Mein Lachen

Gestern wurde mir eindrücklich nahegelegt, aus meinem kleinen Denken herauszutreten.

Jenes kleine Denken bestehe darin, dass ich immer noch auf dem klassischen Urheberrecht beharre und nicht einfach alles Geschaffene auf “Creative Commons” setze, also, dass jeder meine mehr oder weniger vitalisierenden Geistesfrüchte nach Gusto verbreiten könne, solange er selber kein Geld daran verdiene.

Ach so: Wer meine bescheidenen Erzeugnisse verbreitet, ohne unmittelbar dafür Geld zu nehmen, hat dann freie Bahn, drumherum sein ganzes Schmodderprogramm an den Mann zu bringen?

Der Schaffende gibt seine Rechte auf, dient idiotengleich einfach der Menschheit, oder, eher, realistisch gesehen, dem gewieftesten Usurpatoren.

Gut: Dafür winke mir ja eine viel größere Verbreitung meiner kostenlosen Erzeugnisse.

Ich möchte dann einfach ein Spendenkonto auf meiner Seite angeben, so, wie das andere tun, und von daher käme das Geld dann schon herein.

Mag sein, dass soherum für manche ein paar Brosamen vom Tische fallen.

Mag auch sein, dass das selbst mir vielleicht gelänge.

Nach reiflicher Überlegung gestern Nacht und auch heute Morgen weiß ich aber, dass ich diesem von meinem Gesprächspartner durchaus ehrlich wohlmeinenden Rat nicht folgen werde.

Lieber nämlich bleibe ich ein Fossil aus der Steinzeit der Kunst, als man entweder verhungerte oder irgendwie durchkam oder auch reich wurde.

Denn die Demütigung, mich gleich einem Straßenmusikanten mit Hut vor dem Akkordeon zum Bettelnden, zum Almosenempfänger zu machen, hole ich mir, wenn schon, dann auch wirklich auf der Straße ab.

Da sehe ich dann wenigstens jeden, der mir für meine Faxen ein 50-Centstück in die Kappe schmeißt.

Wenn schon rechtlos, nur auf Gnade, dann bitte klassisch, so rechtlos wie ein Gaukler je, mit dem verbogenen Gesicht, das jeder direkt sehen kann.

“Größer denken”: Das mögen dann gerne diejenigen tun, deren Bewusstsein über meinen kleinen beschränkten Geist hinausgewachsen ist.

Die ihre Kunst auf Hartz betreiben.

Oder sonstwie.

Oder die eben einfach eine höhere Bewusstseinsstufe erlangt haben: die sich aus dem allfälligen Mitgefühl des großzügigen Weltbürgers heraus bezahlen lassen.

Oder eben auch nicht.

Kunst nicht einmal mehr als Ramschware.

Der Künstler als einer, dem man, wann man gerade daran denkt und Lust dazu hat, ein paar Pfennige fallen lässt.

Der Künstler als rechtloser, irgendwo im Weltnetz herumstehender Penner.

Als einer, der sowieso auf den Straßenbäumen wächst.

Als einer, der die niedrigste aller Arbeiten verrichtet.

Als Outlaw, Wurm, Bettler.

Ja, da hätten die Konsumisten, die für jeden Sondermüllenergydrink locker Zwofuffzig für die Alubüchs bezahlen, wie selbstverständlich, uns gerne.

Damit könnten sie sich dann vollends, in ihrer geistigen Armut, als die vermeintlichen Herren der Welt fühlen.

Nix gibt’s.

Lieber klebe ich Tüten.

Oder schleppe Saftsäcke.

Lache dabei eben allein über meine mehr oder weniger gelungenen Witze.

Habe am Abend, wenn mir der Rücken wehtut, mich tagsüber im Geiste wenigstens mit mir selber unterhalten.

Mich der Unkultur der beliebigen Verfügbarkeit des Künstlers, als einem per Definitionem Obdachlosen, eben erst recht nicht unterworfen.

Kein Wunder, dass die Piratenpartei im Revier der Grünen wildert.

In jenem der saturierten, selbstgefälligen Hedonisten.

Der meist kinderlosen, kulturlosen Décadents.

Kleist erschoss sich, von Arschlöchern wie Goethe abgemeiert, mit 34.

Das werde ich mit 47 nicht tun, und auch nicht später.

Eine Welt der völligen Beliebigkeit mag meiner Geistesfrüchte nicht bedürfen.

Gut.

Dann mag sie sich jener bedienen, die sich ihrem Diktat unterwerfen.

Jener, die sich vor ihr im Staube wälzen.

Jener, die vom Worte Stolz noch nicht einmal mehr die Buchstabenzahl einigermaßen sicher selber zu zählen wissen, ohne ihren Rechner zu konsultieren.

Jener, die sich in ihrem Selbstverständnis und -bewusstsein als sozial sowieso unter jedem Kuli stehend begreifen.

Jener, die hinter den Geldtempeln, als selber Affen, da sie sich noch nicht einmal einen echten leisten können, vorübergehenden Volkes Minutenbelustiger spielen.

Als eine Welt, die über Spritpreise diskutiert und den VfB, das zu knappe Top der Nachbarin, und was sonst deren geistige Beschäftigungen ausmachen mag.

Als eine Welt, in der der Künstler ein Beliebikum ist, dem man nach dem Burgerfressen folkloristisch mal großzügig noch etwas Kleingeld auf die Gasse scheißt.

Eine Welt, in der die totale Verpöbelung in Naikih-Schuhen und mit Eipott alles regiert, außer es ist dummerweise gerade Krieg oder Staatspleite.

Eine Welt, die den Künstler auf die niedrigstdenkbare Stufe stellt.

Viel Spaß, Ihr Größerdenkenden, in dieser Eurer Welt.

Meine Welt kann an Eurer nicht untergehen.

Ich brauche nur Brot, Bier und Bett.

Und wenn man mir Stift und Blatt nimmt, dann habe ich umso mehr Zeit, meine Texte gut auswendig zu lernen.

Dann weiß ich erst recht um meinen Reichtum, den ich zu teilen keinerlei Anlass mehr habe.

Mit einer Hohlwelt, in deren Innerem auch allenfalls Banausen hausen, so wie oben auf ihr droben: die ihrer Endverdumpfung treu entgegensegelt.

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2 Antworten zu “Mein Lachen”

  1. Erford Erlich sagt:

    “Meine Welt kann an Eurer nicht untergehen.
    Ich brauche nur Brot, Bier und Bett.”

    Schon seltsam, denn so ähnlich lauteten auch schon die Vorgaben von Jesus Christus, wie die Menschen am besten ihr Leben leben sollen, nach dem Vorbild von Ihm selbst. Langsam begreife ich, warum sich Seine Gedanken bis heute nicht mehr aus der Welt schaffen lassen. Da hat es auch gar nichts genutzt, Ihn aus dem Wege räumen zu wollen. Jesus lebt in den Seinen weiter, auch wenn sie selbst das gar nicht immer so bemerken oder zugeben wollen.

    “Gut: Dafür winke mir ja eine viel größere Verbreitung meiner kostenlosen Erzeugnisse.”

    Jesus wurde auch um die Früchte Seiner “Arbeit” betrogen. Heutzutage kann jeder Dötsch Seine Worte – Seine “Kunst” – bzw. die ganze Bibel in etwas andere Worte kleiden und dann versuchen, dieses “neue” Werk vielleicht sogar für bare Münze unters Volk zu bringen.

    Hallelujah!

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Erford Erlich

    Merkwürdig, dass aufrechte Christen meine Aussagen so oft für kongruent mit jenen des Nazareners halten, obschon wohl wissend, dass ich nicht zu seinen Anhängern zähle.

    Immerhin wird er, das mag ich gerne eingestehen, mir dadurch allemal sympathischer.

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