Deutsch-Südschwitz: Hartholtz bleibt undurchsichtig

In Freiberg die Herberge eines Chinesen auszumachen, war erwartungsgemäß keine große Kunst. Ich hinterließ in seinem Hotel eine Nachricht mit Ollis Nummer, er möchte ihn anrufen, könne wohl schon heute Abend auf eine Einladung zum Weine rechnen.

Gegen zwei rief ich in der Kommandatur an, bat, Oberst Hartholtz sprechen zu dürfen. Ich wurde gleich durchgestellt.

“Herr Göller, was wollen Sie?”, “etwa bei mir heute Nachmittag gut ventiliert ein Weißbier trinken?”

“Ich denke, eins schaffe ich”, bejahte ich.

“Um drei?”

“Drei.”

Zwei Minuten vor drei stand ich am Tor, pünktlich zum Plopp in Hartholtzens Dienstzimmer.

Die Gläser standen, vorgekühlt, schon bereit, ploppplopp, wir schenkten uns ein. Je ein guter Zug, und wir stellten erstmal ab.

“Und, Herr Göller, wieder ein bisschen bei Besinnung? Frau Nagel berichtete mir von nicht unerheblichen Impertinenzen Ihrerseits. Und das mit den Telefonaten war ja wohl das Letzte. Sind Sie so blöd, oder tun Sie nur so? Wollen Sie lieber den MAD zurück?”

“Wenigstens hat der MAD, als er noch echt schien, zwar vielleicht mal mein Telefon abgehört, aber er hat nie versucht, mich anzuwerben, mir irgendwie auch nur latent gedroht. Da ich beim Verscheuchen durchaus mein Scherflein beigetragen habe…”

“Das ist Schnee von gestern!”, fiel er mir ins Wort, “erstmal wüsste ich gerne, was Sie mit dem Chinesen und den Russen besprochen haben.”

Oha. Ich hatte nicht bemerkt, dass man mir gefolgt war, aber das war wohl auch nicht unbedingt nötig gewesen. Keine Kneipe schließlich in Freiberg, jedenfalls von den von mir aufgesuchten, in der Freitag Nacht nicht ein Soldat säße oder sonst jemand, der mich kennte. Hartholtz nahm es sorgfältig.

Ich beschloss, ihn jetzt nicht gleich ob seiner Impertinenz zu rügen, den Ball ruhig aufzunehmen.

“Der Chinese meinte, er sei sowas wie ein Botaniker, es gehe ihm um Landbau in ariden Gebieten. Und er fragte, wo es denn hier einen anständigen Wein gebe. Ich sagte ihm, dass er den gegebenenfalles hier bei Ihnen oder beim Olli fände, wofern er sich entsprechend benähme, und da ich ihn ja schlecht hierher einladen konnte, legte ich bei Olli ein gutes Wort für ihn ein. (Es war klar, dass Hartholtz es eh mitbekäme, wenn Herr Fong bei Olli zum Umtrunk aufschlüge.) Der internationalen Verwicklungen eingedenk, die es Südschwitz kosten könnte, wenn ein Beamter vom Landwirtschaftsministerium mit einem Helikopter der rotchinesischen Armee vor dem Verdursten gerettet werden müsste, weil der hartherzige Standortkommandierende der Bundeswehr ihn davor nicht erretten wollte, hielt ich dies dringend für geboten.”

Hartholtz war ob meiner Ausführungen wenig amüsiert, knurrte aber nur, leise: “Und die Russen?”

“Naja, die Russen. Wie Vergnügungsreisende sahen sie nicht aus. Eher ein bisschen so wie Sie.”

“Was soll das heißen?”, donnerte Hartholtz.

“Naja, ich bin ja nicht vom Fach, aber…”

“Labern Sie nicht, Göller!”

“Na, sie sind beide um die vierzig, der eine ist bloß so groß wie Sie, der Sergej, ja, er hat diese starken slawischen Backenknochen, ansonsten aber etwa Ihre Statur und Konstitution, wollte ich mal schätzen. Der andere, Boris, ist so groß wie Frau Nagel, wirkt aber auch etwas männlicher.”

Hartholtz überhörte alle Spitzen und nahm einen tiefen Zug.

“Und Ihr Sergej und Ihr Boris, gaben die sich auch als Landschaftsgärtner mit dem Drang nach Bordeaux aus?”

“Nein, sie machten bezüglich ihres hiesigen Behufes und sonstigen Berufes nur einen ziemlich schrägen Scherz.”

“Und der wäre?”

“Ich glaube, ich habe ihn vergessen. Es war schon spät…”

“So spät, dass Sie danach noch sehr wach und ziemlich nüchtern dem Goldenen Ochsen einen Besuch abstatteten, meine Leute dort auszuhorchen.”

“Achso, ja, im Goldenen Ochsen war ich ja auch noch auf einen Absacker. Jetzt, wo Sie es sagen…”

“Herr Göller!”

“Ich will jetzt erstmal von Ihnen etwas hören, bis dass ich meine Freunde Boris und Sergej Ihrer hemmungslosen Überwachungswut ausliefere, Ihren Verdächtigungen, nur, weil beim Biere mal was rausrutscht.”

“Ich soll Ihnen in dieser Lage Auskünfte geben? Sie sind ja wohl nicht ganz bei Trost!”

“Ich soll Ihnen in dieser Lage weitere Auskünfte geben? Sie sind wohl selber nicht ganz bei Trost!”, versetzte ich.

Hartholtz war nicht begeistert, aber er nahm sich zusammen.

Er trank aus. Ich trank aus.

“Herr Göller, Sie haben ja schon gemerkt, dass es hier nicht um ihren Schulgarten geht. Sie müssen mir vertrauen.”

“Ich muss gar nichts. Solange ich nicht weiß, was hier gespielt wird, arbeite ich auf eigene Faust.”

“Und Ihr Olli, dieser Bierkutscherparvenü, was ist mit dem?”

“Fragen Sie ihn selber.”

Mir war klar, dass Hartholtz mich längst hochkant hinausgeworfen hätte, wofern es nach seinem reinen Gusto gegangen wäre.

“Kann ich mich wenigstens darauf verlassen, dass Sie sich nicht allzuweit auf irgendwelche Leute einlassen?”

“Auf nicht allzuweit können Sie sich vorläufig verlassen. Ich werde jedenfalls erstmal weder Herrn Fong noch meinen russischen Freunden vom Verlauf dieses Gesprächs erzählen, wohl aber Olli.”

Hartholtz atmete tief durch.

“Oder soll ich denen auch was von Ihnen ausrichten, wenn ich sie sehe?”

“Göller, machen Sie keinen Scheiß. Ich melde mich bei Ihnen.”

“Wenn es etwas besonderes gibt, melde ich mich auch bei Ihnen.”

 

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