Schach

Wer Lust hat, eine skurrile Männerversammlung feierlichsten Ernstes zu besuchen, in der die Frauenquote so gut wie gar nicht angekommen ist, in der seltsame Manieren herrschen und eine ganz eigene Sprache nebst einem sehr speziellen Humor gepflegt wird, gleichwohl nicht in eine Freimaurerloge eintreten will, der ist bei Turnierschachspielern gut aufgehoben.

Nach fast 25 Jahren Abstinenz habe ich mich jetzt wieder darauf eingelassen, einige Sonntagnachmittage in diesem Ambiente zuzubringen, nachdem mich in meiner frühen Studentenzeit die Vormittagstermine doch zu sehr geschlaucht hatten, ich doch auch sah, dass ich es mit noch mehr Mühe allenfalls in eine Liga schaffen könne, wo immer noch kein Discounterbrot unter die Margarine käme.

Es macht aber doch wieder einigen Spaß, zumal ich nach wenigen Partien stolz feststellen durfte, dass zwar noch nicht die alte Spielstärke, aber doch schon ein guter Anklang an diese wiedergefunden war; da praktisch alle Schachspieler merkwürdige Käuze sind, ist die Sache auch soziologisch sehr interessant, und wenn mein Hirn mal wieder über mehrere Stunden weitgehend fehlerfrei funktionieren muss, weil nach einem falschen Zug keine Tastenkorrektur und kein Lehrerwitz mehr hilft, so empfinde ich die Sache auch noch als autopädagogisch wertvoll.

Am ersten Brett ergab sich heute auch eine sehr interessante Partie, die der Vereinskamerad mit Schwarz noch sehr geschickt für sich entscheiden konnte, ein gestandener Familienvater gegen einen vielleicht Neunzehnjährigen, der ob seiner durchaus vermeidbaren Niederlage (er hatte schlicht versäumt, die Stellung zu schließen bzw. seinen König rechtzeitig aus der Gefahrenzone zu bringen) doch sehr bedröppelt war, denn er hatte seinen Gegner zunächst mächtig unter Druck gesetzt, alswelcher sich, was selten vorkommt, mit dem seinigen Granden ganz auf die andere Brettseite geflüchtet hatte und dann den Angriff auf dem Königsflügel also erwiderte, dass der Weiße schließlich dort zuende gebracht ward.

Psychologisch gesehen können Schachpartien selbst schon in der Bezirksliga etwas wahrhaft Dramatisches, beinahe Episches an sich haben; gerade aufgrund der mangelnden Spielstärke, ich sah es erst neulich wieder beispielhaft, kann einer, ohne direkt saudumm eine Figur zu verlieren (der Schachmann nennt das “einstellen”), durch eine Summe kleiner Fehlentscheidungen eine an sich klar gewonnene Partie noch abgeben, und, ohne sadistisch sein zu wollen, wie dabei das Gesicht lang und länger, die Miene bang und bänger wird, das ist großes Kino im Kleinen.

Der soziale Aspekt dabei ist auch wirklich nicht zu verachten, denn nicht selten analysiert man auf dem Flur mit einem Spieler der gegnerischen Mannschaft eine umkämpfte Stellung; es ist durchaus üblich, mit dem direkten Gegner, auch mit interessierten Anderen, eine beendete Partie nachzuspielen und freundschaftlich gemeinsam noch einmal in ihrem Verlauf zu analysieren, kurz, es geht sogesehen meist vorbildlich sportlich und kollegial zu.

Man gibt sich vor Partiebeginn die Hand, einigt sich per Handschlag auf Remis, wenn dies angeboten und angenommen wird, gratuliert bei Aufgabe dem Gegner also, wie auch dem Kameraden, der eine Partie gewonnen hat.

Und: Silentium ist oberste Kombattantenpflicht; man bewegt sich über Stunden in einem Raum, der für Konzentration in Ruhe steht, man entflieht jedem Radau und jeder Hektik der Restwelt.

Wenn man es nicht übertreibt, mag Schach in diesem Sinne etwas Therapeutisches, durchaus Spirituelles an sich haben, die Seele auf schlichtemang mal eine Aufgabe richten, in der normalerweise weder Zufall noch Foul noch höhere Mächte noch sonst eine Störung entscheidend wirken können, man einfach selbst mit eindeutigem Ergebnis seines eigenen Glückes Schmied sein darf.

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