Ein Lernresistenter

Vor einigen Jahren hatte ich einen Nachhilfeschüler der Achten Hauptschule in Deutsch, einen knitzen Burschen, dessen Faulheit in schulischen Dingen rekordverdächtig war.

Und Deutsch hielt er für das deutlich dümmste Fach von allen.

Am liebsten wäre er gleich Legastheniker geworden, hätte auch locker gelangt, 65 Fehler auf der A5-Seite, aber ich war dagegen.

Ich erklärte ihn zum Wursteniker und half ihm dadurch.

Bezeichnend war der Aufsatz, den der knapp Fünfzehnjährige schrieb, als er das Thema “So stelle ich mir meinen Planeten vor” zu bearbeiten hatte.

Sein Planet war denn ein einziger großer Puff, in dem an jeder Ecke alle Sorten Drogen verkauft werden, und jeder hat genug Geld, um sich von allem leisten zu können, so viel als er will.

Dies ward noch ein wenig ausgeschmückt bis es zum Schluss lapidar hieß: “In diesem Puff kann man auch übernachten.”

Ich war nicht wenig erstaunt ob des Burschen fortgeschrittener Lebensweisheit, dass er schon erkannt hatte, wie ärgerlich es sei, im Puff nicht auch gemütlich übernachten und ausschlafen zu können.

Dieser lebenstüchtige Realismus als tragseliges Element eines ausschweifenden Lebens, mit einem schalkhaften Grinsen quittiert, als ich’s las und lachte, er wohl wissend, dass sein Staatsschulmeister wahrscheinlich nicht gegackert hätte alswie ich, einer, der schon mal am Montag mit noch halbem im Suff am Freitag auf dem Acker Bein ab, aber doch noch dran, ebenso gutgelaunt zum Unterricht gehumpelt kam.

Ein echter teutscher Pursche.

Wenn es darum ging, für den Sinn der Faulheit zu argumentieren (klar, dass er zuhause mit auf den Rübenacker musste, Holzmachen usw.), waren seine rhetorischen Ressourcen und Einfälle schier unerschöpflich, jeder Hieb innerhalb des zu Gebote stehenden Vokabulars perfekt und spitzbübisch abgezirkelt.

Er fand selbstverständlich großen Spaß daran, mich in meinem Bemühen, meinem von ihm als hilflos verspotteten Gekrattel, ausgerechnet ihm etwas beibringen zu wollen, feixend runterzulassen, in unseren Gefechten.

Er stellte deshalb auch mit einigem Entsetzen fest, dass ich ihm in einer Halbjahresbilanz unwiderlegbar zeigen konnte, um wie viele Stufen er sich in verschiedenen Disziplinen und insgesamt gesehen verbessert habe, und meine Beweise waren so stichhaltig, dass ihm tatsächlich erst einmal gar nichts mehr einfiel.

Er schaffte es inzwischen 8-15 Fehler dort zu machen, wo es vorher jene 65 gewesen waren. Und er schrieb zusammenhängende, richtige Sätze. Jedenfalls, wenn er es wollte.

Ich hatte ihn überlistet.

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