Als ich vor knapp zwanzig Jahren nach dem Studium Steinmetz lernte, gab es in dem Betrieb einen jungen Gesellen, der es geschafft hatte, dass man ihn nicht mehr auf die Baustelle mitschickte, indem er sich dort mit Absicht dumm anstellte (Speis falsch mischen, Stücke fallen lassen etc.).
In der Werkstatt war er weder “in der Säge” zu gebrauchen, noch dass er beim Behauen von etwas anspruchsvolleren Stücken viel zusammengebracht hätte.
Aber eins konnte er wie kein Zweiter: scharrieren. Scharrieren bedeutet, dass man mittels eines breiten Flacheisens die typischen Rillen (je 8-10 cm breit) in Sandstein oder Muschelkalk haut, die als Oberflächenbearbeitung bis heute üblich sind.
Der Scharrierhieb, einer nach dem anderen halbwegs sauber parallel und in guter Breite hintereinandergesetzt, ist keine Weltmeisterleistung, aber, auf die Dauer, so anstrengend wie langweilig; man muss schon ordentlich und sauber draufgeben, und es geht leicht ins Handgelenk zumal der Hand, die das Eisen führt.
Das aber konnte der ohne Unterlass und ohne sich je zu beklagen; so sauber, dass es sogar mal Ärger mit einem Architekten gab, der bezweifelte, dass die Stücke von Hand behauen seien: man habe ein Maschine eingesetzt.
Eines Tages sahen wir den Spezialisten sogar, indem ein Hubschrauber übers Freigelände flog, wie er zehn oder zwanzig Sekunden nach oben schauend selbstversunken weiterscharrierte, in voller Hiebfrequenz, dängdängdängdäng, in bewährter Qualität.
Daraufhin beschloss die ganze Brotzeitbude, ihn einmal nach seinem besonderen Geheimnis zu befragen, wie man denn so ausdauernd und perfekt scharrieren könne, denn selbst der Meister, welcher in jeder Hinsicht in der ganzen Gegend als Steinmetz und Bildhauer eine anerkannte Koryphäe war, interessierte sich für das ansonsten ohnkannte Phänomen.
Von allen Gesellen und den Stiften und dem Meister in der Runde (damals durfte man zwischendurch sogar mal noch ein Arbeitsbier trinken) befragt, antwortete der Kollege (Franke), etwas überrascht blinzelnd ob unseres einfältigen Ansinnens, jedoch völlig ungerührt: “Einfach nix denk’!”
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