Vom guten Zynismus

Zynismus, wo er sich nicht über andere ergießt, sondern über den Redenden selber, ist nicht selten am Grunde eitel, heischt nervigerweis Anerkennung und Mitleiden, ist aber oft auch ein wirksamer Selbstschutz. Und wirkt Selbstbefreiung obendrein.

Gestern, ein Beispiel, beim Kochen und gleichzeitig Bereden von Familienwichtigem, forderte ich meinen Älteren auf, mir mein Weinglas aus dem Wohnzimmer zu holen, auf dass mir dabei nicht die Zunge am Gaumen kleben bleiben möge.

Er brachte es, ohne zu murren, und siehe da, es enthielt des Rebensaftes vielleicht gerade noch vier Zentiliter.

“Was ist denn das?”, frug ich, es leerend. “Wieso hast du nicht gleich auch die Flasche mitgebracht? Willst du, dass dein Vater am Küchenherd verdurstet?”

Er brachte also auch noch die Flasche, und da sagte ich, mir nachgeußend, spontan: “Wenn es mal so weit ist, dass ich mit dem Ausschank von Fingerhüten Weins zufrieden bin, dann weißt du wenigstens, dass du bald erbst.”

Er lachte nicht, es war ihm wohl bloß wieder eine von den unnötigen Zoten, derer sein Erzeuger und Ernährer jederzeit zu viele absondert, aber mir gefiel’s, meine Stimmung hob sich.

“Schau, Kamerad, wir haben zusammen gerade noch eine halbe Flasche Weins; das ist wohl traurig; andererseits ärgern wir uns so oder so sinnlos: Und hätten wir nur noch jeder einen Fingerhut, wir ärgerten uns wenigstens kürzer darüber.”

Mit eigenen Nöten und Niederlagen schöpferisch umgehen, so übel, gar überzeichnet, und doch auf den Punkt, dass einem wieder ein Lachen entsteigt: Das ist die Heilkraft des guten Zynismus’.

Wenn es den Teufel gibt, woran ich zwar nicht glaube, aber bekanntlich viele, so ist er mit Sicherheit ein Erzfeind jedes guten Zynismus’; denn anstatt IHN zu holen oder wenigstens zu beklagen, hilft sich der Mensch selbst.

Und Gott, den es, wenn es den Teufel gibt, rein von der Logik her auch geben muss, ja, selbst noch der, und so macht es doppelt und zwiegenäht Spaß, mag indigniert sein.

Aus genau demselben Grunde wie der Teufel. Man ist ja engstverwandt, eine Sippschaft, hehe.

Der gute Zynismus taugt daher auch dann besonders, wenn beispielsweise irgendein selbsternannter Sadhu einem wegen Blasphemie am liebsten die Haut abgezogen sähe, dessen Betschwester zwar nicht ganz so weit geht, aber immerhin mitlamentiert: “Oh wie tief ist mein Mitleiden mit Euch, dass ich Euren Gedanken nicht unterworfen, Ihr für Taten zu feige! Es muss schon schlimm sein, zugucken zu müssen, wie auf kosmischen Frevel nicht sofort kosmische Strafe folget!”

“Gefühlte fünfundreißig Milliarden Stunden meditieret und studieret, mit eifrig strebendem, heißem Bemühn, immer edel, hilfreich und gut: Und, verdammte Hacke, dieser Fant von Unterquant wird jäh wie je nicht abgekant’!”

Vielleicht mache ich noch eine kleine Serie daraus: jetzt aber warten erstmal meine politisch unkorrekten Bärlauchnudeln – es ist Säuschinken und Pferdswurst darannen – auf ihren Devoranten.

Schönen Sonntag.

 

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