Kein souveräner Staat, Herr Gauck, kein Verrat?

Ich könnte mich fast scheckig lachen, wäre es nicht so trist, wie viele Leute sich jetzt, da die Maschine des bolivianischen Präsidenten wegen Snowden-Verdachts in Wien zur Zwischenlandung gezwungen wurde, weil selbst das stolze Frankreich zunächst die Überflugrechte verweigerte, die Augen verwundert reiben.

Manche gestern wohl noch brav eingelullte Bürger versteigen sich inzwischen nicht nur zu der Feststellung, dass ganz Europa westlich von Weißrussland nach der amerikanischen Pfeife tanzt, egal, wer gerade gewählt ist, sondern auch zu der Verschwörungstheorie, dass die NSA praktisch alle westeuropäischen Politiker direkt oder indirekt erpressen könne, diese also nur Marionetten seien.

Snowden hat uns Europäern tatsächlich einen großen Dienst getan. All die Wirr- und Schwatzköpfe und Korrupten und selbst Erpressbaren oder bereits Erpressten, die uns die USA als Freund anpreisen, werden keinen leichten Stand mehr haben. Antiamerikanismus? Der Vorwurf zieht nicht mehr. Amerika ein Rechtsstaat? Da lache ich doch! Amerika ein Hort der – wie bitte? – Freiheit? Geht’s noch? Wir haben in Deutschland eine Demokratie? Eine WAS haben wir?

Wer jetzt immer noch nicht begriffen hat, wie die Wirklichkeit aussieht, der muss wohl selber erst beim Abendspaziergang im Pfälzer Wald auf Verdacht einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen, um, über Ramstein ausgeflogen, in Guantánamo sein Weltwissen zu ergänzen. Es kann natürlich auch ein Foltergefängnis in Polen oder Rumänien oder sonstwo sein, das nicht so berühmt ist wie jenes auf Kuba.

Vielleicht mache ich mir zu gr0ße Hoffnungen, und die deutschen und europäischen Schlafschafsschafe verdrängen und vergessen fast alles wieder recht schnell.

Auf jeden Fall aber sind bemerkenswerte Dinge passiert, mal abgesehen von der ganzen entsetzten Heuchelei, die quer durch die Blockflötenparteien in Punkto Überraschtsein gerade aufgeführt wird, unter anderem, dass Bundespräsident Gauck, der Stasi-Abwickler (man soll in den USA, denen unser Staatsoberhaupt über die Atlantik-Brücke ganz besonders freundschaftlich verbunden, alles in Kopie haben), Snowden einen Verräter nannte, er habe für puren Verrat kein Verständnis.

Nun, wahrscheinlich war es gar kein oder nur ein unpurer Verrat, wenn einer Machenschaften der Stasi ausplauderte oder anprangerte, oder deshalb, weil die Stasi gemessen an der NSA lediglich mit kleinen Schäufelchen in einem kleinen mitteleuropäischen Sandkastle recht hilflos, wenn auch eifrig, herumgrub. Dankenswert, jedenfalls, Herr Bundespräsident, dass Sie gezeigt haben, auf wessen Seite Sie stehen. Wer sich da wohl selbst den Verdacht an den Hals ziehen möchte, er könne ein Landesverräter, ja Hochverräter, sein, im höchsten Staatsamte?

Allerdings meint der Herr Gauck womöglich, im ersten Teile zweifellos zutreffend, dass Deutschland besatzt ist und keine Verfassung hat wie ebensowenig einen Friedensvertrag, so dass man an einem Land, dessen Institutionen in Wirklichkeit gar keine nationalen sind, so dass er gewissermaßen auch gar nicht real Bundespräsident der Deutschen, und somit überhaupt keinen Verrat an der Bundesrepublik Deutschland begehen kann, egal, was er macht, da es sich um gar keinen souveränen Staat handelt, sondern um eine US-Kolonie unter teilweiser deutscher Selbstverwaltung. (So wie man ja auch die DDR nicht verraten konnte, da die eine Sowjetkolonie war, kapiert? Man kann nur richtige Staaten verraten, z.B. die USA. Das geht natürlich, egal, was für faschistische Banditen dort regieren, keinesfalls. Irre.)

Wir werden den Tag noch erleben, dass jede Sorte – ich nenne das Wort jetzt nicht, da der Bundespräsident zuvor genannt wurde und er über ein gummiartig paragraphiertes Nichtbeleidigungssonderrecht verfügt – , also jede Sorte “……”, die das deutsche Volk systematisch an seine Feinde ausgeliefert haben, meinen, dies gemäß Besatzungsrecht gemacht zu haben, also gerechterweise keinesfalls dafür belangt werden könnten. Man habe stets auf Geheiß und mit Wissen der Westmächte ordnungsgemäß gehandelt.

Die Frage wird dann natürlich lauten, wie damit befasste Richter eines freien, souveränen Deutschlands diese Rechtsauffasung bewerten werden, ob es beispielsweise für Beihilfe zu Mord und Folter eine durchgängige Amnestie geben wird, wofern glaubhaft gemacht werden kann, dass diese im Sinne der Besatzungsmächte ausgeübt wurde.

Zieht Euch mal warm an. Für Euch ist irgendwann Zahltag.

 

 

 

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