Neue Kabale in Südschwitz (II)

Drei Dinge waren klar. Es war etwas oberfaul, ich musste sehr behutsam vorgehen, und ich musste noch heute Abend mit Olli reden.

Der Art nach, wie Hartholtz und Ariane Olli ins Spiel gebracht hatten, mussten sie in irgendeiner Weise schon mit ihm geredet haben. Es war alles sehr gezielt darauf angelegt gewesen, Ollis Einverständnis irgendeiner Art zu suggerieren, gleichzeitig ein gewisses Keiletreiben wider ihn, eine Aufstachelung meiner, mir an den Ehrbeutel gehend.

Und: Wie waren Gehrig & Partner und die Bundeswehr wirklich verbunden? Hartholtz war, selbst wenn Ariane ihm noch so eifrig das Bett wärmte, kaum zuzutrauen, dass er darüber seine elementarsten Pflichten als Offizier der Bundeswehr vergessen oder gar aktiv missachten würde. Trotzdem hatte er das merkwürdige Angebot durchaus aktiv gutgeheißen und empfohlen. Hier lief offenkundig ein sehr merkwürdiges Spiel, und es wurde dabei für südschwitzerische Verhältnisse am ganz großen Rad gedreht.

Die Bundeswehr bzw. Hartholtz, seine früher nur dienstlich untergebene Ariane, die neuerdings für eine “Sicherheitsfirma” hier, diese vorgeblich zum Personenschutz, die Taschen voller Geld, ausgerechnet für mich, dabei Olli, als bisher genannten vierten bzw. fünften im undurchsichtigen Bunde. Sie hatten ja nicht gesagt, dass ich ohne Ollis Wissen arbeiten solle. Das heißt normalerweise, dass auch seine Logistik eingebunden werden soll. Klar, täte ich auch so machen.

Olli hat aber nun keinerlei Kohle nötig von denen. Und er ist gern sein eigener Herr, und er ist kein Dummkopf. Kaum ist der MAD weg, kommt eine neue Krätze nach Südschwitz. Ex-MAD-Agentin, gedeckt von der Bundeswehr. Wird Olli erpresst? Oder hält er sie erstmal hin? Oder gibt es etwas so wichtiges, dass er deshalb mitspielt, pro patria sozusagen?

Als ich bei Olli ankam, war es nach einem längeren Spaziergang wohl schon halb elf, und er war glücklicherweise wo ich ihn vermutet hatte, in seinem kleinen Stadthäuschen am Rande von Freiberg.

“Magnus, altes Haus, was treibt Dich so überraschend in meine bescheidene Hütte? Komm rein! Ich habe vor einer Stunde einen netten kleinen Bordeaux aufgemacht, der sollte, die Vorsehung will es, eben in diesem Augenblicke, da du klingeltest, angetrunken werden, gut beatmet.”

Er schenkte mir den Verkostungsschluck ein, ich ließ den Trunk ein wenig im Glase kreisen, prüfte im Licht die Reflexe, roch einmal, zweimal gründlich prüfend die aufsteigenden Aromen, und, rieche da, Tabak, Leder, Vanille, allerlei schwarze Johannisbeere und Schlehdorn, kräftige Tannine, keinerlei auch nur leisesten Verdacht auf Korken. “Olli, wenn der so schmeckt, wie er riecht, ist es kein kleiner Bordeaux, alter Tiefstapler.” Ich nahm einen mittleren Zug und netzte alles, was Rachenraum ist, damit, ließ die Flüssigkeit meine Zunge umspülen, bis auch Kehle und Magen den Heilsaft kosten durften.

Als Olli mein Gesichte dabei sahe, lachte er und meinte nur: “Na gut, es ist ein mittlerer.” Und goss unsere Gläser halb voll.

“Führt dich nur mein Weinkeller hierher – nicht dass ich etwas dagegen hätte, nur ein wenig zu plaudern, indem ich ihm mit deiner Hilfe wieder etwas Platz verschaffe – oder gibt es Wichtiges?”, fuhr er in seiner direkten Art fort. “Haben Hartholtzens Tante und der Hartholtz dich bearbeitet? So siehst du gerade aus.”

“So ist es.” Ich nahm einen zweiten, großen Schluck und meinte: “Olli, ‘Hartholtzens Tante’, höre ich da nur ein bisschen Ironie heraus, oder deutest du da ein Problemchen an mit der Dame? Wer erzählt zuerst?”

“Fang du an.”

Ich berichtete also so detailgetreu wie möglich den Frühverlauf des Abends, und Olli sagte nichts dazu.

“Du bist dran, Olli.”

“Magnus, das ganze ist ein äußerst undurchsichtiges, oberschräges Ding. Bei mir war Hartholtz nicht so massiv wie bei dir, er signalisierte aber auch, dass die Machenschaften der Frau Nagel seinerseits mit Wohlwollen betrachtet würden. Sie rückte dann allein an und offenbarte mir, dass es der Schaden meiner Geschäfte, meiner Hotels und Gasthäuser sicher nicht wäre, wenn man sich dort besonders sicher fühlen könne, weshalb es in meinem ureigenen Interesse sei, diskret mit Gehrig & Partner zusammenzuarbeiten. Da ist mir schon beinahe der Kragen geplatzt. Das klang eher wie eine Drohung. Wie als ob ich meine Kneipen nicht im Griff hätte. Frechheit.”

“Und was kam dann?”

“Ich fragte sie, wie sie sich das denn im einzelnen vorstelle, merkte an, dass ich als vielbeschäftigter Mann keine Zeit für Firlefanz hätte, fragte zudem, welche südschwitzerischen Kräfte man denn noch hinzuziehen gedenke, eine gleichzeitig unauffällige wie effektive Logistik aufzubauen.”

Typisch Olli, dachte ich, gleich zum Punkt. Ohne aber sich festzulegen.

“Sie meinte darauf, dass sie natürlich nicht den ganzen Aufbau der Sache preisgeben könne, zunächst meine grundsätzliche Bereitschaft zu erkunden hiersei, sie aber, da ich es ja wohl ohnehin erfahren werde, mir gleich reinen Wein dahingehend einschenke, dass du als südschwitzer Kopf wesentlich zur Informationsbeschaffung angeworben werden sollest.”

“Wieso hast du mir nichts davon gesagt?”

“Es war erst gestern. Ich wollte die Sache erstmal laufen lassen. Außerdem, am Telefon… Auch wenn ich dich nur dringlich herzitiert hätte, hätte das auffallen können.”

“Gut, und weiter?”

“Ich sagte ihr, dass ich ja mal gespannt sei, wie sie dich ködern wolle. Du habest eine wunderschöne, witzige, tüchtige und loyale Frau, einen festen Job und mehrere mehr oder weniger ehrenamtliche Nebenjobs, seiest, zumindest wie es jedem Südschwitzer scheine, damit sowohl gut ausgelastet als auch in aller Regel sehr zufrieden. Sie meinte dazu nur, dass sie dir ein Angebot machen werde, das du kaum ablehnen könnest. Wieder so eine versteckte Drohung. Ich ließ mir aber wiederum nichts anmerken und wünschte ihr viel Erfolg bei ihrem Unterfangen.”

“Du hast sie nicht gefragt, weshalb sie mich im Visier hat?”

“Nein, das wäre ja blöde gewesen. Sie hätte gleich gemerkt, dass das eine Scheinfrage sei.”

“Aber sie kamen mir damit, dass du meine Kompetenz im Sinne der Informationsbeschaffung gelobt habest.”

“Naja, ich ließ zwischendrein noch so einen Scherz los. ‘Der Magnus ist in der Tat so empfindlich für Metainformation, dass ich mich schon manches Mal darüber gewundert habe.’ Ich denke, sie konnte das nicht sicher zuordnen, aber eine Art Lob war es doch. Und noch nicht einmal gelogen.”

“Was machen wir jetzt?”

“Meine Herrn, diese Bande bietet dir zehn Mille im Monat, ich soll irgendwie mittun, wenigstens die Füße stillhalten, und wir wissen noch nicht einmal, wer genau da wirklich auf was hinauswill. Und sie werden uns das auch nicht so leicht erzählen. Wenn wir es zu spät herauskriegen, stecken wir womöglich viel zu tief drin, und wenn wir einfach nicht mitmachen, könnten wir Ärger kriegen, nicht einmal wissend, wohin der Hase laufen soll. Wir müssen erstmal, zögerlich, mitmachen, dabei so viel als möglich in Erfahrung bringen, ohne uns zu kompromittieren. Natürlich rechnen die aber ebendamit, werden uns genau beobachten. Wir dürfen untereinander nur mit äußerster Diskretion kommunizieren, fraglos.”

“Wir brauchen ein Strategem. Vielleicht mehrere.”

“So ist es.”

“Was hältst du davon, wenn ich zu Ariane sage, dass ich bei einer Sache von solcher Tragweite schon erstmal Art und Umfang und Zweck der ganzen Veranstaltung erführe, und zwar nicht nur von ihr, sondern auch von ihrem zivilen Chef in Deutschland. Der könne ja binnen weniger Stunden hiersein, mich von der Seriosität der Sache persönlich zu überzeugen.”

“Sehr gut. Mal sehen, wie sie reagiert. Das kann zumindest Zeit verschaffen. Vielleicht verplappert sie sich auch ein bisschen, oder es packt sie wenigstens marginal an ihrer weiblichen Eitelkeit. Bringe sie zum Schwatzen. Schwärme von deiner Frau, davon, wie gerne du Lehrer und freier Publizist bist. Vielleicht…” Olli verstummte.

“Was vielleicht?”

“Das ist zwar eine wohlzubedenkende Sache, aber du könntest den Tiger auch anders vom Berge in die Ebene locken. Oder so dann erst richtig. Du könntest ein Konkurrenzangebot erwägen. Offen lassen, ob schon eines vorliegt, oder ganz einfach auf die Idee gekommen sein, dass Gehrig & Partner nicht die einzige Firma dieser Art sein dürfte, die mit deiner Hilfe erst richtig auf den Geschack kommen könne, in Südschwitz richtig einzusteigen. Wenn sie dann das handfeste Drohen anfängt, wissen wir bescheid, dass wirklich Feuer unterm Dach ist. Dann wissen wir aber, mit wem wir in Wirklichkeit nicht arbeiten werden. Oder man weiht uns, sozusagen gezwungenermaßen, ein, sollte etwas dahinterstehen, das lauter, man uns aber nicht so einfach sagen wollte.”

“Und was machst du in der Zwischenzeit?”

“Ich werde unangemeldete Stichproben in meinen Läden machen, mehr als sonst, dann meine ganzen Kneipiers zusammentrommeln, zu einer außerordentlichen Generalversammlung, um mit ihnen ausführlich über Brandschutz zu reden, über unser internes Sicherheitssystem, wie im äußersten Fall sehr schnell zehn bis fünfzehn Mann aus dem Verbund an einem beliebigen Ort in Freiberg oder Buschhausen zusammenzuziehen sind undsoweiter.”

“Das wird den anderen nicht verborgen bleiben. Aber das mag ja genau gut so sein. Nur, meinst du nicht, dass du damit Unruhe unter die Wirte und die Leute bringst, Gerüchte ins Krautschießen könnten?”

“Na klar. Sollen doch. DIE haben doch bezweifelt, dass ich meine Läden im Griff hätte. Das haben sie nun davon. Wetten, dass die mich bald darum bitten, nicht zu übertreiben? Ich werde mich als sturer, beleidigter alter Esel stellen, gekränkt in meiner Olli-Ehre, überhaupt nicht begreifen, weshalb ich mich nicht einer offenkundigen, wenigstens behaupteten Bedrohungslage selbst erwehren könne, dies auch deutlich machen.”

“Gut, so machen wir’s, Olli. Die ersten Schritte sind klar. Wir sollten uns zwischenzeitlich zwei oder dreimal die Woche hier bei dir treffen. Das fällt nicht sonderlich auf.”

Wir tranken aus, und ich nahm einen Nachtlaster nach Buschhausen.

 

 

 

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