Echt genuine Authentosemantik

Was ich ungefähr schon spontan auf Video aufgenommen habe, will ich hier noch etwas unschwäbischer, da schriftlich, umreißen: den Kult der Authentizität (irgendwo in den letzten 1000 Artikeln mokierte ich mich schonmal ähnlich, aber sicher anders).

Schon das Wort „authentisch“ selbst ist irgendwie nicht recht authentisch, zumindest im Deutschen, wo es als dreisilbiges Fremdwort gegenüber dem einsilbigen „echt“ recht gestelzt, pomadig, möchtegern wirkt, also inhärent genau seinem Sinne entgegenläuft.

Aber was will der arme Werber, Politiker oder Schwätzschaumeister machen, echt, echt klingt so provinziell, so kanpp, so unmittelbar und eindeutig, dass man gar nicht weiß, was man noch dazulabern sollte, eben echt.

Vielleicht sollten diese Leute es mal mit „genuin“ versuchen, das klingt auch irgendwie gebildet; allerdings ist das Wort etwas weich, die beiden „t“ und das zischende „sch“ verleihen „authentisch“ einfach mehr expressives Potential; und außerdem ist die Nominalisierung schwierig: Genuinität oder Genuinheit oder Genuinnis, alles klingt ein wenig daneben.

Woher diese fast verzweifelte Suche nach Authentizität, Echtheit rührt, ist nicht schwer auszumachen: Jeder Schweinehirt und Seckel läuft heutzutage mit dem gleichen Nike-Geraffel, iPhone usw. herum, spielt dieselben Ballerspiele, frisst genau die Leberkäswecken wie jeder andere Loser.

Soll also ein Werbeträger irgendwie zu noch mehr Konsum verlocken, so muss ihm irgendetwas Authentisches angedichtet werden, das ihm die Aura verleiht, die der kleine Seppel gerne hätte und sich zukauft, bis dass der Kontokorrent kirre.

In Wirklichkeit darf an der jeweiligen Figur natürlich nichts Authentisches dransein, denn wenn der Konsument merkt, dass das Authentische tatsächlich echt ist, und die Gefahr besteht in diesem Falle sehr leicht, wird er sehr stinkig, denn dass er sich das um neunundneunzig Euro nicht kaufen kann, weiß er, er lässt er sich schließlich von der Werbung nicht verarschen, worauf er sehr stolz ist.

Die Kunst besteht also darin, sich etwas sehr Authentisches auszudenken, das einer genauen Echtheitsprüfung mit Sicherheit nicht standhält: schon allein deshalb meidet man das Wort echt.

Außerdem ist es peinlich, dass schon jedes Vierjährige das Wort kennt: wirkt also verglichen mit authentisch irgendwie als primitiv und infantil konnotiert.

Jaja, die Semantik ist der Teil der Sprachwissenschaft, den bestimmte Leute am allerliebsten zuerst auf den Index setzten.

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