Stottern, Schwäbeln, Hochdeutsch

Kürzlich lernte ich einen wirklich merkwürdigen Kauzen kennen.

Sein Hochdeutsch (es war tatsächlich akzentfrei, obschon, wie ich nachher erfuhr, er Schwabe) war perfekt, dabei von einer derart eigentümlichen, schneidenden, schnarrenden Art, dass ich mich dessen wunderte. (Ich höre Hochdeutsch sehr genau.)

Mein Thekennachbar schließlich, als der andere ein paar Tage später wieder zugegen, am Stammtische schnarrte, erzählte mir, als ich ihn auf jenes merkwürdige Diktion ansprach, dass er den seit 25 Jahren kenne, der sei früher ein Stotterer gewesen. Das habe er sich erfolgreich abgewöhnt. Und jener sei so gebildet, von solch umfässlichem Wissen, mit einem derartigen Gedächtnis ausgestattet, dass es ihm wohl manches Mal selbst nicht gut täte. Meine Thekennachbarin zur Rechten sagte mir später noch, der sei ein Dichter.

Da ich nun nur des Schriftdeutschen mächtig, aber nicht des Hochdeutschen, man also, wenn ich Vorträge halte oder Geschäftsgespräche führe, wo dies angezeigt, oder in Norddeutschland mit Norddeutschen rede, immer meinen schwäbischen Akzent mühelos durchhört, egal, wie sehr ich mich anstrenge, kam ich auf dem Nachhauseweg auf die Idee, es jenem Manne versuchsweis einmal nachzutun, ob ich es tonal denn so besser zum Hochdeutschen brächte.

Und, siehe da, es gelang sofort, würde gewiss nicht ohne weitere Übung, über längere Passagen perfekt, aber wesentlich sauberer als sonst, da bin ich mir, obschon ich kein Tondokument davon habe, sicher.

Leider, nun, will ich mir einen derartigen Tonfall ganz bestimmt nicht angewöhnen.

Interessant aber, dass Stottern möglicherweise mittels genau jener Methode zu heilen ist, wie ich dahin könnte, meinen Akzent zu verbannen.

Es wird wohl auch keiner ernstlich behaupten, dass ein schwäbischer Akzent dem Sprechenden wie dem Hörenden quasi eins mit Gestottere; die Beobachtung, oder eher Erhörung, ist gleichwohl bemerkenswert.

Ich habe jedenfalls noch nie etwas von diesem auf den ersten Blick seltsamen Phänomen gehört.

Aber ich habe eine recht plausible Erklärung dafür.

Zunächst muss ich jedoch, diese differenziert verständlich zu machen, etwas ausholen.

Ich hörte einmal Sebastian Koch, jenen sehr beachtlichen deutschen Schauspieler, wie er im Radio zu seiner Stuttgarter Herkunft befragt wurde, weshalb man die denn so gar nicht mehr heraushöre. Er meinte, er habe früher gar grausam geschwäbelt, sich dann aber entsprechend angestrengt.

Der Unterschied zum vorliegenden Falle ist nun, dass Koch überhaupt nicht schnarrt, nach einer Sprechausbildung, wahrscheinlich sowohl autodidaktisch wie an der Schauspielschule, ganz natürlich wirkt, wenn er Hochdeutsch spricht.

Der andere hingegen hat sich wohl, mittels großer Willenskraft, gewissermaßen Gewalt angetan, sich eine zweite, neue tonale Persönlichkeit geschaffen, sein Stottern in den Griff zu bekommen.

Für das, was Koch gemacht hat, dürfte es für mich zu spät sein. Oder ein zu langer, zu mühsamer Weg. Ich will ja nicht noch klassischer Bühnenschauspieler werden. Wenn ich auf die Bühne gehe, lachen die Leute auch so. Außerdem wären Narbige wie ich sicherlich nicht oft gefragt.

Was der andere gemacht hat, käme für mich nur in Frage, wenn mein Leben daran hinge, dass man mein Deutsch nicht mehr geographisch zuordnen könnte. Da bleibe ich lieber ein hörbarer Schwabenseckel.

 

 

 

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