Camerons Flüche und die Welt: Wie aus “fucking” “sondergleichen” und aus einer “cunt” ein “Dreckskerl” wird

Bei der Welt liest man zur Reaktion des britischen Premiers Cameron auf seine Abstimmungsniederlage bezüglich eines direkten Angriffskrieges gegen Syrien:

‘Wie es im Inneren des Regierungschefs aussah, der saftigen Ausdrücken keineswegs abgeneigt ist, verdeutlichte eine Quelle aus seinem Umfeld gegenüber der seriösen “Times”: Miliband sei “ein Dreckskerl sondergleichen” (a fucking cunt) und “ein Arschloch mit Zertifikat” (a copper-bottomed shit).’

http://www.welt.de/politik/ausland/article119510122/Camerons-Demuetigung-Vom-Adler-zum-Suppenhuhn.html

Bemerkenswert zart hier die Übersetzung der Welt-Redaktion.

Während “ein Arschloch mit Zertifikat” keine schlechte, notwendig etwas freie Übertragung (wörtlicher wäre “Scheißhaufen mit Zertifikat” oder “narrensicherer Scheißhaufen” oder “todsicherer Scheißhaufen” gewesen), ließe ich “ein Dreckskerl sondergleichen” für “a fucking cunt” in einer Übersetzerprüfung mit Sicherheit nicht durchgehen.

Erstens nämlich ist “fucking” mit “sondergleichen” von  der Sprachebene her zweifellos falsch; “fucking” ist vulgär; selbst “verdammter Dreckskerl hätte es semantisch überdies genauer getroffen; auch “Dreckskerl” liegt aber noch eher im Bereich einer immerhin formellen Ausdrucksweise, während das für “cunt” keinesfalls behauptet werden kann.

Mag nun “fucking” in der englischen Umgangssprache recht geläufig sein, etwa wie “Scheiße” im Deutschen, so muss “cunt” als ebenso harsches Wort angesehen werden wie sein Pendant “Fo..e” bei uns.

Überdies wird Miliband hier mit dem weiblichen Geschlechtsteil verglichen, also als gar kein Kerl hingestellt: und zuguterletzt gibt es ja auch noch einen semantischen Zusammenhang zwischen “fucking” und “cunt”, der zwischen “sondergleichen” und “Dreckskerl” in keiner Weise erkennbar.

Da nun aber im zweiten Teil der Nettigkeiten bereits der anale Teil des Fluches mit “shit” eindeutig angesprochen, kann beim ersten Teile nicht etwa auf z.B. “verkackter Scheißer” (“verkacktes Arschloch” usw.) zurückgegriffen werden; und gerade da jener Teil anal bezogen, muss der doppelte genitale Bezug zuwenigst einmal in der Übersetzung Berücksichtigung finden.

Und der Bezug muss ein weiblich genitaler sein. Man wird also beim Substantiv nicht um das deutsche Wort “Fo..e” herumkommen. Statt eines Adjektives bzw. eines Partizips Präsens Aktiv wäre, da das wörtliche “vög..nde” oder “fi..ende” vor der “Fo..e” im Deutschen schräg wirkte, ein Kompositum in Erwägung zu ziehen, z.B. “eine Drecksfo..e” oder eine “Schlammfo..e”.

Lustig, nun, da man davon ausgehen kann, dass sich die Welt bei ihrer Übertragung Mühe gegeben hat, wie sehr sie ihren vorläufig gescheiterten englischen Kriegstreiberliebling wenigstens vor dem deutschen Publiko vor seiner eigenen Sprachgewalt zu schützen trachtet. Durch Verharmlosung.

Derlei Dinge passieren regelhaft. Besser, sie werden regelhaft gemacht. Gerade wichtige Sätze, Sätze zu einer Sache, nicht nur Flüche, werden oft, wo eine sehr genaue Übertragung keinerlei Mühe darstellte, in einer Weise verzerrt ins Deutsche gebracht, dass eine verharmlosende, verschleiernde, gar direkt irreführende Absicht dahinter sehr wahrscheinlich. Darf man diese Praxis, wo Krieg und Frieden betroffen, als jene der “weichen Kriegslügen” bezeichnen?

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2 Antworten zu “Camerons Flüche und die Welt: Wie aus “fucking” “sondergleichen” und aus einer “cunt” ein “Dreckskerl” wird”

  1. Dude sagt:

    Genial!

    Die sollten Dich dafür bezahlen! :-D

  2. [...] Camerons Flüche und die Welt: Wie aus “fucking” “sondergleichen” und aus einer “cunt” e… [...]

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