Vom Strategeme der Wiederholung (Redundanzstrategem, Nr. 54)

Wiederholung bzw. Redundanz sind derart alltägliche Phänomene, dass man sich zunächst fragen mag, wo denn da, bei deren regelhafter Offenkundigkeit, das Strategemische, die List, ansetzen solle.

Lehrer wiederholen den Stoff und Merksätze, Eltern sagen hundertmal, dass die und die Ordnung zu halten sei, Werbebotschaften werden ständig wiederholt, politische Phrasen und Slogans, Glaubenssätze aller Art, nicht beweisbare Behauptungen, schließlich auch Lügen.

Vor allem aber kann, wo keine offensichtliche pädagogische Absicht, gut oder schlecht ausgeführt, waltet, eine Verleumdung, ständig wiederholt, greifen, selbst wenn ihr Inhalt längst widerlegt. Eine logisch nicht begründbare Behauptung, eine wenigstens zweifelhafte, kann durch gezielte Wiederholung bis in den Glorienschein der unantastbaren Wahrheit gehoben werden, der Hinterfragende als begriffsstutzig oder boshaft hingestellt.

Scheinbegründungen können den Ritterschlag der Selbstverständlichkeit erhalten, völlig unlogische Konjekturen, unzulässige Verallgemeinerungen von Spezialfällen, ablenkende Assoziationen und Zirkelschlüsse implementiert werden.

Wenn es ihm oft genug gesagt wird, glaubt der Durchschnittsmensch fast alles. Denn er ist denkfaul und will vor allem seine Ruhe haben.

In der Massenpsychologie, in der Propaganda, wird dieses Strategem bevorzugt so eingesetzt, dass die aufgestellte Behauptung oder Forderung Argument aus sich selbst wäre, seine eigene Begründung, also, dass sie wohlweislich möglichst wenig begründet wird, dem Rezipienten jegliches Prüfen und Wägen allerfreundlichst zu ersparen.

Hauptsätze! Hauptsätze! Hauptsätze! – So lautet denn auch ein Schlachtruf jener, die zur gezielten Indoktrination über das Redundanzstrategem antreten. Dinge werden einfach nebeneinandergereiht, erlangen ihre innere Verbindung schlicht durch die Art der Reihung: Nebensätze störten nur den Fluss, bärgen die Gefahr, Fragezeichen zu setzen, verliehen Gegnern die Möglichkeit, bei der Argumentationsführung anzusetzen.

In politischen Umerziehungslagern praktiziert(e) man eine Variante des Strategems in der Form, dass Dissidenten bzw. politisch Aufmüpfige täglich Reue- und Selbstanklageaufsätze schreiben, so lange, bis sie selber an ihr ehemaliges Sündertum glauben. Das scheint meist sehr gut zu funktionieren. Sonst betriebe man den Aufwand wohl kaum. Der zu Indoktinierende indoktriniert sich selbst, eifrig übend, darin immer besser werdend, so dass er daran schließlich sogar Erfolgserlebnisse hat, denn man wird ihn beizeiten schon loben, seine Essensrationen verbessern: er führt sich selbst nach dem Wiederholungsstrategem zu seinem (vermeintlichen) Guten.

Das Strategem kann aber auch zur Verteidigung, zur Vorbereitung eines Angriffs in schwieriger Lage angewendet werden. Einer sagt zum Beispiel stets dasselbe, damit Flachköpfigkeit vorzutäuschen, den anderen dahin zu bringen, dass er sein Interesse an ihm verliert, unachtsam wird, ja schließlich gar über den Inhalt des Ewiggleichen nachzudenken, darüber, weshalb der andere sich so verhalte, schließlich darein gipfelnd, dass er den Redundanten “zwingt”, endlich etwas Neues, eine Begründung vorzulegen, auf die er dann ganz anders, womöglich viel ernsthafter reagiert, denn wenn diese Vorbereitung nicht stattgefunden hätte.

Besonders stark wirkt es natürlich in dieser Richtung, wenn der Anwendende nicht immerzu zu allen Dingen dieselben Floskeln abfährt, als schon fast dem Kretinismus nahe, sich sonst vernünftig und differenziert, allenfalls mal etwas lakonisch oder geheimnisvoll äußert, denn dies hebt den Kern, mit dem er hantiert, umso deutlicher hervor.

So kann das Strategem als ein sehr wirksames gerade gegen eine Chiffre wirken, die durch Wiederholung in eine Individualpsyche oder eine ganze Masse eingesenkt wurde. Bis hin zu einem Einsatze, für den der Begriff “magischer Spiegel” nicht zwangsläufig zu hochtrabend angesetzt.

Auch Kerkerhäftlinge wenden es an. Im Verhör sagen sie immerzu dasselbe, bis der Verhörende die Platte nicht mehr hören kann, glaubt, sie seien nicht mehr recht bei Verstand. Gleichzeitig üben sie in der Zelle ihren Geist, der durch Nahrungsentzug, Folter, Schwerstarbeit usw. tatsächlich Schaden zu nehmen droht, indem sie sich regelhaft ins Gedächtnis rufen, was schön in ihrem Leben war, wie die Dinge wirklich gelaufen sind, Daten und Fakten, Gesichter, Schlüsselsätze und Schlussfolgerungen dazu.

Die Wiederholung als List kann also auf verschiedensten Pfaden wandeln. Manche überlisten sich mittels Redundanz sogar selbst.

Selbstverständlich findet die Wiederholung als List auch seit jeher in der Literatur Anwendung; versteckte Botschaften und Hinweise können so an der Zensur vorbeigeschmuggelt, ein Text auf einer nicht für jeden sichtbaren Metaebene gegliedert werden. Hier mag es durch aus sein, dass die Redundanz über ein ganzes Wortfeld verteilt wird, um die Verschlüsselung noch anspruchsvoller zu machen.

Ohnehin kann zwischen Wiederholungen, durch Anzahl und Reihung der Wiederholungen, viel leichter ein Element versteckt und dabei kenntlich gemacht werden, ob selbst wiederholt oder nicht; ein redundanter sprachlicher Code ist nicht nur stabiler, er bietet auch mehr Raum für täuschende wie nicht für jeden dechiffrierbare Elemente.

Auch kann das Strategem dergestalt eingesetzt werden, dass man eine Sache durch ständige Wiederholung unmöglich macht. Scheinbar ein eifriger Verfechter einer bestimmten Sache, der man in Wirklichkeit schaden will, geht man den Leuten damit derart auf die Nerven, womöglich immer schlimmer, auch inhaltlich vergröbert, bis diese davon überzeugt, vielleicht auch von Komplizen angestachelt, indem sie bisher vielleicht neutral, aus Ärger und dem Schlusse, dass der ja wohl eine an der Nuss habe, damit seine ganze Position falsch sein müsse, so dass sie genau auf die gewünschte einschwenken, ohne irgendetwas zu merken.

So sehen wir beim ganzen Troll- und Cyberkrieg auf der textuellen Ebene täglich die Variante, dass eine Position, die in Wirklichkeit bekämpft werden soll, ständig wiederholt wird, mit so deftigen Zusätzen und verschwurbelten Vermutungen und Anschuldigungen und wirren Konjekturen, dass es darüber ein leichtes ist, den Kern der Sache, der richtig sein mag, in Misskredit zu bringen, alle, die ähnliches behaupten (was dann von Teilen der Netzgemeinde gerne freiwillig hämisch aufgegriffen wird, während man von der anderen Seite her auch noch nachhelfen kann, Häme und Spott über das ganze Idiotenpack auszugießen, was nicht einmal so selten von demselben besorgt wird, der den Unfug anzettelte, oder eben von Kollegen).

Hier muss nun meist eben sowohl der gesetzte Unfug wiederholt ausgebracht werden wie auch der Anti-Unfug, es sei denn, dies geschieht durch entsprechend willige Helfer von selbst. Was ja nicht selten der Fall. Oder es genügen ein paar Hinweise hier und dort, um den gewünschten Mechanismus in Gang zu setzen.

Und schließt das Strategem der Redundanz auch jenes der Nichtredundanz bzw. Nichtmehrredundanz ein.

Setzt man nämlich inmitten von Wiederholungen ganz gezielt Dinge nur einmal oder zweimal, so kann dies deren Wirkung verstärken, sie umso auffälliger machen; selbst die totale Elision eines sich doch aufdrängenden Elementes, redundanterweise, kann auf dieses hinweisen oder darauf vorbereiten, dass es sehnlichst erwartet wird, mit einem besonderen Knalleffekt schließlich präsentiert werden kann.

Bei der Nichtmehrredundanz wird der Effekt ausgenutzt, dass ein ständig wiederholtes Element, das schon wie als ob der Sache nicht zu nehmen, diese selbst, plötzlich nicht mehr wiederholt wird, so dass sich die Frage danach ganz merkwürdsam stellt, eine propagandistische Neuausrichtung, Neuakzentsetzung, eine neue Volte vorbereitet werden kann.

So kann denn endlich auch ein redundant vorgetragenes Element zur reinen Ablenkung ebenso implementiert werden wie zur Vorbereitung dessen, was mittelfristig eigentlich durchgesetzt werden soll, als ein verkettetes Strategem.

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Das Thema Redundanz hat mich offenkundig so senil gemacht bzw. wiederholt angegriffen, dass ich dazu heute (3. September) noch dies Strategem Nr. 54 verfasste, völlig vergessen habend, dass sich bereits das 42. darum drehte…

Peinlich, das, aber passiert.

Wir werden die beiden einen dann zusammenführen, irgendwie.

Jedenfalls habe ich doch noch keine achtzehn, potzblitz aber auch.

 

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