Hochbegabte und Tod und Leben

Ich führte vorhin ein Gespräch, in dem unter anderem erörtert wurde, weshalb so viele Hochbegabte insgesamt und auch im Umfeld meiner und meines Gesprächspartners ein vorzeitiges Ende finden oder fanden, ohne dass ein Bus über sie hinweggerollt wäre oder dass sie selbst direkt Hand an sich gelegt hätten.

Das Nichtverzeihenkönnen geriet alsbald in den Fokus unserer Rede.

Als die entscheidende Schwäche, in die jede Sorte üble Kraft hineinstoßen könne, einen bereits Angeschlagenen mittelbar oder gar direkt endgültig zur Strecke bringen zu können.

Der Hader ist der Hochbegabten gefährlichste Sache.

Er lähmt deren schöpferische Kräfte, schwächt sie damit immer weiter, öffnet das Tor für übelwollende Mächte.

(Dieser Text ist auch eine Widmung.)

Ich rate daher allen, die mehr als nicht ganz dumm sind, da ich noch immer stehe, und auch nicht nur den Verstand eines Pinschers mitbekommen habe, genau zu schauen, dass sie in schweren Zeiten nicht in ebendiese Falle tappen, an deren Ende der Sensenmann wartet.

Verzeiht!

Nicht gleichgültig, achtlos, beliebig: Euch und Eurem Leben selbst!

Arg frisst an Leib und Seele.

Nachtragen ist kein wirkliches Tun.

Euer Gedächtnis wirke dem Neuschöpfen!

Tragt Eure Narben mit Stolz!

Siehe da: Selbst DAS ist bei mir verheilt!

Mag es manchmal noch wehtun: Ich weiß, weshalb!

Mein mir Wehtun ist ein Genesen!

Was schert mich Minder Geglotze!

Haben sie denn etwas zu sagen?

Würden sie nicht eigentlich lieber fragen?

Ist nicht meist ihre Angst, was sie zum Üblen treibt?

Verzeiht aber nicht den Großen Bösen Buben.

Die lasst nicht ein in Eure Stuben.

Da muss Wortes Beil fallen.

Kurz, gezielt, hart.

Ihnen allen.

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17 Antworten zu “Hochbegabte und Tod und Leben”

  1. TanjaKrienen sagt:

    Letztlich sind es die “Säfte”, will sagen: um welchen Menschentyp es sich handelt. Es gibt auch hochbegabte Sanguiniker, auch wenn sie aufgrund offensichtlicher Aufgedrehtheit nunmal nicht intelligent wirken. Ihre geistigen Fähigkeiten werden oft verdeckt. Und doch gibt es sie und sie sind es, die leichter überleben.

    Auch Melancholiker überleben, so sie die Balance zwischen der ihnen innenwohnenden Schwere und der von Schopenhauer empfohlenen Gleichgültigkeit gegen jenes Schicksal, welches nicht zu ändern ist, einzunehmen imstande sind. Doch sorecht gelingt es ihnen nicht (wie es auch Schopenhauer nicht wirklich gelangt). Aber diese Melancholie ist es, die dem Menschen zusetzt. Es ist vor allem der Punkt, selbst im scheinbar Positiven, vielleicht sogar wirklich Positiven, das Element des Zerfalls, des Untergangs, des schleichenden Todes zu sehen. Vor allem aber die stetigen Gewissheit zu sterben macht jene, die sensibler sind, den Umgang mit dem Leben so schwer.

  2. Tester sagt:

    Ich kann dir die Antwort aus meiner sicht geben, da ich früher öfter mit Selbstmord-Gedanken gespielt hatte bzw. unnötiges übertriebenes Risiko gesucht hatte – es ist Weltschmerz. Diese Welt muss man ertragen können und höherbegabten fallen die Ungereimheiten umso eher/häufiger auf. Irgendwann frißt es einen auf wenn man nicht bewusst abschaltet.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ TanjaKrienen

    Ich kam auf das Thema, nachdem ich an Kleist gedacht und mal den Wikieintrag dazu gelesen hatte.

    Eines der begnadetsten Sprachgenies je wählte mit 34 Jahren, sonst wohl kerngesund, den Freitod, da es, obschon durchaus vielen zeitgenössischen Größen aufgefallen und mit diesen im Verkehre, von Unverständnis und Misserfolg also niedergedrückt wurde, keinen anderen Weg mehr zu sehen.

    Daraufhin telefonierte ich mit einem Freunde und thematisierte die Sache im Zusammenhang mit uns nahestehenden Personen, die zwar nicht in Kleistscher Weise Hand an sich gelegt hatten, Hochbegabten, die ohne sichtbare Fremdeinwirkung allzufrüh, und recht offenkundig im Grunde an ihrem Seelenunheil, gestorben sind.

    Ich danke Dir für die beigesteuerten Gesichtspunkte, denen nicht zu widersprechen ist, und werde jetzt Tester noch kurz antworten, der sich ja nicht unähnlich geäußert hat.

    Liebe Grüße gen Waldeck

    P.S.: Mach’ so weiter mit den Videos. Ich würde auch gerne ab und an mal eins hier mit eigenem (schriftlichem) Vorspann (coole Leute sagen heute “Teaser” dazu…) und Bild zum Anklicken einbinden (als ganz eigenständigen Eintrag), damit noch mehr Leute mitbekommen, was Du da zeigst. Ich freute mich jedenfalls sehr über einen oder mehrere Vorschläge. Einfach ungefragt mag ich es nicht machen.

  4. TanjaKrienen sagt:

    Mach was du willst *g*.

    Kleist verzweifelte nicht zuletzt an einer Welt, in der zunehmend Handungsweisen deligiert wurden. So habe ich es jedenfalls mal gelesen. Der Zwiespalt eines Romantikers…

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Tester

    Ich will der Antwort an Tanja noch hinzufügen, dass Hochbegabte, die sich nicht anpassen (zu Deutsch: Seel’ und Arsch verkaufen), die der von Dir beschriebene Weltschmerz einholt, auch sehr häufig üblen Angriffen auf allen möglichen physischen wie psychischen Ebenen ausgestzt sind, oft, wenn sie gar noch aufmucken, systematisch in eine Ecke getrieben und fertiggemacht werden.

    Kindheitstraumata spielen natürlich auch eine Rolle, verstärken in diesem Prozesse wieder ihre Wucht; Leute, die an die Reinkarnationslehre glauben, sehen selbstverständlich auch noch unbewältigte Altlasten aus vorangegangenen Leben am Wirken.

    Nietzsche sagte einmal (ich denke, es war im Zarathustra), die Dummheit sei unergründlich klug.

    Es ist diese unergründliche Klugheit der Dummen, vor denen sich der strauchelnde Hochbegabte besonders in Acht nehmen muss.

    Aber auch die Bosheit, der Neid der nicht ganz so Begabten, die sich in jeder Art Rotte gar noch zusammentun, ihr Opfer zu vernichten. (Sehen wir hier von staatlichen und sonstigen Zwangsmaßnahmen mal ab.)

    Dies nennte ich hier einmal spontan den “Kleist-Effekt”.

    Die konnten damals nämlich gar nicht alle zu blöde sein (Goethe etc.), zu sehen was für ein überragendes Genie in jener an großen Geistern nicht armen Zeit da vor ihnen stand: Wieso wurde der zarten Seele, die in einem Feuerkopfe wohnte, nicht entscheidend geholfen?

    Sondern das Gegenteil?

    Auch, weil er in keine Schublade (Romantiker usw.) hineinpasste: die Literaturtheorie hat so gesehen zu ihrem schweren Leidwesen heute noch keinen eindeutigen Platz für Heinrich von Kleist gefunden.

    Das ärgert die Gelahrten und Belesenen natürlich mächtig, wenn sie vor dem Titanen stehen und ihnen nichts Rechtes dazu einfällt.

    Insofern dauert der Kleist-Effekt bis heute an.

    Beste Wünsche

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ TanjaKrienen

    (Überschnitt sich grade.)

    Handlungsweisen zunehmend delegiert…

    Das muss ich zunächst an einen hinteren Hirnlappen delegieren…

  7. TanjaKrienen sagt:

    Im Jahre 2000 schrieb ich einleitend über ein Essay von Botho Strauss -

    Zum Essay „Wollt ihr das totale Engineering“:

    Die Nietzschekrise

    Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge; ich spinne mich ein, weil überall es Winter ist; in seligen Erinnerungen hüll´ ich vor dem Sturme mich ein. Friedrich Hölderlin, Hyperion I 2

    Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war”, schrieb Heinrich von Kleist, kurz vor seinem Freitod an seine Schwester. Kant riss den scheinbar auf ewig undurchdringbaren Schleier, der die Aufschriften „Du sollst nicht wissen“ und „Es soll bleiben wie es ist”, auf, – mit diesem aber Kleist hinab.

    Der wusste nicht mehr aus noch ein, Gewissheiten waren dahin, alles schwand, verschwand, das Ziel unerreichbar, nein, gar nicht mehr vorhanden, – bis in den Grund hinein schien nichts mehr so wie ehedem. Kleist scheiterte an seiner „Kantkrise”. Kleists Kant heißt bei Strauß Nietzsche.

    Diese Erschütterung, erneuert und deutlicher werdend im ablaufenden 100sten Todesjahres des Pfarrersohnes Nietzsche, trifft Strauß bis ins Mark, lässt ihn seitwärts taumelnd, um sich greifend, suchend, irrend, verirrend, zurück. Das macht ihn im Wesentlichen sympathisch. Im Wesentlichen. Zu den verfeinert betrachteten unsympathischen Motive später…..

  8. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ TanjaKrienen

    Interessante Intepretationen zu Kleist wie Strauß.

    Letzterer hat ja mit aller Macht versucht, eine Art Antimoderne, sicherlich, wie Du sagst, durch Nietzsche getrieben, in unser Bewusstsein zu rücken (ich muss allerdings gestehen, dass ich nicht sehr viel von ihm gelesen habe).

    Vielleicht hat auch einiges von der morbiden Kunst eines Gottfried Benn auf ihn eingewirkt, in einen elitistischen Kulturpessimismus.

    Wir sehen ja allgemein eine wiederkehrende Sehnsucht nach archaischen Motiven, da die Welt vielen wie toterklärt erscheint (entsprechend dem Verhältnis Kant-Kleist, das Du dazu als schon vor 200 Jahren bestimmend vorlegst).

    Glücklicherweise habe ich wenigstens dies Problem nicht, denn für mich steckt die Welt stets voller Rätsel.

    Immerhin aber ist Strauß einer der wenigen Heutigen, die überhaupt noch über eine höhere Sprachmächtigkeit verfügen.

    Schon eine solche ist per se “unmodern”, wenn nicht “antimodern”.

    Nutzt einer die Möglichkeiten der deutschen Syntax im Kleistschen, Nietzscheschen Sinne, so heißt es gleich (weil die Affen nicht mehr lesen können): “verschwurbelt”, “altgestriger Stil”, “manieristisch” und dergleichen mehr.

    Es ist eben wieder eine Frage des Könnens wie des Mutes, sich über diesen angeleseligen Zeitgeist hinwegzusetzen, spurtreu daran zu arbeiten, eine Renaissance der deutschen Sprachkultur zu betreiben, einfach zu setzen, gerade da, wo nicht gefragt, erst recht, allen Spott zu ertragen, die Missgünstigen, die in jeden Winkel kriechen, die Nachwachsenden inspirierend, aufbrechend, nicht zurück, davonher aber vieles wieder beiholend, partizipien- wie prinzipientreu, Trommelwirbel, umfässlich, also vielschichtig wie klar, unerschrocken, fern dem Kotundbluttheater, dem Gewäsch der Mucker, dem Denglisch jener, die weder Englisch noch Deutsch können, den Genderismen, den kleinen Moden, dem Abgestandenen, der verbalen Dekadenz unserer Scheineliten, einfach selbst, auf dem steinigen Wege zum Parnass.

  9. TanjaKrienen sagt:

    Man schriebe “kompliziert” ist einer der häufigsten, aber auch dümmsten Vorwürfe, nur, weil man keine Artikel schreibt, in denen auch Sätze über sieben Wörter zu finden sind oder in denen Nebensätze nicht zu Hauptsätzen werden, nur damit die “Leser” es besser fressen.

    Strauss schweigt wohl auch seit Jahren. Wir werden alle schweigen.

    Verglichen mit früheren Zeiten ist die Welt tot, da die Sprache ausgeknockt ward, die Bilder mit Verboten ausgestattet und die lebendigen Impulse so kanalisiert wurden, dass ihr ewiger Begleiter, der Bumm-Bumm-Sound, der durch alle Ritzen bis in alle Hirne kriecht, alles überlagernd, was an die Oberfläche will. Die zugelassenen Widerspürche sind keine, sondern heischereische Effekte, YinYang-Tautologie die aus dem Nichst kommt und ins Nichts geht.

  10. Cornel sagt:

    Bewusst abschalten. Exakt das ist es was man versuchen muss. Ist natürlich nicht ganz einfach, ausserdem birgt es eine wesentliche Gefahr: Das man den “An-Schalter” nicht mehr findet; weil begraben unter einem Haufen platter Diversion, konstruierter Wahrheit und diskret verstecken Lebenslügen. So kann, was eigentlich heilsam ist, zum Problem werden.
    Wer dann abrupt geweckt wird (oder aufwacht) tendiert, wegen der erschreckenden Diskrepanz zwischen “Abschaltbild” und Realität, zu extremen Handlungen.
    Das ist der Moment der Katastrophe, wenn’s gut geht des Kunstwerks, normalerweise aber des Nichts.

    Wer über die Fähigkeit verfügt ein Musikinstrument, einen Pinsel, die Feder, Sprache oder schlicht seine Sinne und den Körper kreativ zu nutzen, kann sich so die schwarzen Wolken aus dem Kopf schreiben, spielen, zeichnen, sprechen, tanzen, lesen… Künstlerisches Schaffen erlaubt in einen geistigen Bereich vorzudringen der raum- und zeitlos zu sein scheint. Meditation pur. Ob man davon und damit leben kann ist eine andere Frage. Im besten Fall ja, öfter musste bloss hundert Jahre gewartet werden, um zu verstehen was da geschaffen wurde.

    Ars longa vita brevis

    „Der größere Teil der sterblichen Menschen, Paulinus, beklagt sich über die Mißgunst der Natur, dass wir nur für eine kurze Lebenszeit geboren werden, und dass so schnell und stürmisch die uns gegebene Lebensfrist abläuft, und zwar so, dass mit Ausnahme weniger das Leben die übrigen bereits bei der Vorbereitung des Lebens im Stich lässt. Und über dieses allgemeine Übel, wie man meint, seufzt nicht nur die große Masse und der unwissende Pöbel.”

  11. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ TanjaKrienen

    Ich hatte Dir auf den letzten Eintrag geantwortet, stellte aber grade fest, dass der Äther meinen Kommentar gefressen haben muss.

    Deine deftige Tirade gefällt mir ausgezeichnet, zumal der Schluss.

    Mit dem Hammer philosophiert.

  12. Dude sagt:

    “stellte aber grade fest, dass der Äther meinen Kommentar gefressen haben muss.”

    Ach dann bin ich also nicht der einzige der mit solchen Problemen zu tun hat, sogar der Boss selbst ;)

    Also ein Tip an alle Comment-Schreiberlinge: Vorm Abschicken Ctrl+A, Ctrl+C :-)

  13. Lysander sagt:

    Ich melde mich hier mal als einer der Hochbegabten “leidenden”. :)

    Wohl schon als für auch, befinde ich es meines Erachten’s als Fundamentiös und muss sagen, ja selbst wir Melanchoniker wandeln geschoren durch’s Leben, wie lieblich jenes auch vermag zu klingen ist es je nach eigener Sinnlichkeit nie leicht, von daher ebenso jetzt Definierbar.

    Andererseits stellt sich mir eine erneute frage.. wieso Philosophieren wir denn nun so gern? Liegt es an dem Metapher?

    Wie auch immer, ich gedenke ich schweife hier ab, bevor meine alles In- Frage-Stellung’ beginnt.. zu deinem obigen Stichpunkt, wären wir als leidende Hochbegabte nicht so überaus Sensitiv sowie ebenso Sensibel, wären wir nicht das gefundene Fressen unser selbst; doch selbst und wie du das sehr gut erkannt hast, wenn wir diesem Kind einen Namen geben, sollten wir uns dann wirklich die ganze Zeit darauf behargen? Schließlich ist das Köpfchen zur Veränderung doch gegeben.

    Habt ihr euch einmal Gedanken um die Freimaurer gemacht? In diesem Sinne.. wir sind nicht alleine ;)

  14. Lysander sagt:

    Ps: Das Wort Zwiespalt ließt sich meines Erachten’s sehr schön, vorallem weil dort so viel unscheibares verborgen liegt.

    Mit freundlichem Gruße :)

  15. Rudolf Sonnenberg sagt:

    fahr zur Hölle Tanja, dein Geseier ist echt unerträglich

  16. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Rudolf Sonnenberg

    Derlei Ansagen sind hier unerwünscht. Ich habe diesen blöden Kommentar jetzt nur freigeschaltet, weil ich weiß, dass Tanja sich auch vor Leuten, die begründungslos wie Sie herumpöbeln, nicht fürchtet.

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