beides?

Denn es ist ja durchaus nicht verwerflich, eine direkte Wirkung erzielen zu wollen.

Die Frage lautet dabei gleichwohl: bei wem eigentlich?

Beim Scheißbrühfahrer?

Beim Schafsmedienjournalisten?

Oder beim selber Schaffenden?

Am besten ist es natürlich, wenn man sich all diese Fragen gar nicht bewusst stellen muss.

Nicht muss, da man hat.

Nun noch kurz zur Wahl der Mittel.

Die stetige Erweiterung der Mittel ist Pflicht.

Wer seine Sprache nicht täglich zu schärfen trachtet, sollte es lieber gleich lassen.

Der wird nie übers Kopieren hinauskommen.

Der mag durchaus Erfolg haben, indem er bekannte verdauliche Schemata und Sprüche aneinanderreiht.

Gut schreiben aber wird er nie.

Es geht darum, über jedes Wort, jede noch so geläufig erscheinende, bekannte, übliche Redewendung immer wieder aufs neue nachzudenken.

Nicht an das oberflächliche Geschwätz von “Synonymen” zu glauben.

Ebensowenig wie ans blanke Wenn-Dann.

Lieber noch ans Vorhandensein eines Nullmorphems.

Beinahe hätte ich jetzt auch noch Goethe gesagt.

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8 Antworten zu “Gut schreiben”

  1. Armin sagt:

    Ich bin einverstanden mit Dir.

    Schreiben ist wie Musik machen oder malen oder singen oder irgendeine andere Kunst. Oder – was mir lieber ist – Handwerk. Denn, so sagt man:

    “Handwerk hat goldenen Boden”

    Ich setze mich schreibend oft mit Themen auseinander, bei denen das Schreiben nicht einfach fällt. Wähle ganz bewusst diffizile Themen aus, die in mir Kochen. Es geht mir oft darum, aus mir selber herauszukitzeln, was ich eigentlich sagen will. Ob ich es schaffe, überhaupt etwas konkretes, substantielles zu sagen.

    So gesehen steht vor jedem Artikel ein Wunsch. Etwas auszudrücken. Und wenn das gelingt, dann fühlt es sich an, als wenn man etwas Gutes gekocht und verspiesen hätte. Es fühlt sich voll und rund an.

    Andererseits habe ich noch nie einen einzigen Artikel geschrieben, welcher perfekt war. Man könnte es immer noch besser schreiben, wobei ich eigentlich oft gar nicht weiss, wie besser. Also ist es doch wie ein Kochen, bei dem, wenn alles emotionell klappt, wenn richtig gewürzt ist, wenn die Ambiance stimmt, sich ein rundes Gefühl einstellt. Ein Gefühl des Sattseins am eigenen aus sich Rausquetschen der Essenz.

    Dann ist da noch das Recherchieren, das Auswählen des die These untermauernden Materials, wobei gerade die stetige Offenheit gegenüber Neuem zentral ist, und deswegen die Möglichkeit immer da, dass gerade durch das Verdauen der Recherche sich die Essenz des Artikels wandelt – oder der Artikel im virtuellen Müll landet, da so nicht mehr relevant.

    Das wirklich Schöne am Schreiben ist jedoch, dass es sich verhält wie jede andere Fähigkeit, von Malen über ein Haus bauen über PSI, wie ein Muskel, der sich durch wahrhaftige Uebung entwickelt, vergrössert, an Kraft gewinnt.

    Der Schreibmuskel eben…

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin

    Die Handwerklichkeit kann in diesem Zusammenhang kaum genug betont werden.

    Leider hat sich bei vielen der Hirnriss durchgesetzt, es komme lediglich “auf den Inhalt” an.

    Den der Leser dann ja schon begreife, wofern vorhanden, egal, wie schäbig und wirr der Text geschrieben.

    Nicht wenige Autoren lesen ihre Texte offenkundig noch nicht einmal einmal durch, bevor sie sie einstellen.

    Solche Leute scheinen sich für derartig unverzichtbare Genies zu halten, dass sie das nicht für nötig zu erachten, geradezu als unter ihrer Würde anzusehen scheinen.

    Manche haben mehr als genug Geld, sich um einen Zwanni oder Fuffi einen Lektoren leisten zu können (wenn schon selber zu faul oder unfähig), lehnen das aber, darauf angesprochen, brüsk als völlig unnötig ab.

    Das heißt nichts anderes, als dass sie ihre Leser für Idioten halten bzw. verachten.

    Dazu habe ich oben mit keiner Silbe aufgerufen.

    Wer seine Leser in diesem Sinne geringschätzt, dem ist letztlich auch sein Werk egal.

    Aber es sortiert sich.

    Als Quittung bekommen solche Wurstikados entsprechend schlampige, schnodderige, oberflächliche Kommentare.

    Die zuwenigst ich so gut wie nie lese.

    Sie sammeln sich des Volks, das Bild und Blick braucht.

    Richten sich damit also selbst.

    Womit ich nicht kleinlich-beckmesserisch sein will.

    Man kann den Unterschied zwischen denen, die halt nicht so hundertprozentig orthographie- und interpunktionssicher sind, weil das eben nicht ihre Stärke ist, und jenen, die in gleichgültiger Arroganz schreiben, sehr wohl erkennen.

    Bei welch letzteren dann aber regelhaft auch die Wortwahl zu wünschen übriglässt.

    Und damit auch der richtige Transport der Sache.

    Manche treiben ihre Eitelkeit so weit, dass sie es als beleidigend hinstellen, wenn man sie mal auf den einen oder anderen (womöglich wirklich irreführenden!) Fehler hinweist.

    Für derlei Spießgesellen habe ich nichts übrig.

    Keiner von denen kann gut schreiben.

    Denn er versucht es ja nicht einmal ernstlich.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin

    Nachtrag

    Wie bei jeder Art Kunst geht es eben auch beim Schreiben nicht ohne Leidenschaft.

    Wer nicht bereit ist, jahrelang hart an sich zu arbeiten, bringt es auch darin nicht übers Mittelmaß.

    Ich empfehle auch jedem jungen Autoren, seine alten Texte immer wieder mal durchzublättern, mit dem entsprechenden Abstand nochmal zu lesen.

    Jedenfalls dann – jetzt werde ich mal derb – , wenn er sie nicht ohnehin für Arschwischpapier hält.

    Oben nicht explizit erwähnt habe ich die Bedeutung der Etymologie.

    Je mehr man von der Wortgeschichte weiß, umso feiner und tiefer lassen sich Metaebenen in einen Text flechten.

    Die oft nur ganz wenige Kenner oberbewusst entdecken, aber alle Leser unterbewusst spüren, wahrnehmen.

    Des weiteren hier nicht (allerdings an anderem Orte sehr wohl) ausdrücklich angesprochen habe ich die Prosodie, den Klang: Meinen Schülern sage ich immer, so banal das klingen mag, dass Sprache von sprechen komme und nicht von Schreiben, denn sonst hieße sie ja Schrift.

    Sprache ist gelebte Musik; wer das Klangliche nicht achtet, bleibt daher auf ewig ein Stümper.

    Die Ratio der Argumentation ist daher selbst im sachlichsten aller Sachtexte nur eine – wenn auch in dem Falle die gewichtigste – Ebene des erstellten sprachlichen Geflechts.

    Denken wir dabei nur einmal an die Mnemotechnik.

    Was gut gesagt ist, bleibt anders, bleibt nachhaltiger hängen.

    Und noch eins, wenn ich schon dabei bin.

    Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass viele meiner Leser nicht eben goutieren, mitunter sogar davon genervt sind, darüber spotten gar, mit welcher Vehemenz und Redundanz ich meine diesbezügliche “Korinthenkackerei” hier ausbreite.

    Das ist mir aber so egal, wie wenn in China ein Sack Reis mit Windstärke Nullkommadrei angeblasen wird.

    Denn ich habe mir weiland vorgenommen, mich nicht nur selber zu entwickeln, sondern auch etwas über den Tag hinaus weiterzugeben.

    Deshalb freue ich mich auch sehr darüber, dass Du hier kommentiert hast.

    Wäre aber kein einziger Kommentar zu diesem Artikel gekommen, hätte mich das in keiner Weise irritiert.

    Denn gerade dann, wenn man möglicherweise etwas von Gewicht sagt, gibt es (zunächst) oft weder Kritik noch Applaus.

    Manches Mal noch nicht einmal Spott.

    Auch das versuche ich meinen Schülern immer wieder klarzumachen.

    Inzwischen bin ich gar der Meinung, dass die ersten beiden zu übenden Textsorten die Wortdefinition und die Inhaltsangabe sind.

    So, wie man als Steinmetz erstmal die saubere Fläche zu lernen hat.

  4. Armin sagt:

    “Je mehr man von der Wortgeschichte weiß, umso feiner und tiefer lassen sich Metaebenen in einen Text flechten.

    Die oft nur ganz wenige Kenner oberbewusst entdecken, aber alle Leser unterbewusst spüren, wahrnehmen.”

    Als ich in Genf gearbeitet habe, habe ich es genossen, mit Männern zwei Stunden am Mittagstisch zu sitzen und nur über Kochen zu reden. So etwas ist im Deutschsprachigen Raum schwer möglich und die Angelsachsen kennen eh nichts (mehr) ausser Businesslunch (mit vollem Mund und Bauchweh in stinkigen Sitzungszimmern Mittag “essen”) und Sandwiches a Gogo (bis sie zu den Ohren rauskommen).

    Genauso schätze ich, hier über das Schreiben zu reden. Und wäre – wenn es Dich nicht gäbe – traurig, denn wo kann man das schon …

    Was Du das schreibst, gerade auch von der Selbstachtung, die letztlich flöten geht (mit der Achtung vor dem Leser), wenn man nicht innig, ernsthaft, nachdenkend, bewusst schreibt, gibt viel Denkstoff. Jedenfalls mir. Ich habe mich immer gefragt, ob ich einen meiner Artikel noch lesen kann nach Monaten oder Jahren. So gut, dass ich ihn noch vertrage, sollte er schon jedes Mal sein. Das ist mein Qualitätsanspruch auf mich selbst.

    Wie Du das beschreibst von den Metaebenen!

    Du sprichst etwas in mir an, was ich – so gut ich es kann – intiutiv spüre und anwende. Ich habe mir mein Wissen über Sprache, wie auch 99.9% meines gesamten Wissens, ausserschulisch (ich meine, wenn man so will, autodidaktisch) angeeignet.

    Das Du in Metaebenen schreibst, in Zwischentönen, das spürt man bei Dir. Ich will diese Kunst noch viel besser beherrschen und arbeite daran.

    Die Musik in der Sprache, der Rhythmus, die Melodie. Genau. Genau das fehlt mir, wenn ich die – ich nenne sie frech – Boulevard Antiverschwörungs Szene betrachte…

    Ich empfinde Sprache und Mathematik als Königsdisziplinen der Wissenschaft. In der Tiefe der Sprache und der Mathematik lässt sich die Wahrheit letztlich immer (auch inmitten von Lügenmeeren) finden. Ich sehe auch Verinnerlichen der Sprache, sozusagen seelisches Verstehen der Sprache wie eine Form der Selbstverteidigung gegen die allgegenwärtige – in erster Linie linguistisch betonte – Manipulation.

    Die Hypnose über Medienmanipulation wird – so glaube ich – wirkungslos wenn man Sprache beherrscht, versteht, multidimensional, vielschichtig, im Ganzen begreift. So gesehen sind Blogs wie Deiner auch eine Art intensiver Selbstverteidigungskurs.

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin & Alle

    Nachtrag II

    Jetzt schonmal in Fahrt gekommen, noch eins.

    Man muss schonungslos werden.

    Was selbstverständlich nicht heißt, dass man jeden jederzeit so runterlassen solle, wie es einem vielleicht möglich wäre.

    Wer sich aber noch vor Götzen wie Goethe in die Hosen macht, der ist nicht weit gekommen.

    Dieser Mann konnte zweifellos gut schreiben.

    Warum aber kommt er – bei mir nicht – bis heute mit dem unsäglichen Mist durch, den er in seinem Mithauptwerk namens Wilhelm Meister hingepinselt hat?

    Weil die Leute dumm sind oder feige oder beides.

    Man legt sich doch nicht mit d e m deutschen Dichterfürsten an!

    Ja, wenn man “man” bleiben will, tut man das nicht.

    Obschon es keiner großen sprachlichen Begabung, keiner allzu hohen dichterischen Entwicklung bedarf, das abartige Weltbild, das uns dort präsentiert wird, sachgerecht zu zersprechen.

    Dafür reicht ein Minimum an menschlichem Mitgefühl, reichen zwei oder drei einfache Sätze.

    Die aber trotzdem hingeschrieben werden müssen.

    Gelaber gilt da nicht.

    Wer die vorgebliche Ikone deutschen Geistes angreift, muss deutlich werden.

    Damit rechnen, dass keiner es wagen wird, außer im Sinne deviatorischer Verleumdung, darauf einzugehen.

    Goethe angreifen setzt eben Höchststrafe.

    Nicht nur Freimaurer setzen da allen Hass der Zukurzgekommenen.

    Man wird zur persona non grata.

    Was aber keiner offen sagen wird.

    Das hat die Turmgesellschaft ja noch nie nötig gehabt.

    Er wird mir trotzdem nicht entkommen.

    Kein einzelner unbedachter Satz.

    Sondern:

    Achthundert Seiten “Bildungsroman”: und zwar zum Sklaven.

    Da kommen seine Anhänger nicht mehr raus.

    So wahr mir kein Gott dabei helfen muss.

    Gut schreiben heißt auch Wagen und nicht Schweigen.

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin

    Gerade überschnitt sich’s: hatte also Deinen Kommentar eben noch nicht wahrgenommen.

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin

    Ich kenne glücklicherweise noch ein Deutschland, in dem man sich ohne weiteres zwei Stunden übers Kochen und Essen unterhalten kann.

    Aber zum Grundthema.

    Die Sache als “Selbstverteidigungskurs” anzusehen: das gefällt mir.

    Danke für diese Interpretation.

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Alle

    Ich vergaß im Zusammenhang noch den Mut. (Wie so manch anderes.)

    Wissen, wollen, wagen, reden!

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