Vom positiv traumatisierten Menschen II

Nachdem Miguel de Cervantes Saavedra schon als Vierundzwanzigjähriger in der Seeschlacht von Lepanto die Kraft eines Armes verloren, geriet er auch noch in feindliche Gefangenschaft, wo er täglich um seinen Kopf zu fürchten hatte.

Viele Jahre später, literarisch noch immer nicht erfolgreich, als Fünfzigjähriger, also praktisch schon ein Greis in jener Zeit, wanderte er in den Knast von Sevilla, vorgeblich wegen Unterschlagung von Steuergeldern, für fünf Jahre, eigentlich ein fast sicheres Todesurteil.

Doch daselbst überlebte er unter Schwerverbrechern wohl nicht nur kraft seines gewandten Geistes, sondern es kam ihm die Idee des Don Quijote, des also scheinbar verrückt wie sinnlos fahrenden Ritters, der fortan die ganze Welt betören sollte.

Im letzten Räuberloch gebar sich ein Genie.

Ja, es gebar sich selbst, denn wenig spricht dafür, dass Cervantes sein Werk von höheren Mächten geschenkt bekam.

Und er hegte, gleich Nietzsche nach seinem Zarathustra, keinerlei Zweifel mehr daran, dass er Großes, Ewiges geschaffen hatte, drückte sich dazu ebenso deutlich aus wie der deutsche Meisterdenker.

“Soldatisches Denken“ sei es, was ich da mittels meiner Thesen vom positiv Traumatisierten verbreite, meinte ein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner, und obschon ich ihm spontan inalsoweit zustimmte, dass etwas vom kriegerischen Typus daran sei, geht der Grundgedanke eben nicht als ein soldatischer, dienender, gar in einer Armee, sondern als ein zutiefst individuell notwendiger, nicht beliebig zu vervielfältigender.

Wir gehen damit einen großen Schritt weg von der Massenpsychologie. Kollektive Traumata, wie im Falle der Deutschen die Erbschuld aus dem Dritten Reich, mögen ohne weiteres überlagernde, Befreiung hemmende Schichten bilden: gleichwohl handelt es sich hier wesentlich um den Einzelnen, den jeweilig Verschiedenen.

Jetzt wäre es putzig, wenn 480 Seiten Erklärungen folgten. So wäre es üblich, das wäre, wenn auch etwas langatmig, so gerade eben deshalb, einigermaßen zu verdauen.

Von mir aber gibt es nun zunächst nochmal Zeit zum Selberdenken.

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3 Antworten zu “Vom positiv traumatisierten Menschen II”

  1. Sil sagt:

    @MWGöller

    Meine Geduld hat sich also ausgezahlt. Obwohl das jetzt so schnell ging mit dem Teil II, dass ich jetzt doch ins Zweifeln gerate, was das Wort “Geduld” im Weiteren ganz genau bedeutet.

    “Kollektive Traumata”

    Davon ist auszugehen bei den Deutschen, aber sicher auch bei Menschen anderer Nationalität.

    Die Frage ist hauptsächlich, wie werden wir diese Traumata (ganz schnell) wieder los?

    So wie Cervantes im Gefängnis zu landen, hat ihm sicher auch ein Trauma eingebracht. Er verarbeitete literarisch, denkend, phantsievoll, die Wirklichkeit umdeutend zum Wahnsinn und dann wieder zurück. Hatte Cervantes SEIN Trauma am Ende wirklich überwunden?

    “Jetzt wäre es putzig, wenn 480 Seiten Erklärungen folgten.”

    Vielleicht braucht es gar keine 480 Seiten an Erklärung, sondern nur Denksinn, um zumindest an den Rand der Weisheit zu gelangen.

    Wo endet (das jetzt) alles?

    Grüße, Sil

  2. “Soldatisches Denken”: ja, aber unter eigenem Kommando – also das kommt schon ungefähr hin, würde ich meinen. Die Form militärischer Organisation wäre dann natürlich eine ganz andere (als bisher).

    Und wenn wir die Parallele von M. de Cervantes zu seinem Zeitgenossen I. von Loyola ziehen – beides Spaniarden und “Draufgänger vor dem Herrn”, in jungen Jahren nur knapp dem Tod entronnen – dann könnte das von dir thematisierte Phänomen eine Menge Verständnis produzieren, wie es zur reformationsbedingten Wiedergeburt einer Organisation wie dem mächtigen Orden der Tempelritter kam und worin vor allem die psychologische Komponente dieser Machtfülle im Wesentlichen besteht.

    Andere sehen das so: “The Spanish Jesuit coadjutor Miguel de Cervantes Saavedra characterized his master Loyola in the person of Don Quixote, after whom is named Cervantes’ famous work, ‘Don Quixote de la Mancha’, the first half released in 1605 and the second in 1615. Yes, knight errant Don Quixote, ‘the noble of armor’, is the personification of none other than Ignatius Loyola, the hero of the Jesuit Order. Therefore, every member of Yale’s ‘Order of Skull and Bones’, after ‘kissing the slippered toe of the pope’, has been knighted by ‘Don Quixote’ in the tomb, and thus becomes a ‘Knight of Eulogia’ (i.e. ‘Knight of the Virgin Mary’ as Loyola first called his soldiers) and thus a Jesuit temporal coadjutor serving the pope in Rome.”
    Auch P.D. Stuart schreibt darüber in seinem Buch “Codeword Barbêlôn”.

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Tosco Torpedo

    Danke für den Beitrag, sehr interessant.

    Ich werde bei nächster Gelegenheit noch darauf eingehen, zumal Cervantes neben Nietzsche mein Lieblingsliterat ist.

    Grüße

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