Neue Kabale in Südschwitz

Nie hätte ich gedacht, dass Hartholtz einmal derart meiner Hilfe bedürfen werde. Oder gar selbst wissentlich Teil einer üblen Kabale sein könne.

Inzwischen ist Frau Stabsfeldwebel der Reserve Ariane Nagel glücklich nicht nur Statthalterin der Sicherheitsfirma Gehrig & Partner, die hier in Südschwitz doch aus eher undurchsichtigen Gründen ihre Tätigkeit aufgenommen hat, vorgeblich Geschäftsleute diskret zu schützen, wobei man sich fragt, vor wem hier anständige Geschäftsleute zu schützen seien, sondern auch ganz offen die Gefährtin von Oberst Hartholtz.

Alle hier gönnen ihm nicht nur sein kühles Blondes, sondern auch seine temperamentvolle, inzwischen der Lebenslust Südschwitz’  gut eingewöhnten Hünin (sie ist fast zehn Zentimeter größer als er): Hartholtz ist drahtiger und schlagfertiger denn je. Beim Gewicht ist es etwa eins zu eins, so dass also alles passt, jeder den anderen auf Händen tragen kann.

Sinister erscheint allein jene Firma. Ich fragte Ariane kürzlich, was es mit der eigentlich so auf sich habe.

“Magnus, du meinst doch nicht im Ernst, dass ich dir etwas davon erzähle, du Klatsch- und Tratsch- und Schandmaul der Republik!”, meinte sie kühle lächelnd, sehr wissend wirkend, sehr souverän, sehr professionell.

“Achso”, meinte da das Schandmaul der Republik, “du sondierst und sicherst erstmal das Terrain, bist dann jederzeit, wenn gebraucht, bester Logistik, zur Stelle.”

“So magst du das unter deinen südschwitzer Saufkumpanen verbreiten.”

Jetzt ward es mir doch etwas zu bunt.

“Ich wusste allerdings noch gar nicht, dass wir hier eine Republik haben. Vielleicht hast du mehr Informationen als ich”, stichelte ich. “Vielleicht erzählt der Herr Oberst dir ja inzwischen mehr als mir. Normal wär’s ja.”

“Halt deinen Schnabel. Heinz hat mir erzählt, dass du ihn ursprünglich auf mich angesetzt hast. Gut aufgegangene strategische Leistung. Einem Masochistenkastenstreber und Kindskopfverdreher wie dir, meint er, durchaus als beachtliche intuitive Findung anzurechnen. Dass ich alsbald alles gespielt habe, hast aber weder du noch die anderen Trottel hier je gemerkt. Spezialist.”

“Oha. Nur weil ich den Verdacht nicht äußerte, heißt das nicht, dass er nicht dagewesen wäre. Selbst unblutige Zivilisten äußern nicht gleich fahrlässig jeden Verdacht und sichern erstmal wichtigste Stellungen und das wesentlich Erreichte.”

Es klingelte, und Hartholtz stand in der Tür, Bild von Mann, einen Korb Spezereien und  Weins links untergehakt.

“Na, Herr Göller, Sie hier im militärischen Nebenhauptquartier von Südschwitz? Ein wenig Lagebesprechung, waswas? Lust, einen Happen mitzuessen und einen Schluck mitzutrinken?”

“Heinz, das ist – der, den du ungefragt in meine Wohnung zum Essen einlädst – der Magnus, der die Einladung hoffentlich trotzdem annimmt.”

Ich merkte, dass hier schon ein verschärft eheähnlicher Wind blies, ließ mich selbstverständlich nicht länger bitten.

Es gab menhirluftgetrockneten südschwitzer Ziegenschinken, gelbe Zwergtomaten, Ziegenkäse, Junglauch-Chili Buschhausener Art, frisch gebackene Fladenbrote, Joghurtsoße mit Marakarambawurz und dazu einen frischen, säurebetonten, jungen, fruchtigen Weißburgunder aus der Altheimat. (Man sagt hier immer Altheimat oder Altreich, wenn man nicht Norddoof sagt.)

Ich aß, zwischen diesem und jenem Freiberger und Buschhausener Klatsch, andächtig und lobend, und es keimte, ich weiß nicht genau, warum, dabei nach und nach der Verdacht in mir auf, dass ich nicht nur als Freund des Hauses also bewirtet werde, sondern darüber hinaus etwas auf mich angesetzt werden solle.

So hub denn Hartholtz (das Du werden wir uns wohl in hundert Jahren nicht anbieten, er mir als Militär nicht, ich ihm als Älterer daher auch nicht) endlich folgendermaßen an: “Herr Göller, Sie sind zwar ein ziemlicher Tunichtgut in manchem, besitzen ein recht loses Mundwerk, neigen mitunter dazu, an gewissen Aufwiegeleien nicht unbeteiligt zu sein, achten beileibe nicht immer hundertprozentig auf Ihr Äußeres (jetzt wurde es auffällig: So viel Mühe gibt sich ein Hartholtz normal nicht, mich herunterzulassen), nicht selten mangelt es an gerader Vorgehensweise und daher Zuverlässigkeit, dafür nicht an Träumereien und Spekulationen, doch, gleichwohl, Ihre Verdienste sind, so fern der Heimat, unter den hiesigen Bedingungen, durchaus beachtlich. Und…”

Hier merkte ich, dass ein retardierndes Moment nicht schaden könne, und meinte, schnelle alswie eine Forelle mein zielgenau ausgetrunkenes Glas zur Nachschankbitte erhebend, kurz, hart, behende, fast leicht glucksend, an: “Wenn der Herr General mir nachschenken, seien alle Verdienste fürstlichst entlohnt!”

Ariane lachte, Hartholtz zwang sich zu einem Lächeln, man stieß, aber auch ein kurzes Schweigen hub an.

“Ach, Magnus, Heinz wollte ja nur helfen. Dir helfen. Wir wissen ja, dass das eine ganz schöne Kratzerei ist da draußen. Und der Olli, ja, der ist schon in Ordnung, da kriegst du schonmal einen ordentlichen Kognak. Außerdem heißt es, dass du der einzige in ganz Südschwitz bist, der bei ihm überall bedingungslos Freibier kriegt. Das ist schon was, aber…”

Ich ließ die Sache laufen.

Nun übernahm Hartholtz.

“Was Ariane meint, ist, das werden Sie ja schon verstanden haben, dass Sie sich unter Wert verkaufen.”

“Ich bin Kleinstadtschullehrer, glücklicher Genoss der Rektorin, redigiere auch mal einen Text für einen Hintling, meist für Naturalien, nur im in Südschwitz steuerfeien Rahmen, und, ja, weil ich auch sonst mitunter Ohr und Mundwerk für manche Bedürftigen habe, werde ich nicht selten zum Bier eingeladen. Damit fühle ich mich sehr geschätzt, ja gegenüber vielen privilegiert.”

“Sie schwatzen schon wieder, Göller, Sie…”

“Haltmal, Herr General (ich ward ein wenig bissig), als erstes erwarte ich in geschäftlichen Verhandlungen, wenn es denn welche werden sollen wollten, ein “Herr” von Ihnen vor meinem Namen, generell künftighin, wenn dies nicht zu einem Scherze gehört. Was wollen Sie? Oder, vielmehr, was will sie?”

“Gut, Herr Göller, ich wollte Ihnen nur helfen. Es ist nicht meine Sache. Reden Sie mit Ariane. Ich gehe dann mal an die frische Luft, rauche einen Zigarillo.” Und verschwand.

“Wieso beharkst du ihn so?”, frug Ariane, scheinbar gelassen, “du weißt doch, wie er ist und dass er dich mag?”

“Sag du mir, weshalb ich ihn so beharken muss. Was willst du?”

“Einfach nur Informationen.”

“Was für Informationen? Und für wen? Und wieso von mir?”

“Einfach nur Informationen betreffend die Lage in Südschwitz. Ich brauche sie, und Heinz braucht sie. Du kannst, außer Olli, am besten liefern. Olli meint sogar, du wüsstest in vieler Hinsicht mehr als er.”

Jetzt musste ich seit Jahren mal wieder so konzentriert tun, wie als ob ich nichts gemerkt hätte, alles in Ordnung wäre, schnell einen Übergang finden, darin nicht aufzufallen.

“Ach, der Olli übertreibt. Er will mir nur immer helfen.”

“Zehntausend im Monat. Für dich und die Sicherheit von Südschwitz.”

“Im Ernst?”

“Im Ernst.”

“Ich überleg’s mir”, meinte ich, “dank auch für den ausgezeichneten Imbiss und den Wein aus dem Altreich.”

Ich verabschiedete mich artigst, und Hartholtz quetschte mir auf der Veranda noch nickend die Hand.

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