Vom Strategeme des günstigen Witzes (Nr. 47)

Das Strategem des gunstverschaffenden Witzes begegnet uns praktisch überall, auf Schritt und Tritt. Werber, Politiker, Redner, Buhlende, Lehrer, Schreiberlinge: Es ist allgegenwärtig in Anwendung.

Schwierig wird es aber, was wunder, in gefährlicher Lage.

Da mag es sich dann sowohl um in der Not ad hoc zu findende tragfähige Witze drehen, als auch langfristig und verschlüsselt angelegte. Und halbverschlüsselte angelegte sowie dergestalt verschlüsselte, dass der speziell damit belegte Lachende nicht eigentlich weiß, weshalb er lacht, dass, wenn dies anliegt, viele oder die meisten oder fast alle nicht wissen, weshalb sie lachen.

Und es geht um jene Witze, zu denen die Leute sich nicht trauen zu lachen, vor sich selbst wie vor anderen, wo zunächst nur ein innerer Lachreiz erzeugt werden soll. Womöglich als Anfang oder Zwischenglied einer strategemisch aufgestellten Reihe von Witzen. Als Vor- bzw. Begleitwitz sozusagen. Als Weichkochwitz.

Und natürlich scheinbare wie wirkliche Ablenkwitze, die erst recht weiter in die gewünschte Richtung lenken.

Ohnehin kann der Strategemausübende vor einer so schwierigen, langfristig zu betreuenden Aufgabe stehen, dass er die meisten Witze gar nicht auch nur als dahingehende klare Versuche zutage treten lassen darf, sondern sie irgendwo in seiner Prosa so einzubetten, dass sie, wenn wahrgenommen, wie zufällig wirken, jedenfalls nie unzweifelhaft dingfest zu machen, bei den meisten ohnehin, meist, eher unterschwellig wirkend. Ja, anderen aber schon hörbar.

Der Punkt, so banal das klingt, ist auch schlicht der, dass die meisten Menschen lieber mehr lachten, als sie es tun, dass Lachen bekanntlich befreiend wirken kann, weshalb es auf verschiedensten Ebenen, eben auch unterbewusst oder halbbewusst nachgesucht wird. Wer also mit dem Strategeme des günstigen Witzes, als sich wiederholendes, mehrdimensionales Kettenstrategem, umzugehen weiß, kann sehr wohl im Großen wirken.

An bestimmten Stellen kann es sein, dass der Strategemanwender plötzlich gezwungen ist, den Narren zu spielen oder, es kann auf dasselbe hinauslaufen, eine ganze Witzkaskade abzusondern. Viele Leute stehen einfach stupefakt, wenn zu schnell zu viel Schräges auf sie einstürmt, halten allein deshalb inne, sehen vielleicht gar von schon fest geplanten oder spontan ins Hirn geblitzten übelsten Vorhaben und Taten ab. Die Witzkaskade kann ganz unmittelbar Leben retten.

Und weitere hohe Kunst ist es, auf eine Witzkaskade hin auf einmal so ruhig und verständig und freundlich zu reden, wie als ob man damit gar nicht viel zu tun gehabt habe. So lassen sich wildeste Teufel bändigen. Das Strategem des günstigen Witzes verhilft nicht immer zu einem Spaziergang.

Sehr vorsichtig, unter allen möglichen Umständen auch abständig, ist mit der Möglichkeit umzugehen, eben, wo nicht Gefahr im Verzuge, dem anderen über eine Witzkaskade eine spontane Zusage abzuringen, die jener später bereut. Das kann auch das Leben kosten.

Und dann natürlich die verschiedenen Ebenen der Einbindung in den, in die Teilhabe am Witze, sozial, wie auf lexematischer, semantischer, sondersprachlicher, philosophischer und psychologischer Ebene.

Will man, wenn acht am Tische sitzen, dass fünf lachen oder drei oder keiner oder einer?

Weiterhin gibt es bekanntlich auch sehr zynische Witze, wenn man so will Witze der Tristesse und Dekadenz, der Misanthropie, des rücksichtslosen Hedonismus, Schmarotzertums und missmutigen Müssiggangs, alswelche manche Zeitgenossen fast zu erquicken scheinen, andere eher zu bedrücken, wenn gehört. Man kann mit dieser Sorte Witze, zumal in unmittelbarer Gesellschaft, mächtig Wirkung erzielen. Muss allerdings damit rechnen, klar, dass man darüber nicht jedem Anwesenden sympathischer wird. Sie können aber wiederum einem selber oder anderen den Hals retten, denn wenn man unter übles Gesindel gerät, kann es durchaus nottun, fast noch üblere boshafte grause Kalauer abzusondern, als unter diesem geläufig. Einfach des Respekts und damit der Verhandlungsposition halber.

Diese Witzklasse kann auch, eher werde sie homöopathisch eingesetzt, zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sehr wachrüttelnd, damit insgesamt positiv, wirken, wenn die Leute daranentlang erst richtig erkennen, wie verkehrt bestimmte Dinge wirklich, in welcher Tragweite, liegen.

Es gibt selbstverständlich noch diverse weitere Witzklassen, die im Idealfalle zu beherrschen sind; das Strategem ist also, wie schon eingangs gesagt, ubiquitär in Anwendung, aber Meister darin gibt es doch wenige.

Denn die einzelnen Witzklassen müssen in ihrer Wirkung gut abgeschätzt sowohl spontan als auch in durchdachter Ruhe mit vielleicht langfristigem Ziele punktgenau zur Anwendung kommen, Vortragsweise, Prosodie, Einzellaute, Theatralik, alles sollte stimmen.

Entscheidend für den Meister ist überdies, dass er sich jederzeit zum Kasper zu machen weiß, zum Possenreißer, aber nicht dazu gemacht werden kann und sich dauerhaft, es sei denn, er hätte das Strategem unter solchem Opfer anzuwenden, keinen diesbezüglich einseitigen Ruf zuzieht. Das schränkte, außer im Sonderfalle, seine Möglichkeiten zu sehr ein.

Ich werde jetzt nicht verraten, mit welchen Runen ich dies Strategem vorzüglich verbinde, denn sonst hört mir gar keiner mehr zu, und der Rest wird meschugge.

Ein wunderschönes Strategem. Außer jenem Strategeme der Ehrlichkeit (Nr.45) mein Lieblingsstrategem. Mag jenes der Ehrlichkeit das eleganteste sein, jenes des günstigen Witzes ist einerseits meist viel anspruchsvoller, treibt hiemit die Kräfte, führt zu merkwürdsamen Begegnungen, durchkreiselt mäandernd die Welt, oft respektlos, voller Geist noch im Absurden, heimisch unter Rosen und Lilienhecken. Und andererseits? Ich weiß nicht. Das sollte doch reichen.

Genug geschwärmt. Übung macht den Meister. Etwas Sprachwissenschaft und reflektierte Literaturkenntnis, allzumal allgemeines Weltwissen, schaden bestimmt nicht, wenn einer weiterkommen will. Nur übers Intuitive wird man kein Meister.

Man ist Meister, wenn jenes Intuitive, dem alle Kanäle immer weiter geöffnet, mit klarem Denken und dem richtigen Ausdruck und dabei dem angesammelten Wissen wie Assoziationen in Harmonie gebracht, die Rede holographisch und kristallin wird und wenn man will gleichzeitig wie Wasser.

 

 

 

 

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Eine Antwort zu “Vom Strategeme des günstigen Witzes (Nr. 47)”

  1. [...] Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist dieses Strategem fast ebenso, wenn nicht doch ebenso interessant wie jenes des günstigen Witzes. (Nr. 47) [...]

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