Konstantin hamburgt ins Alte Watt

‘Nein, am Kaufmännischen wirst du die Hamburger nicht so leicht packen’, sagte sich Konstantin, indem er das zweite Fischbrötchen verdrückt und sein Flens geleert hatte, wobei sein Blick auf ein hässliches Hochhaus fiel, auf dem in großen roten Lettern stund: DER SPEICHEL.

‘Oh’, dachte er bei sich, ‘nun bist du also unversehens visavis vom Speichel gelandet, und das, indem in Hamburg mal die Sonne scheint. Ein Zeichen.’

Konstantins Jagdinstinkt erbob. Dorten, in diesem scheusäligen Palaste der Buchstabenschändung und -verschleuderung, allwo so viele nutzlose aufgeblasene Fanten dem Werke der Volksverdummung, ihrem alleinigen Auftrage, täglich nachgingen, war der Ort, dass er den Hamburgern das Lachen über die dummen Münchner verderben werden müsse.

Ein Plan musste her. Die Sache wollte gut bedacht sein.

Da sahe er unweit eine Frittenbude, allwo er meinte, sich nähere, zielführende Kunde über die Insassen jenes Mentalasyls verschaffen zu können, was ihm umso wahrscheinlicher erfolgreich bewerkstelligen zu können deuchte, sintemalen er, indem er sich näherte, daselbst einiger Gestalten gewahrte, die genau so aussahen, wie man sich jene Sorte Schmierfinken und -finkinnen vorstellt, die noch den letzten Vorteil aus dem Elbschlick lesen.

Also ganz hin, ein Jever bestellt, ein bisschen einen auf dumm und Zufall gemacht.

So schön seiner Zweithandkleiderhändlerin Hamburgerisch ihm in den Ohren geklungen hatte, so eitel vernahm er nun, wie Dreie, die alsbald unschwer als Speichel-Angestellte auszumachen, nebst ihren beiden Kokotten, wohl Praktikantinnen, Prahlhänse wie aus dem Bilderbuche, verlauten ließen, wie man letzte Woche der Dummheit der Leute besorget habe, mal im Sinne der Regierung, mal in jenem der Opposition. Man war, obschon nicht auf Sylt, richtig gut gelaunt.

“Na denn sehn wa uns den Abönd üm Alten Watt”, meinte endlich, indem wohl die Matttagspause zuende ging, der sichtlich Öberste, und die kleine Gesellschaft machte sich auf gen Speichelhochhaus.

Na, das war doch schonmal was. Nun war, neben zwei oder drei vorsorglich zu ersinnenden Strategemen, nur das Alte Watt auszukundschaften, die geeignete Garderobe anzulegen, dort ganz unschuldig aufzukreuzen und der Möglichkeiten geschickt anzunehmen, die sich wohl zwangsläufig ergäben.

Es erwies sich dann aber, nachdem er noch lange die schöne Hamburg füßisch erkundet, schnelle – Konstantin hatte solches befürchtet – , dass es sich beim Alten Watt um einen Schwulenklub handelte, in welchem zwar durchaus auch Frauen verkehrten, aber die meisten nur wegen der in diesem Sinne ernsthaften männlichen Kundschaft vom Speichel und anderen Hamburger Gazetten; die Pinte war hell mit schummerigen Ecken; das ganze Gesindel glotzte, wie als ob es nie einen anständigen Mann gesehen hätte; nichts war schön in Speicheljournalistenkneipenstan.

Hier zu überleben, das war klar, gab es fast nur eins: Konstantin musste schnelle mit einer jener Anhängseldamen in ein gutes Gespräch kommen, nicht nur die Lage ertragen zu können, sondern auch, um sich in eine halbwegs gangbare Verhandlungsposition zu bringen.

Eine, sie schien doch etwas gelangweilt, was sie zwar so gekonnt als möglich zu überspielen trachtete, hatte schließlich, indem Konstantin es bemerkt, aber sich zunächst nichts anmerken ließ, einen vom richtigen Ufer, ihn, ausgemacht, und es ergab sich also bei der Zweitbierbestellung der günstige Augenblick, die Mittelblonde im schwarzen Kleid scherzlich anzusprechen: “Hier sind ja so viele stramme Jungs unterwegs, dass man sich bei all der Konkurrenz kaum hereintraut!”, versuchte Konstantin sein Glück, und die Versuchte, wie Konstantin späterhin erfuhr, ein ordentliches Dithmarscher Gewächs, versetzte darauf etwas verschämt lachend: “Ja nu, da muss man sich denn halt ranhalten, nüch?”

Beide lachten, und das Eis war gebrochen.

Konstantin schöpfte, indem man ein bisschen das und jenes austauschte, wieder Hoffnung, dass er diesen Abend nicht nur überstehen, sondern, mit Maikes Hilfe, auch noch zu einem weiterführenden Ergebnis bringen könne.

Denn sie war Sekretärin, ja, genau, beim Speichel, und indem der Biere Viere und Fünfe warden, begann sie eifrig zu erzählen, und achwas, wozu hier schwindeln, das Ganze endete auch noch in ihrer kleinen Wohnung, geriet zum köstlichsten spontanen Beischlafe.

Des anderen Morgens musste Konstantin natürlich spätestens beichten. Die darauffolgende also hanseatische wie heikle Szene aber wird erst erzählt, wenn Konstantin mit Hamburg ganz durch ist.

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