Runen und ein Standhafter

Ein alter Sprachwissenschaftsprofessor, schon lange Emeritus, den ich selbst in seiner vollen Pracht und akademischen Gnadenlosigkeit noch genießen durfte, erzählte mir vor ein paar Tagen, da ich ihn ob Recherche im Zusammenhang mit meiner auf zeitgeist-online.de inzwischen erschienenen Buchbesprechung (Karl-Heinz Göttert: Deutsch – Biografie einer Sprache) anrief, es gebe geradezu eine Renaissance des Interesses an der Runenkunde.

Als ich erwähnte, dass ich von erheblichem Fleiße auch in Japan beiläufig mitbekommen habe, meinte er, die Japaner kümmerten sich in der Tat mit großer Ernsthaftigkeit geradezu rührend.

Mich rührte dabei an, wie ein wohl schon über Achtzigjähriger mir Rede und Antwort stand, gleich bereit war, den Herd herunterzuschalten, sein Bücherregal anzusteuern und mit mir auch noch einen Plausch über deutsche Dialekte zu beginnen, einer, bei dem ich als Gaststudent (ich war damals nicht in der Germanistik eingeschrieben) vor zwanzig Jahren gerade mal ein Seminar besucht hatte.

Sicherlich nicht mehr auf dem Zenit seiner körperlichen Kräfte, redete da ein immer noch hellwacher, selbstbestimmter Geist, den jene Alzheimersche Krankheit wohl nie wird erreichen können, da er die entscheidenden Gegenmittel in seiner mentalen Hausapotheke hat: beständige geistige Beschäftigung, Liebe zum Gelernten, nie nachlassend, Freude an der Arbeit, früher stets ein Wanderer in freier Natur (ich hoffe heute noch, dazu kamen wir nicht mehr), ein offenkundig Erfüllter, auch wenn ihm die verjüngende Freude eigenen Nachwuchses, soweit ich weiß, nicht vergönnt wurde.

Dieser Mann hat eben geistige Kinder, wie andere Männer, die ich kenne und schätze, Freunde sind, hoffentlich fürs Leben, inzwischen vielleicht doch keine leiblichen mehr zeugen werden.

Ich gehe ansonsten mal davon aus, dass dieser Mann in den letzten Jahren genausowenig medial ferngesehen hat, wie ich.

P.S.: Vor fast fünfzehn Jahren wurde, daran erinnere ich mich aus Gründen, die ich hier nicht darlegen will, von wohl in anderem Sinne ausgerichteter Seite das Gerücht verbreitet, der ach so böse Alte habe das Zeitliche gesegnet. “Böse” war und ist er glücklicherweise immer noch allenfalls in dem Sinne, dass er nie etwas für ungegründetes Geschwätz übrig hatte und sich darin treu blieb. So entsteht und erhält sich mindestens die geistige Gesundheit dauerhaft.

— Anzeigen —


Tags: ,

Eine Antwort hinterlassen