Also

Das Folgende erschien ursprünglich auf freitag.de:

http://www.freitag.de/community/blogs/carl-gibson/wert-und-ehre-deutscher-sprache—wort-schoepfungen/?searchterm=Carl+Gibson

21.03.2010 | 11:29
“Wert und Ehre deutscher Sprache” – Wort-Schöpfungen
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Es ist ein Verdienst von Freitag , auf dieser Plattform freie Geister unzensiert argumentieren zu lassen.

Diejenigen, denen man in den Online-Ausgaben der ZEIT, der FAZ, des SPIEGEL etc. das “Wort” abschneidet, finden sich hier wieder – und sie reden hier so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, frei, wobei die Grenzen des kategorischen Imperativs doch noch respektiert werden.

So fand ich hier zufällig einen geistigen Mitstreiter wieder, den ich vor 20 Jahren das letzte Mal gesehen und gesprochen hatte. Ich stieß dann auch auf seinen Blog und auf seine Eigenheit, nicht nur frei zu reden, tacheles, wie man so schön sagt, sondern auch individuell.

www.unzensiert.zeitgeist-online.de/

Magnus Göller betätigt sich – undeklariert und vielleicht nicht zur Freude des Bibliographischen Instituts in Mannheim (dort wird der Duden herausgegeben) – als Sprachveränderer und Wortschöpfer.

Wer nach neuen Begriffen, Wortkonstruktionen, etc. sucht, wird dort fündig, denn der Autor (auch von Aphorismen) gebraucht die deutsche Sprache nicht immer “sprachgemäß”, sondern “individuell”.

Individuelle Kreationen, Sprachschöpfungen werden von einer “Wortwarte” hier in Deutschland aufgefangen, registriert. (Ich weiß davon, weil zufällig einer meiner Begriffe (“Identitätserhaltung”) dort auffiel.)

Heute las ich wieder in Göllers Blog und stieß u. a. (gewöhnungsbedürftigen) Formulierungen auf das Verb “schakalen”, dass wohl von dem Substantiv “Schakal” abgeleitet wurde.

Nach Hugo von Hofmannsthal gebrauchen nur unsere größten Schriftsteller die deutsche Sprache sprachgemäß (Essay: Wert und Ehre deutscher Sprache) – alle anderen, besonders die Journalisten (Oberleichthindrüberhuscher, nach Lenau) „verhunzen“ die Sprache,

noch mehr diejenigen, die sie nur als Mittel zum Zweck gebrauchen, etwa die Juristen.

In Frankreich wacht die Französische Akademie über die Reinhaltung der Sprache – wer wacht hier, der liebe Gott?

Was ist erlaubt bei Wortneuschöpfungen?

Was dürfen Dichter, Schriftsteller?

Dürfen sie alles, was sie können, was denkbar und schreibbar ist?

Oder gibt es Grenzen?

Als ich Magnus vor zwei Jahrzehnten als linguistischen Eremiten erlebte, hatte er gerade das Grimmsche Wörterbuch erworben – es war eine Vermögensinvestition aus der Sicht eines armen Studenten, 20 Bände? Mehr?

Ich schlug es auf, fand Wörter vor und Worte, die schon ausgestorben waren, deren Etymologie kaum noch einer kannte.

Es war ein Hinweis darauf, dass die Sprach lebt und dass sich die Sprache permanent verändert … mit Neologismen etc. bis hin zur Gefährdung der Identität.

Wert und Ehre deutscher Sprache – wohin geht die Reise? Ein weites Feld …

Carl Gibson

Magnus Göller schrieb am 22.03.2010 um 01:08
Lieber Carl,

es ehrt mich natürlich sehr, dass Du mich hier in dieser Weise hervorhebst.

Aber zur Sache: Wortneuschöpfungen können rein situativ (zumal in einer Satire) und damit recht wahrscheinlich ephemer sein (wofern sie denn nicht doch Flügel bekommen), aber auch die Sprache dauerhaft bereichernd, aufweckend, aufladend, ergänzend, einfach neuen technischen oder sozialen Umständen geschuldet sein usw…Ich will jetzt nicht seminaristisch werden.

Ich arbeite aber durchaus mitunter – gerade auch im kontrastiven Sinne – mit diesem Mittel: Ansonsten wird mir ja regelhaft vorgeworfen, ich altertümele, verwende Redewendungen und semantische Spitzen, die “keine Sau” mehr kenne, schwurbele Bandwurmsätze daher, die heutzutage keiner mehr logisch entziffern könne, es gebe sowieso kaum noch jemand, der so etwas lesen wolle…

Vielleicht nehme ich in diesem Sinne mitunter untugendhaften Urlaub von ebenso fragwürdigem Tun; indes, ich versuche doch stets ernsthaft, Inhalte zu transportieren, auch wenn Vieles verspielt aussehen mag; auch den Vorwurf, ich mischte mitunter grauenhaft disparat Stile, rührte sozusagen Knoblauch unters Vanilleeis, lasse ich durchaus gelten, denn in vielen Fällen kann man das so sehen.

Insgesamt aber versuche ich, jenseits der Inhalte und oft eben auch knapper Diktion, eben auch Freude an der deutschen Sprache wiederhinaufzugewinnen und zu vermitteln.

Die Reaktionen sind dabei sehr gemischt; was der eine für überzogenes Geschwafel hält, findet der andere köstlich gelungen, dann mal wieder umgekehrt.

Kurzum, ich experimentiere gerne, will auch zum selber Spielen anregen; knochenharte deutsche Sprache, abwechselnd mit Derbem, Dialektalem, Baustellendeutsch, dann mal selbstironisch überzogene Gräzismen und Latinismen zuhauf, hernach zum Dessert ein wenig Brentano, warum denn nicht?

Ich bin mein eigener Lektor (ein Rechtschreibprogramm verwende ich aus Prinzip nicht), und da ich keinem Verlage tributpflichtig bin, auch keine Tantiemen erhalte, tue und lasse ich einfach, was ich will.

Das Schönste daran ist, dass ich immer wieder selber schmunzeln oder gar lachen muss, oder besser kann und darf, was für ein merkwürdig’ Ding ich da eben fabriziert habe: es schenkt schlicht Lebensfreude, und manch anderer hat, wenn ich darob nicht stets beschmeichelt beflunkert wurde, wohl auch schon sein Plaisir daran gehabt.

Schreiben heißt eben auch, solange man dies nicht als Lohnschreiber tut, sich einfach eine eigene Welt aufbilden, wenn man so will, in Gedanken Herr über das Dasein zu werden, damit Sorgen und Nöte in die kurzen Sätze zu verbannen und Lebenslust in den langen Lauf zu lassen oder auch mal umgekehrt.

Wie Du weißt, daran hat sich wenig geändert in den letzten zwanzig Jahren, bin ich nicht sonderlich gläubig im herkömmlichen Sinne: aber dass die Kunst dem Menschen erst seinen eigentlichen Wert als Wesen gebe, daran glaube ich.

Ansonsten glaube ich fast nur noch an die Liebe und den Trieb nach Erkenntnis und Freiheit, alswelche die Grundlage jeder wirklichen Kunst sind; und daran, dass Geld im Grunde genommen nichts wert ist.

Zurück zum Kernthema: Über Neologismen entscheidet letztendlich die Sprachgemeinschaft; bei ernstgemeinten (also jenseits des Spottes oder der Satire) versuche ich immerhin, Idiotenkram wie “downloaden” meinerseits nicht anzusetzen und mich an die in der deutschen Sprache gewohnten und daher möglicherweise angedeihlichen Formen der Wortbildung zu halten.

Soviel noch zum “lieben Gott”, der da hoffentlich in mir ein wenig Wache hält.

Grüße

Magnus

Carl Gibson schrieb am 22.03.2010 um 13:24
Lieber Magnus,

wer an tristen Tagen, wo es nichts zu lachen gibt, trotzdem lachen will, der findet einiges an heiteren, humoresken Dingen auf Deinem Blog vor – er soll dort lesen, dann wird er auch wieder auflachen.

Mehrfach habe ich die Probe mehrfach gemacht und einiges nachgelesen was Du – in monologischer Existenz, doch im Austausch mit der Welt – elektronisch veröffentlicht hast.

Gedanken in die Welt senden heißt nicht nur, sich nicht zu fügen und zu allem zu schweigen, es bedeutet auch Lust an der Kommunikation und ist ein Stück Existenzbewältigung.
Das Leben der Schreibenden, die konsequent ihren Weg gehen, ohne sich mit den Strukturen der Macht zu arrangieren, ist gerade heute hart. Und die Würde des Einzelnen ist vielfach bedroht.
Das Du trotzdem dem Logos und der Logik vertraust und über die Sprache hinaus gehst, die für Dich dichtet und denkt (Schiller), ehrt Dich besonders.

Aber Du hast es ja selbst gut formuliert:

“Kurzum, ich experimentiere gerne, will auch zum selber Spielen anregen; knochenharte deutsche Sprache, abwechselnd mit Derbem, Dialektalem, Baustellendeutsch, dann mal selbstironisch überzogene Gräzismen und Latinismen zuhauf, hernach zum Dessert ein wenig Brentano, warum denn nicht?

Ich bin mein eigener Lektor (ein Rechtschreibprogramm verwende ich aus Prinzip nicht), und da ich keinem Verlage tributpflichtig bin, auch keine Tantiemen erhalte, tue und lasse ich einfach, was ich will.

Das Schönste daran ist, dass ich immer wieder selber schmunzeln oder gar lachen muss, oder besser kann und darf, was für ein merkwürdig’ Ding ich da eben fabriziert habe: es schenkt schlicht Lebensfreude, und manch anderer hat, wenn ich darob nicht stets beschmeichlt beflunkert wurde, wohl auch schon sein Plaisir daran gehabt.

Schreiben heißt eben auch, solange man dies nicht als Lohnschreiber tut, sich einfach eine eigene Welt aufbilden, wenn man so will, in Gedanken Herr über das Dasein zu werden, damit Sorgen und Nöte in die kurzen Sätze zu verbannen und Lebenslust in den langen Lauf zu lassen oder auch mal umgekehrt.”

Dem will ich hier nichts mehr hinzufügen.
Carl Gibson

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