Ich bleibe bei meinen Unspiris

Gestern sprach ich lange mit einem, der durchaus Gründe hat, sich aus meiner Sicht recht unerklärlich verfolgt zu fühlen.

Das “cui bono”? erörternd, kam er darauf zu sprechen, dass es wohl einfach Menschen gebe, die sich daran delektierten, andere zu quälen.

Das ist mir natürlich durchaus bekannt.

Es gibt sogar Leute, die davon ausgehen, es gebe (außerirdische) Wesen, die energetisch grundsätzlich vom Leiden anderer lebten.

Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt.

Manches spricht allerdings wenigstens ansatzweise dafür.

Wenn ich mir allein anschaue, nicht erst seit ich diesen Blog betreibe, sondern schon Jahrzehnte davor, wie wild manche Leute werden, wenn ich ihnen in ihre pseudospirituelle Suppe spucke, deutet das immerhin in diese Richtung.

Sie werden wütend, drohen und fuchteln. Manchmal schwafeln sie auch nur, scheinbar mindergefährlich aufgelegt, weil sie das für eleganter, gerade zielführender halten. Oder sich nicht zu sehr verausgaben wollen.

Die meisten von ihnen glauben, erfahrungsgemäß, fest an eine volle Reinkarnation des Individuums. Wer nicht daran glaubt (oder einen anderen Glaubenssatz), ist also lange, wie er das nicht zu deutlich macht, ein Trottel. Wird er dahingehend aber frech, so identifiziert man ihn, der eine mehr, der andere weniger, als eine Art Feind.

Wie als ob er dessenthalben der Schlimmste wäre.

Das habe ich am Glauben ohnehin noch nie begriffen: Wie kann der nur so ins Wanken kommen, wie können alle hehren Liebheitsziele so leicht über Bord gehen, nur, weil einer nicht mitglaubt?

Und da erzählt man mir, ich sei zu schwach im Glauben.

Hoffentlich bin ich da schon gleich so schwach, dass mir die eben beschriebene Übung erspart bleibt.

Schon die Differenzierung, dass an etwas nicht zu glauben nicht heißt, es auszuschließen, entgleitet regelhaft deren Denkmöglichkeit.

Oft ziehen sie gar noch Nietzsche bei (Osho und die anderen bringen es alleine nicht hinreichend, wie es scheint).

Auf dessen Werk will ich mir nun wahrlich keine Deutungshoheit anmaßen.

Wer aber, wenn nicht Nietzsche, hat je unmissverständlich vor dem Glauben gewarnt?

Sagte auch: “DEN Weg, DEN giebt es nicht!” – ?

Ja, der Friedrich gummelt ihnen schon schwer im Magen, den Spiris.

An Crowley trauen sie sich meist schon gar nicht ran, an dessen Class-A-Schriften jedenfalls. Schon “Little Essays Toward Truth” wäre eher zuviel.

So versammeln sie sich um billigeres, “gechanneltes” Material, immerhin im “Original” auch meist Englisch.

Irgendwo aus dem Äther kömmt da das höhere Bewusstsein her, schwurbelischwurbela.

Es wird und ist initiiert, dass die Schwarte kracht, die Erleuchteten sirren und schwirren, man kriegt sich schon fast nicht mehr ein.

Echte geistige Entwicklung, wie sie schon einmal in der Erweiterung der Wahrnehmung tatsächlich möglich, spielt da lieber keine so große Rolle.

Man ist auch eher arbeitsscheu. Wo es einfach die Backen aufzublasen gilt, da geht man natürlich gerne hin. Sich aber länger und genauer und immer wieder neu mit einem Gegenstand ernsthaft zu befassen, nein, das bringt den Spirispaß so recht nicht.

Konfuzius mögen sie meist gar nicht. Der sprach so oft so unmissverständlich davon, wie wichtig das lebenslange Lernen sei, dass ihnen wohl genau das entscheidend auf den Keks geht. Sooo viel Arbeit! Lebenslänglich! Ein ganz übler Unspiri. Irgendwann muss es doch mal gut sein, mit der Erleuchtung.

Konfuzius kannte, das ist auch noch übel, noch nicht einmal echte magische Grade. Er schätzte seine Schüler zwar ein, aber ein derartiges Brimborium zog er nicht auf. Er förderte jeden nach seiner Art.

Nochmal saumäßig unspiri. Ohne Rang und Titel ist doch alles nichts.

Was die Spiris am allerwenigsten begriffen haben, ist, dass man sich seinen Rang vor sich selbst erringen muss. Ihn finden, anerkennen, für ihn stehen.

Klare Urteilsfähigkeit, klare Rede. Das ist das Erste.

Bei Nietzsche und bei Konfuzius.

Bei Cervantes kommt noch ein besonderes Spiel hinzu.

Ich bleibe bei meinen Unspiris.

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2 Antworten zu “Ich bleibe bei meinen Unspiris”

  1. Thomas sagt:

    Unspiri zu sein ist, wie du auch treffend sagtest, einfach ordentlich viel Arbeit, verbunden mit ständigen Selbstqualen, hervorgerufen durch das latente “nicht-wissen”. Wie gerne wäre ich endlich mehr spiri. Da hat man auf einen Schlag mehr Freizeit; die Sucherei fällt ja dann weg!

    Andererseits… meistens wird einem als Spiri ja auch das ein oder andere turnusmäßige Ritual abverlangt… zur Festigung des Spiris… Da geht sie dann wieder hin, die Freizeit, mit der man sich doch erhoffte, endlich andere Dinge tun zu können, die bisher liegen geblieben waren. Oder Hobbies… wie Briefmarkensammeln… reduziert das Altpapier. Oder Apnoe üben… spart ja CO2! … Die Welt retten halt und so.

    Ja, wie gerne wäre ich ein Spiri. Ich habs auch schon versucht! Aber irgendwie klappt das immer nicht so recht… diese pseudo-axiomalen Prämissen der meisten Spiritsen halten dann doch immer nur 5 Minuten dem gesunden Denken stand. Bestenfalls. Dann wird man wieder aus dem Wunschtraume gerissen, endlich die Welt zu verstehen. Und man ist bitter enttäuscht.

    Die Suche nach dem ultimativen Spiri(t) habe ich vor Zeiten aufgegeben. Die fortwährenden, herben Ent-Täuschungen müsste ich sonst irgendwann mit Spiri-tuosen in aller Regel kontern.

    Da lobe ich mir doch wieder mein Unspiri-Dasein. Da weiß man wenigstens, was man hat:

    Man bekommt eine ehrliche Keine-Antwort und es bleibt nur, abzuwarten bis zum finalen Praxistest.
    Spätestens dann ist man schlauer – oder auch nicht.
    Was soll´s.
    Besser Unspiri bis zum Ende als am Ende jeden Abend die Spiri in der Hand.

    In diesem Sinne, guter Text.

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Thomas

    Mir fiel grade ein Witz zur Sache ein, der aber zu dreckig ist, als dass ich ihn in diesem Zusammenhang erzählen wollte. Den erzähle ich nur privat. Vorläufig jedenfalls.

    Nichtwitz aus.

    Man kann geistige Fähigkeiten zweifellos sehr weit entwickeln, durchaus über das hinaus, was man sich selber zugetraut hätte oder von dem man überhaupt mal darüber nachgedacht hätte, dass es sie überhaupt geben könne.

    Ich weiß, wozu ich nicht nur lineare (binäre) Logik und Sprachwissenschaft im heute klassischen Sinne studiert habe, sondern auch viel Zeit auf analoge Symbolsysteme verwandt; das ist heute noch stets wichtig, und das habe ich nie bereut.

    Ich habe auch ein paar merkwürdige Sachen erlebt. Die erzähle ich jetzt aber auch nicht, wenn auch aus anderen Gründen, als den schlüpfrigen Witz.

    Es geht darum, dass man dem Geist nicht hinterherrennt. Der Typ ist kein Staffelläufer, dessen wenigstens dritten Genossen man, mit wenig Wille, ein bisschen Ausdauer, vielleicht noch einiges mehr an Trug und Hinterlist, dann schließlich doch abzöge.

    Es gibt allerdings Bewusstseinsschübe, nicht nur merkwürdige Träume.

    Auch solche, die nicht nur von selbst kommen.

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