Gaunerwahl

Übermorgen ist Europawahl.

Dummerweise dürfen wir über nichts abstimmen, was Europa eigentlich betrifft. Eine deutsche Stimme ist weniger wert als eine luxemburgische oder maltesische, und zum Verfassungsvertrag (Lissabonner Vertrag) wurden und werden wir Bürger sowieso nicht gefragt.

Viele Leute, denen das gewaltig stinkt, plädieren dafür, absichtlich mit einem Riesenkreuz ungültig zu wählen, um damit zu dokumentieren, dass sie keineswegs aus Desinteresse zuhause blieben.

Andere wählen Splitterparteien.

Ich selber bin mir sicher, dass ich gar nicht wählen gehen werde.

Denn eine Wahl, die mir ein national diskriminiert extrem geringeres Stimmgewicht gibt als anderen EU-Bürgern (eine maltesische Stimme zählt so viel wie dreizehn deutsche), also a priori undemokratisch ist, in der ich über nichts eigentlich entscheiden kann, muss ich boykottieren.

Wenn es irgendwann gelingt, die Wahlbeteiligung unter 25% zu drücken, ist zwar noch nichts gewonnen, aber immerhin weniger verloren, nämlich Schuhsohlen und Zettel.

Außerdem wird es den Lohnschreibern in den Schafsmedien immer schwerer fallen, den Leuten zu erklären, es gäbe halt 23% mündige Bürger und engagierte Demokraten und 77% gleichgültige Faulpelze.

Wenn von den 23% dann noch relativ zwanzig Prozent unappetitliche Parteien “am Rande oder außerhalb des Verfassungsbogens” oder irgendwelche Chaotentrupps wählen, also nochmal 4,6% “Anständige” wegfallen, bleiben nur noch 18,4 % Dummdemokraten übrig, um von BILD, FAZ usw. als das letzte aufrechte knappe Fünftelhäuflein beweihräuchert zu werden.

Dann dauert es nicht mehr lange, bis sich in der Krise die erste Werbeagentur aus der Deckung wagt und mit Slogans wie “Der Nichtwähler fährt Audi” oder “Der Nichtwähler weiß, was er will: Persil, da weiß man, was man hat!” an den Markt geht.

Vielleicht kommt sogar ein findiger Sektengründer auf die Idee, eine Nichtwählerkirche aufzumachen, Rotkäppchen bringt den Nichtwählersekt heraus, und die Coolsten in Berlin und Hamburg chillen sich auf Nichtwählerparties einen runter.

Es muss schließlich so uncool werden, wählen zu gehen, dass man vor dem Wahllokal ausgepfiffen und ausgelacht wird und die eigene Idiotenfresse am selben Abend noch auf Handywackelvideo zu hämischen Kommentaren im Netz gewahren kann.

Es muss klar werden, dass nur Arschlöcher, Dumpfbacken und Demenzkranke noch zu solchen Wahlen gehen.

Es müssen Wettbewerbe um die niedrigste Wahlbeteiligung der Republik veranstaltet werden: “Lützow-Kleinlinden hat die intelligenteste, gebildetste Wohnbevölkerung der Republik: 0,13% Prozent Wahlbeteiligung! Nur eine alte Frau wählte laut eigenen Angaben die Partei der Bibeltreuen Christen!”

Ab da wird man dann gespannt sein dürfen, welcher Promi noch öffentlich den Helden spielt: “Ich bekenne, ich habe gewählt!”

Johannes B. Kerner etwa? Der ist zu feige, einen halben Schnaps zu trinken. Jürgen Klinsmann? Der wird darauf verweisen, dass sein silberner Buddha ihm noch keine klaren Anweisungen gegeben habe. Heidi Klum? Die wird erklären lassen, dass ihr Publikum bereits entschieden habe.

Papst Benedikt der Sechzehnte schließlich wird ablehnen, sich als Stellvertreter Gottes auf Erden zu solch profanen Dingen wie einer Europawahl überhaupt zu äußern.

Man wird dem glücklosen Scheckfälscher Atze Rungsel in Hamburg-Fuhlsbüttel vorzeitige Entlassung wegen guter Führung und zehn Mille auf die Kralle bieten müssen, damit noch einer gefunden werden kann, der bereit ist zuzugeben, dass er so einen Schmuddelpuff namens Europawahllokal aufsucht, um dort selbst noch seine letzte Gaunerehre zu verlieren.

P.S.: Man darf noch gespannt sein, ob das Bundesverfassungsgericht demnächst seine Selbsentmachtung beschließt, indem es die Klagen gegen den europäischen Verfassungsvertrag abweist und diesen damit durchwinkt. Im übrigen haben wir als BRD gar keine Verfassung sondern nur ein Übergangsgesetz, das Grundgesetz. Laut demselben kann nur das deutsche Volk in freier und geheimer Wahl sich mit Zweidrittelmehrheit eine neue Verfassung geben (die die Reichsverfassung von 1919 gültig ersetzte). Eine Unterzeichnung des Vertrages von Lissabon durch eine bundesdeutsche Regierung ist damit automatisch gegenstandslos, da sie weder von der Reichsverfassung noch vom Grundgesetz gedeckt ist.

Gegen entsprechende grundgesetzfeindliche Politiker und Parteien, die solches als gültig anstreben, müsste der Innenminister bzw. der “Verfassungsschutz” vorgehen, der eigentlich “Grundgesetzschutz” heißen müsste, so wie das “Bundesverfassungsgericht” “Bundesgrundgesetzgericht”, es sei denn, die beiden Organe sähen sich der Reichsverfassung verpflichtet, so dass sie folgerichtig als “Reichsverfassungsschutz” respektive “Reichsverfassungsgericht” aufzutreten hätten.

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Eine Antwort zu “Gaunerwahl”

  1. [...] meinem vorletzten Artikel “Gaunerwahl” habe ich anlässlich der undemokratischen Europawahl den Begriff  ”Schafsmedien” [...]

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