Klagt nicht, schimpft! (II)

Die Schimpfbewegung könnte selbstverständlich auch eine Schimpfdemonstration mit anschließender Schimpfkundgebung anständig beim Ordnungsamt anmelden, also, dass, wie sonst auch, wer beim Schimpfen Rechtsverstöße beginge lediglich einzelverantwortlich sei und die Veranstalter ausdrücklich dazu aufrufen, auch noch der engagierteste Schimpfer solle im Rahmen der Gesetze schimpfen.

Mit welcher Begründung wiese das Ordnungsamt bzw. wiese die kommunale Polizei diesen Antrag ab?

Schimpfen ist schließlich zumindest ein Teil der meisten sonstigen Demonstrationen, oft wird auch fast nur geschumpfen. Wieso sollte nicht jeder mündige Bürger schimpfen dürfen können, wie er will?

Das möchte allerdings ein Umzug werden, gegen den ein Christopher Street Day sich ausnimmt alswie ein Geriatrieaushumpeln, eine halbblinde Schlafmützenveranstaltung auf Stöcken und an Rollatoren.

Das möchte richtig lustig werden. Ich wäre ganz sicher dabei und achtete auf eine gut geölte Stimme, also, dass man mich je nach Windstand und Wetterlage einzeln bis auf die Halbhanglagenbalkone der Schwabenmetropole hören könnte.

Gute Kollegen dabei, lautstarke Gesellen, das befeuert natürlich noch und hebt den Busen zusätzlich, dessen Ausschallvermögen.

Mindestens ich zöge mir da wohl auch einen Sonderfrack über. Womöglich einen sehr grellen Einmalsonderfrack. Bongos, zur rhythmischen Unterstützung lässig umgehängt, eine grobe Rassel dabei.

Oh Herr, was schümpfe ich!

Das wäre seit meinem Schimpfen auf den frischgewählten grünen Landesvater auf dem Stuttgarter Marktplatz mein sicherlich beherztestes öffentliches Schimpfen. Und, klar wäre ich gern Schimpfer auf der Abschlussschimpfgebung. So etwa gandenlose zehn bis zwölf Minuten Endvollkante. Oh ja, ich liebte es.

Ich stelle mir vor, dass die Leute sich in einer Mischung aus Angerührtheit und Gelöstheit ergänsehäutet begeistert schütteln vor Lachen und anfangen, befreit in meinen Schlußrefrain einzustimmen: “Scheißendreck! Scheißendreck! Scheißendreck!”

Ja: Das wäre mal eine Party. Könnte man auf nicht wenige Nichtwähler zählen, die vom Angebot begeistert.

Wer schimpft, lebt!

Schimpfe zwei, drei, viele Schimpfe!

Erschimpfe alles Schimpfliche!

Schimpfen tut gut!

Schimpfen hilft gegen Verschleimung!

Schimpfen ist durchblutungsfördernd!

Schimpfen ist einfacher und wirkungsvoller als Tai Chi oder anderer Krims und Krams!

Jeder Deutsche, der seine Siebensachen noch einigermaßen unter dem Dachkasten hat, braucht keine Jahre der langen, extremen, womöglich klösterlichen Übung, um in der energetisierenden Kunst des zielgerichteten Schimpfens sehr schnell über den Novizen hinauszusteigen, bedarf dafür, gibt er sich Mühe, nicht einmal eines eingeweihten Meisters. Es geht mit etwas Wille einfach so.

Man geht, wenn man sich noch nicht so sicher, wie man sich für einen öffentlichen Schimpfauftritt fühlen will, einfach irgendwo in den Wald und schimpft vielleicht drei Abende also, dass sich in fünf bis zehn Kilometern Entfernung keine wilde Sau mehr herumtreibt, und schon ist man, ohne nach China fahren zu müssen und bei Reis und Tee im Akkord jahrelang Steinböden entlangsausen und neben anderen Jungverglatzten auf harten Matten sein karges Dasein zum Schlafe zu bringen, Geselle.

Ja, Schimpfen ist das Kung Fu des Deutschen. Die Kunst ist zwar, aber das gab es auch im Reich der Mitte, recht lange vernachlässigt worden, steht aber nicht nur vor einer Wiedergeburt, sondern mag ganz neue Höhen erreichen.

Ich sehe schon eine sehr ermutigende Entwicklung dahingehend, dass die Kunst des Schimpfens sowohl wieder mehr geschätzt als auch gepflegt werde.

Klagt nicht, schimpft!

 

 

 

 

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