Didaktik und Gift

Heute Nachmittag hatte ich zwei 14-jährige Schüler aus guten Elternhäusern, in denen zumindest die Väter studiert haben. Am Rande des Englischunterrichts kam ich auf die Kelten zu sprechen und stellte bald fest, dass keiner von beiden Realschülern einen blassen Schimmer davon hatte, was das überhaupt sein sollte.

Danach fragte ich sie, ob sie denn immerhin schon einmal von Slawen gehört hätten. Wiederum keine Ahnung.

Nun gut, es waren ja nur Jungs, könnte man sagen, und dass die heutzutage praktisch alle bildungsfern sind, egal welche Schulart versucht, sie zu betreuen, weiß inzwischen ja ein Jedes.

Die beiden sind ansonsten aber nicht dumm, und nach mehreren Jahren Erdkunde und fast vier Jahren Realschulenglisch (vielleicht noch zweien der Grundschule) wundere ich mich schon, dass sie weder von der zahlenmäßig stärksten Völkerfamilie Europas gehört hatten noch von den Ureinwohnern Britanniens und Irlands, deren Nachfahren ja immerhin noch existieren, teils sogar mit eigener keltischer Sprache.

In der Stunde zuvor durfte ich eine Lateinschülerin im zweiten Lernjahr betreuen und erfuhr tatsächlich, dass ihr Lehrer, als die wörtliche Übersetzungspassage eines Lesestücks bezüglich eines für den kranken Alexander den Großen zu brauenden Arzneitrunks gelautet hätte “so wird die Gesundheit nicht” (da die Arznei drei Tage geköchelt werden müsse), glatt auf dieser bestand und von dem Wortartwechsel “so wird es nicht heilsam/gesund”, wie er dem Deutschen selbstverständlich entspräche, gar nichts wissen wollte.

Dieselbe aufgeweckte Schülerin berichtete mir, dass in ihrem Englischunterricht des dritten Gymnasialjahres jeden Tag ein Referat eines Schülers gehalten, nacher diskutiert und besprochen werde und die Grammatik hernach unerklärt zum selbst lernen als Hausaufgabe mitgegeben. Allerdings sei ihre Klasse gegenüber den anderen in Grammatik auch weit hinten.

An den bayerischen Grundschulen wird das schriftliche Subtrahieren derweil nach einer neuen, irrwitzig aufwendigen Methode gelehrt, dass viele Eltern darüber verzweifeln, weil sie die selbst nicht kapieren.

Und im Mathematikbuch für die vierte Klasse stieß ich auf eine Aufgabe, die ich meinem Sohn nicht sofort erklären konnte,  sondern mich in Ruhe ein paar Minuten hinsetzen musste, sie zu lösen.

Man musste dabei mittels dreier Krüge verschiedener Größen durch reines Umgießen die gewünschten vier Liter produzieren, und es bedurfte derer sieben logisch zielgerichteter Vorgänge.

Ich hielte eine Wette, dass Dieter Bohlen die Aufgabe an einem Tage nicht lösen würde und der Jauch sich auch erstmal am Kopf kratzte, wenn er sie nicht schon kennte.

Und nicht genug, im ersten Lernjahr Latein gibt’s erstmal keine Infinitive mehr, sondern die Kinder lernen “vocat = er, sie, es ruft”.

Das G8-Bruchrechnen durfte ich vor zwei Jahren mal unterrichten und musste feststellen, dass die Sache didaktisch im Buch so aufgebaut war, dass die Schüler es sich im Grunde selbst beibringen mussten (das Bruchrechnen, wie auch das Rechnen hinterm Komma wird übrigens in der vierten Klasse schon halb-und-halb verlangt, ohne konsequent eingeführt zu werden).

Statt den Kindern besser Deutsch beizubringen, wurde ein Pipifax-Englischunterricht in der dritten und vierten Klasse eingeführt, der in den zwei Jahren weniger bringt als die ersten vier Wochen am Gymnasium und noch regelhaft die Köstlichkeit mit sich, dass ausgerechnet auf korrekte Aussprache, zumal das “th”, überhaupt nicht geachtet wird, und sei es auch nur aus Wurstigkeit und nicht Inkompetenz. Gerade das Lautliche früh richtig anzulegen ergäbe aber am ehesten noch Sinn!

Selbst einst von mir geachtete Verlage wie Klett bringen inzwischen für Kinder “Lehrbücher” heraus, in denen ihnen eine Ausspracheumschrift mit einem “s” für das “th” ins unschuldige Hirn gepresst wird.

Und wenn es dann Probleme gibt, zumal mit den Jungs natürlich, sind die Eltern schuld oder das Internet, und die Lösung heißt natürlich Methylphenidat.  (Das “R-Wort” versuche ich zu vermeiden, zumal es die Pillen auch als “M-Wort” gibt.)

Im für das Kind glücklichen Falle hat dann Mama bloß mitbekommen, dass man mittels einer ADHS-Diagnose fürs Kind über die Krankenkasse kostenlos an Schlankmacher-Amphetamine kommen kann, und sie frisst sie selber oder verkauft sie am Schwarzmarkt.

Natürlich gibt es auch noch hervorragende Lehrer mit Herzblut, und ich danke dem Universum fast schon auf Knien dafür, dass mein Großer in schwieriger Lage eine Lehrerin bekam, wie sie besser kaum vorstellbar wäre.

Gegen die vorherrschende Mischpoke an Kinder- und Jugendpsychiatern und verirrten Lehrern aber, die Methylphenidatpillen wie Smarties verteilen oder deren Einnahme empfehlen, obwohl sie dies als Nichtmediziner eigentlich strafbar machte, wissen auch diese nichts im Großen auszurichten.

Ich höre nämlich regelmäßig von solchen “Empfehlungen”, die gegenüber Eltern bis an den Rand der Nötigung bzw. Erpressung reichen, habe in dem Zusammenhang aber noch nie von einer Strafverfolgung etwas mitbekommen.

Käme ich hingegen auf die Idee, von einer Einnahme von Methylphenidat in einem konkreten Falle ausdrücklich abzuraten, hätte ich mir illegal einen Heilberuf angemaßt und schnell die Anwälte der Ärztezunft wie die eines 100-Milliarden-Dollar-Pharmariesen am Halse.

Ich will dazu noch erwähnen, dass das Bundesgesundheitsministerium schon vor Jahren vor einer leichtfertigen Veschreibung des Wirkstoffes warnte, genaue Überwachung der Patienten dringend anmahnte, zumal mit dem Verweis darauf, dass er unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Geändert hat sich aber nichts zum Besseren, im Gegenteil.

Die Verschreibungszahlen der Droge gegen alles und jeden haben sich stetig weiter erhöht.

Selbst aus Legasthenikern, mit denen ich seit Jahren erfolgreich arbeite, werden kurzerhand ADHSler gemacht, weil das so praktisch ist mit dem Sch…medikament, weil da die Landratsämter Psychostunden bezahlen, sich die Töpfe der Kassen auftun, weil einfach eine Mordspenunze gemacht werden kann.

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass ich sehr vorsichtig formuliere und beispielsweise “Mischpoke” sagte, statt ein anderes Wort, das mit “M” anfängt, zu benutzen, auch habe ich nichts von Volksvergiftern, Verbrechen, Korruption, Vorteilsnahme gesagt.

Es geht hier um einen Milliardenmarkt weltweit, es geht um den Verdacht, dass nicht wenige Durchgedrehte, auch mancher Amokläufer, genau auf diesem Wege sozusagen gezüchtet werden, von den möglichen sonstigen Hirn-, Leber- und Nierenschäden gar nicht zu reden.

Natürlich schicken Leute, die durch einen entsprechenden Skandal über Nacht 50 Milliarden Dollar Börsenkapital verlieren könnten, erst einmal ihre Anwälte, denn es handelt sich da selbstredend um lauter honette Kreaturen; aber man sagte mir auch schon, als ich das Thema intensiver betreute, ich solle vorsichtig sein, ich habe doch Kinder…

Irgendwann wird dieser Giftkessel überkochen, da bin ich mir sicher, aber jedesmal, wenn ich daran denke, was da mit unseren Kindern gemacht wird, zerschmetterte ich ihn am liebsten jetzt schon mit einer herkulischen Keule.

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