Der Göller (glaubt!) und ein Reinkarnationist (weiß!)

Gestern hatte ich eine interessante Diskussion mit einem, der an die Reinkarnationslehre glaubt, nun, er selbst habe Gewissheit, dass diese richtig sei, meinte er, was ich nicht länger in Zweifel stellte, denn das hätte kaum Sinn ergeben.

Es ging sodann darum, dass mein Gesprächspartner weiterhin anführte, Leute, die daran glaubten, sie verlöschten nach diesem ihrem einen Leben gänzlich, seien generell brutaler und skrupelloser als jene, die an die karmischen Gesetze glaubten bzw. davon wüssten. Ich bezweifelte das.

Leider kam mir in dem Moment nicht wieder die Geschichte in den Sinn, die mir mein verstorbener Freund James, der viele Jahre in Indien zubrachte, erzählte (die ich in einem anderen Beitrag auch schon erwähnte).

Durch einen Zufall, der Sohn des irischen Botschafters war sein Kumpel geworden, hatte James eine Einladung zu einer Maharadscha-Hochzeit erhalten, die über drei Tage in unvorstellbarem Prunke gefeiert ward.

James nutzte die Gelegenheit, den Maharadscha selbst darauf anzusprechen, wie sich das denn mit all den Siechen und Verhungernden, die in Scharen gleich vor den Palasttoren in ihrem Kote vegetierten, vertrüge.

Jener antwortete nur, etwas verwundert ob der dummen Frage: “It’s their Karma.”

Keinerlei Empathie, keinerlei Gewissen, völlige Gleichgültigkeit bei diesem reinkarnationsgläubigen Hindu, der, das darf man vermuten, seine adlige Geburt wohl seiner erlesenen Lebensführung in vorigen Inkarnationen zuschrieb.

Und: Wenn einer glaubt, dass er nur dies eine Leben habe, wieso sollte er es nicht gerade deshalb besonders gut und sinnreich erfüllen wollen?

Ist der Spieß nicht geradezu umzudrehen, dahingehend, dass der, der noch unzählige Leben vor sich zu haben sich dünkt, sich sagen möchte: “Egal, ob es in den nächsten Leben karmische Strafe setzt, wer weiß das schon so genau, ich lasse jetzt erstmal die Sau raus, der Maharadscha macht das schließlich auch, dem ist das ganze Gesindel scheißegal, und dabei ist er doch offenkundig auf einer sehr hohen Stufe angelangt.” – ?

Wer weiß, ob Leute, die sich entlang irgendeines Glaubens “gebessert” haben, meinen zu haben, sich nicht auch entlang eines anderen gebessert hätten, wohl auch ganz ohne, vielleicht noch besser gebessert?

Und: Wie viele abstoßende Beispiele haben wir, was der Glaube anrichten kann?

Ich weiß natürlich, dass es eitel erscheint, womöglich gar ist, wider der Leute Glaubsucht zu reden, zumal dann, wenn sie ihren Glauben für sich zur Gewissheit gemacht haben. Ich habe für mich aber vorläufig entschieden, da das Thema kaum ausbleibt, mich nicht nur übers Feld treiben zu lassen, sondern mir, wo möglich, immerhin ein Vergnügen statt einer Verdrießlichkeit daraus zu machen.

Und, wie üblich bei gewitzten modernen Glaubenssophistikern, hielt mir mein Gegenüber (der ja zu wissen meinte) vor, ich glaubte auch (merkwürdig dieses auch) alles Mögliche, gestehe mir das nur nicht ein, hehe.

Das finde ich dann immer putzig in solchen Debatten. Ich törichter Fant glaubte nur, dass ich nicht glaubte, womit ja schon erwiesen sei, dass ich glaubte, mich in diesem Glauben an den Nichtglauben offensichtlich selbst belöge. Manchmal wird es schon witzig. (Den Trick haben sie inzwischen fast alle gelernt. Früher kam er jedenfalls seltener zur Anwendung.)

So will ich denn, ach, die Sau mal aus dem Dorfe treiben.

Ja, ich glaube.

Ich glaube an das Lernen, die Kunst, und die Freude.

Wenn es mir gerade gutgeht, glaube ich manchmal sogar an mich.

 

 

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6 Antworten zu “Der Göller (glaubt!) und ein Reinkarnationist (weiß!)”

  1. Lisa sagt:

    Ich gehe davon aus, dass Alles was existiert, im Jetzt existiert. Das erfordert dann natürlich eine andere Betrachtung der “Reinkarnation”. Um es ganz kurz zu machen:

    Ich bin Viele. Mein Selbst (ich selbst) erkennt sich in vielen Aspekten und diese Aspekte sind verschiedene Personen in verschiedenen Zeiten. So wird das von einem Menschen wahrgenommen. In Wirklichkeit ist natürlich alles Jetzt.

    Wenn man also die vielen Aspekte (Leben) überblicken will, muss man bewusst sich Selbst werden. Selbst-erkenntnis eben…

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    Ich liebe es, wenn Du mich, zumindest beim ersten Lesen, überforderst. Es gibt kaum Schöneres.

    Ich denke aber, dass ich die Kurve doch wieder, wenigstens halbwegs, gekriegt habe.

    Ich frage, wenn ich die (grammatischen) Zeiten im Englischen zu erklären habe (es sind sechs), meine Schüler oft, was sie meinten, wie viele Zeiten es denn wirklich gebe.

    Die meisten sagen, es seien derer Dreie: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Ab und an gibt es aber auch welche, die die Zeit nichtlinear sehen, zirkulär, Winter, Lenz, Sommer und Herbst ansetzen.

    Soweit ich mich erinnere, hatte ich noch keinen, der Deine Antwort gab, alswelche meine ist: Es gibt nur eine Zeit.

    Die Vergangenheit ist nicht, die Zukunft auch nicht, das waren allenfalls Gegenwarten oder werden Gegenwarten sein: es gibt nur die Gegenwart. Also nur eine Zeit.

    Jetzt aber zu dem, was Du eigentlich, außerdem, anbrachtest.

    “Ich bin Viele. Mein Selbst (ich selbst) erkennt sich in vielen Aspekten und diese Aspekte sind verschiedene Personen in verschiedenen Zeiten.”

    Ich kenne das. Allerdings bist Du – im besten und ursprünglichen Sinne gemeint – da wieder mal radikaler als ich. Vielleicht bin ich zu ängstlich, sehe mich deshalb eben doch gerne vorzüglich als mich im Jetzt.

    Es ist schon so, dass etwas Konfuzius und Nietzsche und Cervantes und Kleist und wohl auch nicht zu wenig Simplizissimus Arschgeige an und in mir ist, ich das alles teilweise selbst bin (vor allem der Letztgenannte selbstverständlich).

    Das ist auch mein Verständnis von “Reinkarnation”.

    Wie ich hier schonmal erwähnte, philosophierte ich, einladend, schon vor einem Vierteljahrhundert bei einem für Studenten sündhaft teuren Frankenwein (26 Mark die Flasche, aber ein traumhafter Spätburgunder) mit meinem besten Studienfreunde im Würzburger Bürgerspital über Teilreinkarnationen.

    Selbst der beste Freund, der jetzt Anlass für diesen Artikel gab, widerriet nicht grundsätzlich, als ich anführte, dass dies möglich, mancher womöglich auch ganz verlöschen könne.

    Ich freue mich jedenfalls fast wie ein ungebärdiges Kind, wie Du immer wieder (außer Hildegard von Bingen, meiner verstorbenen Frau, Jane Austen, meiner Mutter) zeigst, gerade auch noch hier, wo viele meinen möchten, dass ein Frauenverächter unterwegs sei (ob meiner Genderastereien usw.) dass auch Frauen wirklich tief denken können.

    Verzeihe mir dies Lob.

    Und, ja, ich habe aufgepasst und Dich nicht noch einmal eine Philosophin genannt.

    Das Wort ist vielleicht eh zu verschwurbelt: Also sage ich jetzt mal Denkerin, solange Du den Begriff nicht aus ebensoguten Gründen wie weiland die Bezeichnung als Philosophin ablehnst.

    So, jetzt langt es erstmal, denn sonst folge ich meiner Schwatzsucht übers Maß.

    Achso, ich kann ja doch nicht so platt enden: Wen siehst Du denn am meisten in Dir?

    Ich will hier keine Antwort, stelle nur die Frage.

  3. lisa sagt:

    (Ich hätte schon früher geantwortet, aber aus irgendeinem Grund erscheint immer eine Fehlermeldung: Doppelter Kommentar)

    Ja, tatsächlich gehe ich davon aus, dass es nur die Gegenwart gibt. Alles ist jetzt. Aber die menschliche Wahrnehmung ist (noch) zu träge, um diese Kompexität zu erfassen. Deshalb “schreiten” wir die Ereignisse ab und das generiert die Zeit. Eigentlich ist es eher ein Springen von Parallelrealität zu Parallelrealität, die jede für sich eine vollkommen neue Realität ist. Das erklärt auch, warum der Wahl eines anderen Glaubens auch eine andere Realität folgt. Und da alles in der Gegenwart ist, sind natürlich auch “Zeitreisen” möglich.

    Ich schätze Hildegard von Bingen ebenfalls. Ich ernähre mich sogar teilweise nach ihren Empfehlungen. Ihr Ernährungslehre ist so etwas wie das Ayurveda des Westens. Ihr religiöses Werk habe ich bisher nur überflogen, aber dass sie den Menschen ins Zentrum des Kosmos stellt ist schon einmal wahr. Auch ihre Musik ist sehr einfach und sehr schön. Ihr ganzes Werk wurde ihr “von einem Engel des Herrn” diktiert, wie sie selber sagte. Sie hat es sozusagen gechannelt und ich denke, dass es damals wie heute gültig ist.

    Ich weiß nicht genau, wer alles zu meinem Wesen gehört. Wenn ich etwas lese oder höre, das mich fasziniert, könnte eine Verbindung bestehen. Oder Menschen, die ich immer wieder treffe oder mit denen ich mich im Internet austausche. Da mag es schon die eine oder andere kosmische Verbindung geben…

  4. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ lisa

    Ich hoffe mal, dass das System nur vorübergehend gesponnen hat.

    Zur Sache (das mit den Parallelrealitäten und anderes greife ich heute Abend auf, bin grade auf dem Sprung), speziell Hildegard, noch kurz: Ich denke, dass sie das mit dem Engel erfand, um nicht auf dem Scheiterhaufen zu landen.
    Ich habe ihre Geschichte nicht genau studiert, aber doch manches davon, und es liegt für mich recht nahe, dass sie, da sie ja als Frau nicht besser denken können durfte, als die dummen Pfaffen, immerzu betonend, dass sie selber gar keinen Plan habe, alles “von oben” komme, diese bigotten Arschnasen vorführte, wie sie es nicht besser vedienten. Manchmal muss man (frau) halt gut lügen können.
    Ich will allerdings auch nicht ausschließen, dass ihr tatsächlich, wenigstens teilweise, von einer oder auch mehreren Wesenheiten geholfen wurde. Oder eben, dass ihr einerseits geholfen wurde, sie vieles aber wiederum selbst herausfand. (Mir schmeckt Wein in aller Regel auch besser als selbst unser obererlesenes, bedenkenlos zu trinkendes Bodenseewasser.)

  5. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ lisa

    ‘Und da alles in der Gegenwart ist, sind natürlich auch “Zeitreisen” möglich.’

    Eine interessante Schlussfolgerung. Ich kann sie allerdings aus irgendeinem mir noch nicht so recht klaren Grunde nicht gleich unterschreiben. Es haftet ihr jedenfalls etwas Paradoxes an.

    Der “Reinkarnationist” ist übrigens auch von der Möglichkeit von Zeitreisen überzeugt. Ich werde ihn bei nächster Gelegenheit mal fragen, was er von Deiner diesbezüglichen Logik hält.

    Ich selber kann es jedenfalls bislang nicht sortieren, wie der Kosmos physische Zeitreisen aushalten solle. Wenn es da keine Zeitreisepolizei gibt, wie viele meinen, dass die Sache, damit kein totales Chaos ausbricht, reguliert sein müsste, was nicht gerade ein erhebender Gedanke, weiß ich auch nicht, wie das funktionieren solle.

    Man könnte natürlich auch postulieren, dass nur die Leute in der Lage sind, physische Zeitreisen anzutreten, die geistig so reif, dass sie keinen Unfug treiben.

    Den Schuh zöge ich mir dann schon lieber an.

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