Geringfügige demokratische Sachbeschädigung

Allzuviel Wahlkampf merkt man nicht in Stuttgart.

Außer auf und an den Plakaten, die verunstaltet und zerstört werden.

In dem – außer mir – durchaus bürgerlich zu nennenden Viertel, wo wir residieren, und wo ich auch sonst in der Stadt herumkomme, ist leichter bis mittlerer Plakatvandalismus verbreitet.

Interessanterweise scheint es alle Lager in etwa ähnlich hart zu treffen. Selbst so eine Piratenfeige sahe ich unweit meiner Behausung schon recht erweicht im Herbstregenmatsche liegen.

Nun, da, wie ich las, frühere Strafanzeigen wegen Plakatbeschädigung als geringfügig abgewiesen wurden im Ländle, trauen sich wohl auch brave Konservative inzwischen, dem Cem das Gesichte wegzudrehen oder den Piraten zu Schwimmübungen zu schicken.

Auch die arme AfD landet da, wohin sie gerade in der Plakatwählergunst angesagt, auf dem Pflaster. Und für schwäbische Verhältnisse wird nicht eben schnell aufgeräumt. Vielleicht sollte ich mal beim Ordnungsamt nachfragen, wieso der ganze Müll da tagelang liegenbleibt, ob dafür denn keiner verantworlich sei.

Einer hier, der begnügt sich einfach mit den probaten schwarzen Zahnlücken, die er stets mit demselben Gerät anzubringen scheint, er verteilt fair zumindest auf alle Blockflötenparteien.

Nun, außer der nur sehr teilweise entstehenden, vorübergehenden Sauerei (Ratten fressen keinen Pressspan mit Hackfresse), entsteht ja kein besonderer Schaden, und ich darf zugeben, dass ich die begangenen Sachbeschädigungen zwar nicht vom Grunde her gutheißen darf, mich aber doch immer wieder dabei erwische, wie ich mit Genugtuung an so einer Plakatleiche vorbeigehe.

Wenn so ein Ding erkennbar schon zwei oder drei Tage in der Herbstwitterung schimmelt, man sich sicher sein kann, dass schon viele Passanten es also wahrnehmen durften, gewinnt der Anblick eine gewisse Magie. Eingeweicht, verkrumpelt, gewellt, durchseicht, vielleicht hat auch noch einer draufgepinkelt, lieget da die Majestät im Rinnsteine, und keiner kümmert sich groß um sie. Weggeworfen wird am Schluss ja eh alles.

Wahrscheinlich lässt man jetzt alles bis zum Sonntag liegen und hängen, was liegt, liegt, was hängt, hängt. Ist ja auch ganz vernünftig so. Eine letzte Kehrwoche, und der ganze Schiet landet einträchtig in der Müllverbrennungsanlage.

Immerhin zeigt das Ganze, dass es noch Leute gibt, die sich für die anstehenden Wahlen irgendwie interessieren müssen, wenn sie sogar feierabends im Sinne der politischen Willensbildung Hand anlegen; lebendige Demokratie; das Volk schreitet zur direkten, unmissverständlichen Meinungsäußerung.

Mich interessiert nun aber trotzdem, ob diese losen Antipropagandisten wohl eher Wähler oder eher Nichtwähler sind, jedenfalls gemessen am Schnitt; hat man als Wähler mehr Motivation, Wahlplakate zu demolieren, oder als Nichtwähler?

Ich habe keine Ahnung, wie es in anderen Städten aussieht. Vielleicht hängen die Plakate dort besser als hier, weil sie schon gar keinen mehr Aug oder Finger rühren lassen.

Inzwischen wünsche ich den Sozen und den Schwarzen, dass sie miteinander in die Koalition müssen. Dann ist es völlig egal, ob der Rest sagt, er hätte es anders gemacht. Glaubt eh keiner.

Und auch die Sozen und die Schwarzen können sich nachher nicht rausreden.

 

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2 Antworten zu “Geringfügige demokratische Sachbeschädigung”

  1. Zwergelstern7 sagt:

    ja!

    Herbst ist eine schöne Jahreszeit.

    Hab’ wieder herzlichst Lachen müssen.

    Begeisternd,wie oft deine Zeilen zu Lesen sind.

  2. Anonymus sagt:

    Die Plakate aller (!) Parteien haben noch einen ganz anderen Aspekt.

    In grauen Vorzeiten wurden die von der Nachwuchsorganisation aufgestellt, oder irgendwelche Flyer in Briefkästen verteilt. Da kann heute keine Rede mehr von sein, so was machen professionelle Werbeunternehmen, nicht auch, sondern nur!

    Gibt es keinen Nachwuchs mehr, der für “seine” Organisation aus Überzeugung arbeiten will? Oder haben die (Block-)Parteien schlicht zu viel Geld? Oder landet auf diese Weise über verschlungenen Wegen die Wahlkampfkostenerstattung in den Taschen der Parteioberen?

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