Beinahe ein Berliner

Berlin hat wahrlich einen morbiden Charme. Trotzdem kann man dort gut leben. Manche leben gerade deshalb dort.

“Schimmeln ist in Berlin Bürgerpflicht”, sagte mir mal ein Berliner, mit Schimmeln meinend, dass man jederzeit und immer irgendwo möglichst angenehm herumgammle.

Beinahe wäre ich dort gelandet.

Irgendwo in einem Park oder nächtens auf einem Kiez mit der Bierflasche in der Hand herumgammeln gefällt mir nämlich sehr. Das liegt daran, dass ich so sehr zum Schaffen neige, der endemischen Schwabenkrankheit, dass mir diese Art des Ausgleichs sehr behagt.

So habe ich mir denn mein Klein-Berlin, wo ich fast völlig gnadenlos schimmeln und gammeln kann, in meiner Stuttgarter Stammkneipe eingerichtet.

Da schwatze ich dann mehr oder weniger sinnlos oder sinnvoll heraus, wie es sich grade ergibt, oder ich lese, weil ja sonst nichts Unerhebliches zu tun, derzeit, meinen Montaigne.

Für Berlin hätte ich wohl nicht getaugt. So viel Schimmeln, wie dort Bürgerpflicht, das schaffe ich nicht.

Ich erinnere mich an einen Abend, na, es ward schon der Morgen, da hatte ich die ganze Nacht lang, zu Kreuzberg, keinen einzigen Schnaps getrunken, nur brav mein Bier. Ich wollte frühe, ungeschlafen, ich vertrinke mein knappes Geld lieber, denn dass ich es verschliefe, zumal in Berlin, bahnweis, gen Neustrelitz.

Da sahe ich, es ging gegen Fünfe, einen meiner relativen Lieblingswhiskies, dorten an der Wand stunden, dachte mir, dass einer doch so gut wie keiner sei, ich mir also doch noch einen bestellen könne.

Ein dickes, undurchsichtiges, bodenunerkenntliches Glas kam. Nachdem ich zweimal daran gesogen hatte – das Schild wohl sehend, auf dem geschrieben “Wer die Wirtin kränkt, wird aufgehängt”, der sehr ernsthaften Wirtin gewahrend, ward mir klar, dass sie mir mindestens einen Dreifachen eingeschenkt hatte – ich war ein sehr guter Gast gewesen, der auch mal eine stürzende Studentin aufgefangen, also wohl fällig – , den ich nur unter Zuhilfenahme eines weiteren Bieres, ungeplant, zu bewältigen wusste, was mich schlussendlich, ich weiß nicht mehr genau, ob ich dessen hier schon berichtet habe, ja, ungefähr wohl schon, dahin brachte, nicht nur am Berliner Hauptbahnhof meinen geplanten Zug zu verschlafen, sondern auch noch in dem dann erhaschten gen Neustrelitz Neustrelitz.

Dies war das Berliner Morgenschimmelwunder, das mich, ich gebe es zu, bin aber nur teilschuldig, halbschwarzfahrend, einmal die Lage erkannt, zu meinem Wunderglücke zum ersten Mal an die Ostsee brachte, indem ich, schicksalsergeben, einfach bis Rostock, dann Warnemünde, weiterfuhr.

Seitdem will ich, wenn nicht in meine Stammkneipe, immerzu an die Ostsee. Zum unvergleichlichen Lichte.

Berlin hat mir diesbezüglich sozusagen den Verstand geraubt.

Ich hatte zu Berlin aber auch schon Grund, ein wenig geehrt zu sein.

Ich war mit einem Freunde sehr gediegen zum Abendessen eingeladen, sehr gediegen!, es gab, bei jenen Piscovegetariern, alles, was das Meer nur an Feinem hervorbringt, zweitklassige Weine warden kurzerhand weggestellt, wie nur als solche erkannt, Spargel, feinste Kartöffelchen, mannomann, nur dem Nachtische fehlte etwas Fruchtsüße und -säure.

Ich benahm mich anscheinend bestens und sprach Schriftdeutsch; beides hatte mir mein Freund nicht so recht zugetraut, hinbekommen zu können, und ich erhielt dafür, er war dessen sehr zweiflig gewesen, eines der angenehmsten Lobe meines Lebens.

Ich hatte wahrlich nichts dagegen, zu Berlin mal auf höchstem Niveau zu schimmeln. Wundervolle Gastgeber, bestes Essen und Trinken, da schimmelt sogar der Magnus sehr anständig mit.

(Man mag es mir verzeihen, dass ich Teile dieser Narration, immerhin wohl nicht genau so, früher schon einmal vorgetragen habe. Schimmeln macht auch redundant.)

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