Vom Ducksprech (II)

Der Ducksprech zeichnet sich dadurch aus, dass der Ducksprecher viel weniger daran denkt, was er wie sagen will, als was er wie sagen sollte.

Allein diese Übung, indem der Sprecher ja doch irgendwie seine Person auch noch vertreten muss, überfordert ihn typischerweise so weit, dass kaum noch etwas Intelligentes herauskommen kann.

Er ist – schon auf dieser banalen Ebene – so sehr damit beschäftigt, nicht einfach Wähler zu sagen, sondern darauf zu achten, dass er Wählerinnen und Wähler sagt (und derlei Genderasmen mehr akribisch einhält), des weiteren soundsoviele Wörter meidet oder nur unter vorangegangenen Verrenkungen anbringt, dass er gar nicht mehr bis zu einer zielführenden, forschen Diskursfähigkeit zu finden vermag.

(Nietzsche meinte einmal, dass das Gehirn ein Magen sei. Er aber habe – gut, Zarathustra habe -wohl eines Vogels Magen. Das nur nebenbei.)

Der Ducksprech wird selbstverständlich schon in der Schule eingeübt. “Ausländer” ist inzwischen ein “Unwort”. Jetzt heißt es “Migrant”. Besser, oft, nicht einmal das. Und man muss genau lernen (anstatt Deutsch), wann. (Aber bitte nicht warum wann!)

Selbst wenn ich von “Ducksprechern” rede, müsste ich, “normalerweise”, schon von Ducksprecherinnen und Ducksprechern reden, wahlweise “DucksprecherInnen” hinschreiben, um dem Ducksprech zu genügen.

Zum Glück, achwas, Geschwätz, mit voller Absicht aber halte ich mich fern von jener Art der diesbezüglich geforderten “Normalität”. Jener des sprachlich-geistig Versklavten.

Öffentlich sprechen über 90% der Deutschen praktisch nur noch Ducksprech. Nur wenige von ihnen sind sich dessen überhaupt noch öfter, denn wenn darauf offensiv angesprochen, auch nur teilbewusst. Klar: Das ist zu verdrängen. Nur wenige verfügen über die psychische Kraft, sich ihre Unterworfenheit unter das Diktat des Ducksprechs einzugestehen.

Ducksprech gegenüber allen, außer gegenüber weißen, nicht besonders behinderten Heteromännern. Sonst überall Ducksprech.

Wäre der Ducksprech nicht so verhängnisvoll, so grundbösartig aufoktroyiert, so hätte ich als Spachwissenschaftler mein blankes Vergnügen daran. Wenig ist alltagskomischer, als wenn ein Radiomoderator von der “englischen Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse” spricht, dreimal hintereinander, in einer kurzen Anmoderation zu einem Musikstück.

Idiotie, wo man noch nicht einmal hintritt. Zwangsidiotie. Idiotenstan.

Immer wird dabei damit argumentiert – wenn überhaupt – , dass Nichtducksprech ja irgendwen verletzen, diskriminieren könne. Dass man sich selbst jederzeit erniedrigt, damit jederzeit bis zur Unkenntlichkeit verletzt, wenn man Ducksprech spricht, davon keine Rede.

Der Ducksprecher muss sich natürlich, wofern er noch über einen Restverstand verfügt, vor sich selbst rechtfertigen, meist allerdings nur unterbewusst. Jeder Nichtducksprecher wird so zum Greuel. Er erinnert an den verdorbenen Magen.

Wir werden deshalb, je kurzsilbiger das Gift, um desto besser, hier den Ducksprech auch als Bezeichnung einer ducksprechenden Person einführen, nicht nur als Begriff für seine Redensweise.

Den Fürsprech gibt es nämlich schon lange. Zwar inzwischen selten, aber sprachhistorisch in keiner Weise bestritten. Alsomit wird der Ducksprech analog leicht seinen Eingang in den deutschen Sprachkörper finden können.

Hier hat er es schon geschafft.

 

 

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2 Antworten zu “Vom Ducksprech (II)”

  1. Dude sagt:

    Ps. Gehorsam aus Stumpfsinn! (C by Max Frisch, Dienstbüchlein)

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