Vom Strategeme der echten oder gespielten Trunkenheit (Nr. 51)

Zunächst ist zu diesem Strategem klarzustellen, dass mit dem Begriff “Trunkenheit” nicht nur jene gemeint ist, die der Wein hervorrufen mag; es können andere Drogen als der Alkohol sein, die wirken; es können auch gar keine stofflichen Drogen im Spiele sein, jeder echte oder gespielte rauschhafte Affekt fällt hierunter.

“In vino veritas”: Ganz aus Versehen, bei all seinem Gebrabbel, spricht der Trunkene die Wahrheit oder etwas, das wie ihm versehentlich herausgerutscht erscheint, damit umso mehr Tragkraft erlangt.

Und der (scheinbar) Trunkene versteht Fragen nicht mehr richtig, lenkt, scheinbar chaotisch, das Gespräch von hier nach dort.

Im chinesischen Kung-Fu gibt es eine Technik, die sich “Der betrunkene Affe” nennt. Der betrunkene Affe bewegt sich so unberechenbar erratisch, dass selbst ein Gegner, gerade ein Gegner, der um die sonstige Nüchternheit seines Kontrahenten weiß, schwer einen Angriffspunkt findet, keine klaren Stilmerkmale, an denen er sein Vorgehen auszurichten wüsste.

Ein tatsächlich Trunkener vermag den Grad seiner Trunkenheit, wenn strategemfest, glaubwürdig zu manipulieren, so glaubwürdig, dass niemand mehr eine strategemische Absicht hinter dem vermutet, was er von sich gibt. In real gefährlicher Lage kann er es dahinbringen, bezüglich seiner abrufbaren Schnelligkeit so kolossal unterschätzt zu werden, dass er ganz plötzlich zuschlägt oder, über drei Tische springend, die Flucht noch schafft.

Der Trunkene  macht sich zunutze, dass Menschen sich gerne überlegen fühlen und über andere lachen. Er lädt geradezu dahin ein, dass man Witze über ihn reiße, ihn als ebenso betrunken wie einfältig verspotte. Das Behagen des oder der anderen daran lässt sie unachtsam werden, so weit, womöglich, dass sie unter Gelächter nachäffen, was Meister Unfug ihnen präsentiert.

Damit können Konjekturen, die sonst nicht herstellbar, gleich Korken aus Flaschen gezogen werden. Dass ein Angriff stattfindet, wird nicht einmal bemerkt.

Das oberste Gebot, egal ob der Strategemausübende die Kung-Fu-Technik real beherrschen will oder auf einer anderen Ebene, ist Lockerheit. Gleichzeitig völlig locker sein und dabei hoch konzentriert, das ist keine leichte Übung. Ein sehr anspruchvolles Strategem, gleich, ob man zwecks seiner Ausübung tatsächlich eine Menge trinken oder kiffen oder religiös-heilig delirieren muss oder einem der Auseinandersetzung vollbewussten Kämpfer gegenübersteht.

Es ist oft ein Notstrategem, ein spontan als anzuwenden zu erkennendes; es ist ein Strategem der Verwirrung, der Ablenkung, des Verbergens der eigenen Kontrolle.

Es nutzt auch Eitelkeit und Ehrbegriff des Gegners. Dieser, von sich selbst überzeugt, wird zur Überheblichkeit, zur Angeberei, zu spontanen Versprechen hin verlockt, verliert darüber idealerweise endlich so weit das Gleichgewicht, dass seine eigenen Kumpane ihn, nicht wissend, was sie tun, vielleicht schonmal einer, aber dann gerne, vollends auf die Matte legen, ohne dass der Urheber dieses Niederzwangs überhaupt ausgemacht wird. Das ist der Königsweg der Anwendung dieses Strategems.

Feinste Klugheit und Sprachbeherrschung, genauestes, intuitives Erkennen der Situation gehören bei der verbalen Anwendung des Strategems dazu, Mimik, Gestik, blöde lachend Stolpern, nicht wenig eben auch an äußerer Darstellung.

Ja, man darf wohl sagen, dass zur meisterlichen Ausübung des Strategems eine Art der kontrollierten Persönlichkeitsspaltung vonnöten; nur diese ermöglicht die Unfassbarkeit, Unberechenbarkeit, die Nichtnachweisbarkeit, die ebenfalls entscheidend sein kann.

Nichts für zarte Seelen. Es kann nur sehr wenig geplant werden. Alles ist situativ abzufangen und aufzubauen, wie als ob man nur den nächsten Schluck im Sinne hätte, nicht einmal wissend, dass, wo man ihn wohl am vernünftigsten am schnellsten finden werde.

Ein sehr erlesenes Strategem.

 

 

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