“Euro-Retter” und der Sachzwang

Liebe “Euro-Retter”!

Ihr vermeint zu wissen, was ein Sachzwang ist?

Ein unabdingbarer gar?

Indem Ihr selber die Sache, die uns alle jetzt zwingen soll, herbeigeführt habt, mit aller Macht und allem Zwang, wider jede Vernunft?

Ihr seid noch nicht einmal mit dem Klammerbeutel gepudert.

Euer Hirn schwimmt seit Jahren in kaltem, ranzigem Fritierfett.

Englischem, in dem man gemeinsam wie im Wechsel Gammelfisch, Schweinteile und Mehlkartoffeln herausgebacken hat, bis dass die schwarzen Klumpbrocken rund um den Hirnkessel an der Wand haften, dass man sie nur noch mit der Schruppscheibe einer Flex wieder wegbekommt.

Mit der Flex aber kann ich umgehen, Ihr Lieben.

Schon mit Vierzehn in der Bauschlosserei meines Onkels damit angefangen.

Da waren es die mehr oder weniger sauberen Schweißnähte, die zu “verputzen” waren.

Ein Sachzwang, sozusagen, damit das Zeug nicht gleich nach dem Mennige oder der Verzinkung losrost’.

Ich habe es dann später auch mit der Diamantscheibe gelernt, Granit lecksauber und gerade zu schneiden.

Nur für den Fall, dass Ihr keinen Eisenschädel und keinen Holzkopf (kann man auch durchflexen, stinkt aber ziemlich; daher nimmt man lieber den Spalthammer, wenn zur Hand), sondern eine steinerne Kalotte vorhaltet.

Wir nannten, als ich Steinmetz lernte, den Winkelschleifer auch “die Geige”.

Damit wurde abgegeigt.

Oft genug das Stück nur auf einen Bierkasten gelegt, rechter Fuß drauf, Hinterbein- und Vorderbeingriff, und unterm Sack abgegeigt.

Lotrecht und kerzengeradeaus.

“Geigen”, also das Teil voll anlaufen lassen, um es dann in je rhythmischen Bewegungen wieder ins “Fleisch” (so nennt der Metz fallweise den überschüssigen Teil Stein) reinzujubeln, funktioniert allerdings nur bei Weichgestein.

Bei Granit und Eisen zieht man langsam durch, immer am optimalen Wirkungsgrad der Maschine.

Das ist weniger erotisch als das Geigen, aber dafür man lernt dabei ruhige Kontemplation.

Vom Pitscher und vom Spitzeisen werde ich jetzt nicht auch noch viel erzählen.

Sehr wirksame Eisen, wenn man wirklich etwas wegzuhauen hat und einen gut handeingeschmiedeten alten Eineinhalber mit perfektem Eschenstiel ganz hinten anfasst, um ihn gegen den Sachzwang zu führen.

Beim Spitzeisen musikalisch: Bäng bäng bäng bäng bäng bäng bang; bäng bäng bäng; …

Irgendwann spürt man nicht einmal mehr den Hiebarm dabei, der vorher noch wehtat: und das Eisen fängt an zu tanzen und schließlich zu singen.

Davon könnt Ihr in Euren dekadenten Logen natürlich nichts wissen; gleich einem Lehrbuben von zwei Wochen könnt Ihr noch nicht einmal geradeausgucken.

Und wenn der Winkel schepp ist, seht Ihr das auch nicht.

Selbst, wenn es sechs Grad sind.

Vom Goldenen Schnitt gar nicht zu reden.

Den nämlich seht Ihr bei der Hälfte.

Eurer Hirnhälften.

Ihr werdet noch lernen, was echte Sachzwänge sind.

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3 Antworten zu ““Euro-Retter” und der Sachzwang”

  1. Cornel sagt:

    Die Flex-Scheibe mag ich besonders wegen ihrer langen Standzeit und der Einsatzflexibilität.

    Man muss sich mit dem Stein anfreunden, der gibt erst richtig nach wenn man ihn korrekt behandelt. Jeder Schlag eine kleine Splitter-Fontäne, tunlichst in Richtung weg vom Gesicht, ganz schön scharf die Splitter. Wenn man den Dreh raus hat macht das richtig Spass. Stein und Eisen.
    Ach ja, das obere Daumengelenk der Führhand, respektive die Haut darüber, wird bei unkonzentriertem Werkeln gern mal in Mitleidenschaft gezogen. Schmerzhafte fette Riefen mahnen ab. Nix für’s Weichei.

    Und der Kreuzlug der Euro-Ritter? Die haben doch alle Zinkpest in der Schüssel, beim Schnitt interessiert sie nur das Gold, nicht die Dimensionen.
    Das die den scheppen Winkel nicht erkennen ist Programm, sind sich gewohnt krumme Dinge zu fabrizieren. Handlos, Kopflos, Los.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Cornel

    Ja, die Führhand büßt manchmal bitter, zumal das von Dir angesprochene Daumengelenk.

    Sie ist eben die Fühlhand, die, zumal beim Scharrieren, auch ganz schön was ins Handgelenk zurückbekommt. (Zu meiner Zeit durfte man zwischenrein mal noch ein Bier trinken, um die Schmerzen besser zu ertragen.)

    Rhythmus ist alles.

    Aber nur wenige Metze schaffen es, das Eisen zum Tanzen und Singen zu bringen.

    Die ältesten Stähle und Fäustel sind natürlich die besten.

    Und: Die wenigsten am Bau wissen, dass beim Fäustel der ganze Stiel bezahlt ist.

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