Piercing

Ich will zum Thema Piercing vorausschicken, dass ich etwas einseitig vorbelastet argumentieren könnte, da mir als Kind unfallbedingt eine Menge Metall in den Körper getrieben wurde, welches ich daraus endlich wieder loszuwerden als reinen Segen empfand.

Trotzdem frage ich mich, jenseits der bei Frauen und Seeleuten traditionellen Ohrringe, was es mit all diesen Lippen-, Schamlippen-, Augenbrauen-, Bauchnabel-, Vorhaut-, Nasen- und ich weiß nicht wo noch Steckern, Minipfählungen, Ringen usw. auf sich hat.

Zunächst einmal ergibt sich die tribalistische Erklärung: Man gehört damit einem bestimmten Stamm an und zeigt das.

Sodann ergeben sich weitere: Die naheliegende besteht in der Provokation, die erzielt werden soll; die vielleicht nicht einmal dümmste lautet, sich damit wichtig zu machen, dass man immer so gut auf sich aufpasse, dass man sich nicht versehentlich Teile der genannten Körperteile abreiße, obwohl man dies gewissermaßen vorprogrammiert hat, wenn man sich wie ein normaler Mensch bewegt.

Mir sagte auch schon ein junger Mann, den ich länger kenne und durchaus schätze, ich verstünde es schlichtweg nicht, das sei einfach Kultur und supergeil (Er und seine Freundin hatten ein Zungenpiercing).

Ich meine aber, dass eine zwar mit all den genannten Komponenten verwobene, aber doch eigenständige Sache überwiegt, dass selbst wirklich hübsche junge Frauen sich Metall durchs Gesicht treiben, zum “Abtörn” wenigstens meines erotischen Begehrs.

Ich vermute, dass es sich hierbei oft um eine Demonstration ganz anderer Art handelt.

Der oder die Demonstrierende versucht nämlich meines Erachtens zu zeigen, dass ihm oder ihr nicht nur nicht bange sei vor Leuten, die etwas konservativ-komisch glotzen, sondern vielmehr, dass er oder sie eine besondere Form der Tapferkeit für sich reklamieren könne.

Dass sie sozusagen der Kriegerkaste zugehörig seien, nach dem Kindermotto “Ein Indianer kennt keinen Schmerz”.

Gleichzeitig kommt, so in sich widersprüchlich dies zunächst erscheinen mag, etwas Mimosenhaftes dazu, welches ich oben schon andeutete.

Man stelle sich nur einmal vor (jetzt mal aus Hetero-Mann-Sicht), man hat eine Lebensgefährtin mit Unterlippen- oder Bauchnabelpiercing: Man wird nie so spontan und frei das Gesicht oder den Bauch der Angebeteten anfassen, streicheln, massieren, rubbeln, was auch immer, wie wenn dort keine metallische Verletzungsgefahr bestünde.

Man muss ergo immer aufpassen: Vorsicht! – du Rüpel könntest mir “in Action” die Unterlippe zerreißen oder den Bauchnabel oder was weiß ich was!

Ich sage es persönlich einfach mal so: Wenn es “supergeil” sein soll, dauernd aufpassen zu müssen, dass beim Sex keine gefährlichen Verletzungen entstehen, dann verzichte ich in diesem Sinne gerne auf “supergeil”.

Abgesehen davon, dass mir die ganzen Entzündungen und das Detritusrauskratzen eh schon gestohlen bleiben können.

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