Ich habe mich jetzt für einen Makramee-Kurs bei der Volkshochschule angemeldet. Mein Coach meinte, das sei genau das Richtige für mich, denn da lerne man in kontemplativer Handarbeit Ruhe und Demut.
Nun lernte ich Ruhe, Kontemplation und dabei absolute Konzentration schon vor bald zwanzig Jahren als Steinmetz; einmal von fünfzigtausend Hieben falsch draufgehauen, und das Stück ist futsch.
Nur das mit der Demut habe ich dort wohl nicht hinreichend gelernt. Die überkam uns, wenn wir das Straßburger Münster und die feineren Arbeiten dort betrachteten; aber unser grundsätzliches Lebensgefühl war das nicht.
Denn mittels Demut bewegt und hebt man nicht Lasten, die andere noch nicht einmal einzuschätzen vermögen.
Also lerne ich jetzt die fehlende Demut, die, laut meinem Therapeuten, der sich, wie gesagt “Coach” nennt, damit ich mich nicht krank fühlen möge, sondern eher als Sportler im Training, im Knüpfen kleiner Knoten von mir zu erwerben sei, um die Großartigkeit und Gnade der Schöpfung, dass ich dies dürfe, zumal auch tätige Müßigkeit, in ihrer Heilkraft zu erkennen, indem sie entstehen und zwischen meinen Fingern das Band zwischen mir und dem Göttlichen verwirklichten.
Ich bin gespannt, wie lange ich das aushalten werde.
Denn der Kurs fängt wegen der überwiegend veganen Sozialpädagoginnen, die ihn besuchen, um endlich schwanger zu werden und vorher noch zur Empfängnisgymnastik müssen, erst um 20 Uhr an und ist strikt alkoholfrei zu absolvieren; nicht einmal ein Gläschen Roten darf man nebenher trinken.
Das gehört wahrscheinlich zur Demutslektion, dass wer seine eigene Sinnlosigkeit erfährt, für den Durst nicht noch zu sorgen braucht.
Aber wenn ich nicht mitmache, wenigstens vier Wochen, schmeißt mich mein Coach raus. Denn, sagte er mir, mit Leuten, die eigentlich keine Veränderung wünschten, gäbe er sich nicht länger ab.
Bei der Erklärung dieses Passus des Heilvertrages, als ich ihn nicht gleich begreifen wollte, wurde er er sehr laut und heftig und rotgesichtig, so dass ich ihm ohne weiteres glaube, dass der dringend einzuhalten ist.
Im Grunde hat er mir ja auch schon ein ganzes Stück geholfen. Denn ich mache mir inzwischen um meinen Coach mehr Sorgen als um mich. Wenn er solche Anfälle öfter bekommt, dann hat er ein großes Problem.
Deshalb mache ich jetzt brav mein Makramee, um ihn nicht unnötig zu enttäuschen.
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