Handyoten

Vorhin kommentierte ich auf Jermains Seite

http://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2013/07/19/das-betreten-meiner-wohnung-mit-einem-aktiven-mobilfunktelefon-ist-ab-heute-untersagt/

wie unten nachzitiert:

“Diese Mobiltelefone sind wirklich eine Pest. Ich weiß nicht, wie schädlich die ausgesendete Strahlung ist, dass sie die Leute massenweise zum Spinnen bringen aber ist glasklar. Neulich erlebte ein Kumpel von mir, wie ein junges Mädchen (vielleicht siebzehn), daddelnd, Vollkante gegen einen Laternenpfahl lief, kurz vor der einfahrenden Trambahn. Ein Schüler erzählte mir, als ich ihm das berichtete, dass es inzwischen eine App gebe, die einem auf dem Display vom Idiotenteil per Vorwärtskamera beim Laufen zu den anderen Sachen den Film vom Voraus einblendet, also, dass Aufschauen, nicht überfahren zu werden, nicht mehr nötig. Was natürlich eine Illusion ist. Wahrscheinlich sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen an Mobiltelefonunfällen als in zehn Jahren an Terroranschlägen. Wie viele Kinder gleich gar nicht gezeugt werden, weil die möglichen Eltern es lieber mit ihren Handys treiben, das dürfte Legion sein. Stürbe man an Verblödung schnell, was leider meist nicht passiert, so gingen die Opferzahlen in die Millionen.”

Was macht man mit Leuten, die nicht einmal mehr die Straße vernünftig entlanggehen? Derartigen Selbst- und Fremdgefährdern?

In meinem Stammwirtshause immerhin geht jeder auf die Gass’, wenn ein Anruf reinkommt oder er einen absetzen will.

Das ist schonmal ein Anfang.

Besser noch ist das, was Jermain ansetzt: Wer reinwill, muss ausmachen.

So ist es schon in der Oper und in Schulen.

Wir brauchen immer mehr handyfreie Zonen. Eine Graswurzelbewegung der freiwillig handyfreien Zonen.

Nicht nur in Krankenhäusern, wo direkt Leben gefährdet werden kann.

Gerade auch in Wirtshäusern, wo verständige Menschen verkehren, sollte Ausschalten Komment sein.

Und, eben, wie Jermain es anführt, in privaten Wohnungen.

Ich überlege mir, das auch zu machen. Wobei ich nicht weiß, wie meine halbwüchsige Schülerkundschaft – es ist eben meine auch eine Geschäftswohnung – darauf reagieren wird, ob ich da Schlaganfälle und Kündigungen in solcher Reihe provoziere, wie ich mir das nicht leisten kann.

Bei uns ist jedenfalls die ganze dreiköpfige Familie (die Kinder wissen schon lange, was ein Handy ist) handyfrei. Jedenfalls so gut wie. Nur in seltenen Notfällen grubbele ich mir irgendsoein Teil heraus (ist schon lange nicht mehr passiert).

Ich hatte einen Elektroingenieur als Englischschüler, das ist schon bald zehn Jahre her, der als deutscher Vertriebschef eines amerikanischen Konzerns sehr viel mit dem Handy telefonieren musste. Es ging einfach nicht anders. Den, ein totaler Nichtesoteriker, hätten Sie mal fluchen hören sollen.

“Kriegst einen an der Klatsche. Ab einer Stunde am Tag eiert dir die Rübe. Das erste, was ich nach diesem Job (er ging schon aufs Rentenalter zu) mache, ist dieses verdammte Scheißhandy in den Müll schmeißen. Erste Amtshandlung.”

Im Auto installierte sich der Ingenieur sein Handy stets im Kofferraum, hatte sich eine Leitung zur Sprechanlage nach vorne ins Cockpit gelegt, um das Scheißding nicht nur nicht am Ohr haben zu müssen, sondern nicht einmal in sechzig oder achtzig Zentimetern Entfernung. Diesem wackeren Manne musste keiner erklären, dass die Strahlungsintensität mit dem Quadrate der Entfernung abnimmt, also jeder Millimeter zählt.

Wenn ich einmal einen nichtparanoiden Menschen kennengelernt habe, so war es dieser, der sich über die Hauptschule und Spätfachabi und Studium bis in Führungspositionen der Industrie hinaufgekämpft hatte. Er war auch fest davon überzeugt, dass er nicht übermäßig empfindlich sei, auch bezüglich dieser Sache nicht, dass die anderen Idioten nur nicht wüssten bzw. merkten, was sie sich antäten.

Man bedenke, dass man, wenn man sich so ein Scheißding ans Ohr hängt, den Emitter gerade mal wenige Zentimeter vom Hirn entfernt hält. Härter wäre es nur noch, steckte er mittendrin. Das Hirn als eine Art Dockingstation fürs Handy. Apart. Da strömen die Hirnströme nur noch so, wie die Sau.

Und: Wieso eigentlich soll ein Privatmensch “immer erreichbar” sein?

Was für einen Wahn haben sich die Leute denn da reingebraten?

Bin ich denn die Feuerwehr oder die Polizei? Der August von der Seppeline?

“Smart”, was wirklich vom Worte Schmerz abstammt, dann aber (nicht im Verb!) adjektivisch einen bemerkenswerten Bedeutungswandel hin zu “clever” (Kleber), geschickt, wief, intelligent genommen hat, kehrt beim Smartphone zu seiner Urbedeutung zurück.

Das Smartphone ist der Turbo für die Rast- und Ruhelosigkeit, der, “multiple tasking” ist “cool”,  fürs Hirnabsterben im Sauseschritt sorgt.

Man reflektiert nicht mehr, man krattelt und lallt und daddelt.

Das Gemeine daran ist, dass die entstehenden Schmerzen irgendwie, auch erst langfristig, eintreten, überdies nicht dem Schmerzphon zugeordnet werden, denn das kann ja nicht Verursacher sein.

Je mehr es also wehtut, um desto mehr werden über das Schmerzphon Leute angerufen werden und Daten gesucht und Entspannung, die Suchtkrankheit nimmt nur noch zu. Und die Strahlendosis.

Da sollen die Leute lieber mal, wie Jermain, ein Zigarettchen rauchen, oder auch einen Joint, mal ein bisschen denken, statt sich mit dieser perfidesten aller privat verfügbaren und verbreiteten Elektrokasterei noch die letzte intakte Leitung aus dem Oberstübchen zu blasen.

 

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11 Antworten zu “Handyoten”

  1. Jermain sagt:

    Oha, dann aber mal flugs zum Freischalten walten. :;
    Beim nächsten mal müßte es dann automatisch gehen.
    LG

  2. Jermain sagt:

    Hallo Dude!
    Verstrahlt wie ich vielleicht war, hatte ich es dummerweise versäumt, deinen Handy-Artikel unmittelbar bei VÖ mit meinem zu verbinden… und darüber habe ich mich ziemlich geärgert, zumal dein Artikel viele wichtige Hintergrundinfos aus besonderen Quellen vermittelt, die manch einer wahrscheinlich noch nicht gelesen hat.
    Jetzt ist der Verweis aber drin, wenn auch wie gesagt ärgerlicherweise ein wenig verspätet.
    Vielleicht sollten wir die Artikel nochmal zu treffender Zeit erneut irgendwohin stellen, zusammen mit dem hiesigen Artikel von Magnus..

  3. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Jermain

    Der Mobilphonwahnsinn ist mindestens ein Wahnsinn. Ich habe Deine Inspiration dankbar hergenommen, noch Fäden dazuzuspinnen. Auch hier müssen viele ausdauernd dranbleiben, und wo es wirklich Eigenes gibt, eine eigene Seite, gehört auch nicht mehr unbedingt in einen Kommentarstrang, was doch ein Vorne verdient, ist ein freundlich gesetzter Link dabei dann sehr wahrscheinlich auch förderlicher für die Seite, die Ansporn zum Weiterdenken lieferte.
    Es ist zwar so eine Sache mit der Wiederverwertung, zumal auch von Kommentaren; ich bin aber einige Male nicht umhingekommen, Kommentare “nach oben” nachzurufen, da sie wesentlich zum Gesamttext gehören mussten wie auch entsprechend gewürdigt sein.
    Ich tauschte mich gerne mal telefonisch mit Dir über derlei Themen aus. Wennde nich willst, dass ich so leicht rauskriege, von wo De anrufst, kannste mein Festnetztelefon ja über ein geliehenes Handy anrufen, am besten eins mit Flat.
    LG
    Magnus

  4. Jermain sagt:

    Hallo Magnus:

    Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, telefoniere ich nicht so gerne oder besser gesagt: ich habe eine Abneigung dagegen, und zwar eine gesunde Abneigung, da ich sie auch ohne oben genannte Gründe hätte. Das heißt, ich finde Telefonieren entweder höchst anstrengend oder zutiefst langweilig und meistens beides zugleich.
    Daher beläuft sich meine Telefonzeit vielleicht auf insgesamt 20 Minuten im gesamten Jahr, hoch geschätzt.
    Ein Handy eines anderen auszuleihen, wie du vorschlugst, würde ich nie tun, außer in dringenden Fällen natürlich, aber gewiss nicht um etwas besprechen zu müssen.
    Daher kannst Du mir gerne auch eine E-Mail schreiben: Allerdings bin ich auch da eher selten zugegen und kurz angebunden, es sei denn es handelt sich um tiefer bis höher verlegte Verbindungen – dann könnten sich daraus sogar Briefe entwickeln – ach wenn doch nur diese Zeit gegenwärtig wieder gegeben wäre…

    Verzeih meine vielleicht etwas ablehnend wirkende Haltung; das ist nicht persönlich (bzw. menschlich) gemeint.
    Mir geht es hier und dort fast nur um das geschrieben Wort und dies alles ist für mich im Prinzip nur eine literarische Angelegenheit und ich bin mein eigenes Stilmittel, doch das nun weiter auszuführen, ginge hier etwas zu weit.

    Ich beherrsche zwar nicht bewußt die höhere Form der Kommunikation
    http://ultimativefreiheitonline.wordpress.com/2011/02/03/falsch-verbunden/
    aber alles außerhalb davon ist nach meiner Auffassung trotzdem Unsinn. Vorübergehender Unsinn.

    Mit gut gemeinten Grüßen
    Jermain

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Jermain

    Völlig in Ordnung Deine Haltung.

  6. Dude sagt:

    @Jermain

    Ärger deswegen ist m.E. völlig fehl am Platze!

    Ärger ist ungesund, und angesichts dessen, dass in dem heutigen globalen Tollhaus ohnehin schon darüber zu Ärgern werte Optionen zuhauf rumliegen, bei denen dies auch Sinn ergibt, sollte man es möglichst vermeiden, sich wegen Banalitäten zu ärgern.

    Viel besser, man lacht!

    Denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

    Lieben Gruss vom Dude

    Ps. Und herzlichen Dank für’s Nachtragen des Links. :-)
    Pps. Teil II steht bei mir übrigens schon länger in der Pipeline… sobald meine Reisen enden (bin jetzt wieder ein paar Tage weg von Technik total in weitestgehend elektrosmogfreie Zone), werd ich den mal publikationsreif machen, und ich hoffe ich vergess nicht, alle Links einzufügen, sonst gibt’s wieder Ärger… :-D

  7. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Jermain

    Ich werde, wenn Du nichts dagegen hast, es so halten, wie Dude, der, wissend, dass ich auch nicht immer in meinen Epostkasten gucke, mir Persönliches einfach mit dem Zusatz (privat) auf die Kommentarfunktion schickt, wo ich logischerweise regelmäßig hinschaue.
    Ich schätze Deinen Stil sehr, weiß wohl, dass der nicht leicht konsistent durchzuhalten ist.
    Noch zum Telefonieren: Ich selber kann, geschäftlich wie wegen der Kinder, nicht ohne, bin auch froh, dass ich mal zwei Stunden (nichtmobil natürlich) mit einem Freund in Berlin reden kann, ohne gleich hinfahren zu müssen oder dass es, wie früher, ein halbes Vermögen kostete.

  8. Max Pet sagt:

    Wirklich toll zu lesen, Artikel und Diskussion!

  9. Dude sagt:

    “Pps. Teil II steht bei mir übrigens schon länger in der Pipeline”

    Wie angekündigt: https://dudeweblog.wordpress.com/2013/09/10/disharmonische-schwingungen-was-tun-gegen-elektrosmog/

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