Vom Loben und der Lehrerei

Vielleicht sollte ich hier nicht so viel loben. Vielleicht habe ich mir ein Stück Berufskrankheit bzw. Betriebsblindheit zugezogen.

Leuten, die es nicht wissen: Ich bin seit über 16 Jahren (nicht nur, aber überwiegend) Privatlehrer.

Da bleibt es nicht aus, dass man viel loben muss.

Egal, ob es einer endlich geschafft, zwei Drittel durch drei Viertel zu teilen, oder ob er endlich das Prinzip beschissener American Short Stories verstanden.

Irgendwann ist man so weit (man verzeihe mir diesen kleinen Zynismus, oder eben halt auch nicht), dass man noch die Ameise lobt, wenn sie ihre Blattlaus ordnungsgemäß ausgetragen hat.

Zum Glück habe ich zur Zeit ein paar Schüler, bei denen das Loben oft leicht fällt. Vor allem bei denen, erfreulicherweise, die ich in ihrem beschissensten Fach aufs Abitur vorbereite. Sie scheinen sich wirklich zu freuen, es scheint sie wirklich zu motivieren, wenn ich mich freuen darf, sie ehrlich loben zu dürfen.

Es ist in der Tat ein wunderbares Gefühl und Erlebnis, wenn ein Achtzehnjähriger oder eine Achtzehnjährige beginnt zu begreifen, was Literatur eigentlich ausmacht. Manchmal denke ich, dass ich der Menschheit tatsächlich ein Stück Zukunft damit schenke. Das mag vermessen sein: Klar weiß ich das.

Ich weiß bei diesen jungen Erwachsenen aber auch, dass sie nicht so wahrscheinlicherweise wieder so schnell auf einen Lehrer treffen werden, der mit so viel Herzblut dabei ist. Der einen Scheißendreck auch einen Scheißendreck nennt. Der andererseits so offensichtlich ehrlich begeistert ist, wenn er demgegenüber seinen Kleist oder seinen Dostoijewski hochhält und von seinen spontanen Tiraden bei dem jungen Menschen etwas ankommt, was der vielleicht nie mehr vergessen wird.

Ja, ich unterrichte, fürs Brot, auch Mathe. Mit meist guten Erfolgen.

Aber: Wie unendlich langweilig ist, bis auf Ausnahmen, wenn man mal über die Null und Dimensionen zu reden Zeit hat, dieses Fach.

Immerzu nur eine oder keine oder soundsoviele Lösungen. Man kriecht gleich einem Wurme bis zum Doppelstrich. Furchtbar. Das macht nur, wer es muss.

Hingegen gibt es eben in den Sprachen immer etwas Neues, Inspirierendes, Geschichten, wieder ein neues Problem, wieder die Notwendigkeit einer Abwägung, das ganze pralle Leben.

Gut, wäre ich Mathematiker, ein Euler oder ein Gauss, ständig am Finden und Erfinden, ja, das wäre vielleicht was. Ich habe die Mathe aber nur bis zur Differential- und Integralrechnung, Reihen und Folgen usw. gelernt, damals im Biostudium noch zwei schäbige Scheine dazu gemacht. Da bin ich bloß ein Stümper, der halt macht, was gemacht gehört.

Demgegenüber eine Figur in Orwells Brave New World zu erfassen, sprachliche Symbolik zu erklären, grundlegende Philosopheme, meine Herrn, was kann das daran gemessen für eine Aufgabe und damit auch eine Freude sein!

Und wenn der Funke wirklich überspringt, ja, da tun sich immer wieder neue Welten auf.

 

 

 

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3 Antworten zu “Vom Loben und der Lehrerei”

  1. TanjaKrienen sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag, Magnus! Bleibe weiter ein guter Lehrer und streitbarer Geselle. Viele Grüße aus Westfalen, Tanja

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Tanja Krienen

    Vielen Dank für die guten Wünsche! Glückauf auch Dir!

  3. Zwergelstern7 sagt:

    Langsam erahne Ich die Kunst des gelesenen Verstehens.

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