Konstantin lernt Hamburg

Konstantin erwachte recht frühe, richtete sich einigermaßen, machte am Rezeptionsrechner noch ein paar Zweithandläden aus, begab sich durch Hamburg, geeignete Garderobe für einen auszumachen, der in der Kaufmannsstadt zum Hoch-, Tief- und Normalstapeln geeignet sein möchte.

Der erste Laden, Connies Butze, war von eher allzu geckenhaftem Sortiment; doch fand er daselbst nach einigem Stöbern immerhin einen preiswerten Schottenschal, alswie ein Paar lila Lackschuhe, von denen er zwar noch nicht wusste, wozu sie taugen sollten, doch sagte ihm eine innere Stimme, dass die ihm bei seinen Unternehmungen noch zupass kommen könnten.

Hernach, im Hanse-Bestpreis-Knaller, allwo eine jener unvergleichlichen blonden Hamburger Schönheiten, etwa sein Semester, Dienst tat, dass er sich kaum auf die Hosen- und Sakkosuche allein zu bedingen wusste, widerfuhr’s ihm wie folgt.

“Daaf ich döhm Herrn helföhn?”, frug sie ihn schließlich freundlich in wunderschönstem, hellem, norddeutschem Singsang, in schwarzen Stiefeletten, knielangem lindgrünem Rock und glanzdunkelblauer Satinbluse, also, dass Konstantin sahe, wie schönste Knospen eben nicht nur im sonnenverwöhnten Breisgau gedeihen und erblühn, sondern auch unter meist nieselregnerischen Himmeln.

“Äh”, sagte Konstantin – er hasste es, einen Satz also zu beginnen – “wofern mir Frau Chefin dabei hülfe, sicherlich darin erfahren, einem kleinen Geschäftsmanne zu geeigneter Behosung und Bejackung zu raten, wäre sie meiner Dankbarkeit und umgehenden artigen Bezahlung angemessenen Kleides allergernst gewiss.”

Konstantin war sofort klar, dass er mit seinem aufgeblasenen Geschwätz deutlich übertrieben hatte, rechnete mit einer saftigen Riposte, doch die Hamburger Kauffrau, wo eine Münchnerin wohl zwei Sekunden verdutzt geguckt hätte, vielleicht gar etwas Unprofessionelles vor sich hingegrummelt, ließ sich, außer einem kurzen, aber doch sehr adrett wirkenden hauchfeinen Stirnrunzeln, nichts anmerken, musterte des Patienten Art und Größe ruhig und meinte: “Wenn der Herr sich einen Moment setzen möchte, ich werde ihm ma’ ‘n büschen wat beisammentun.”

Konstantin tat, wie ihm geheißen, und, kaum fünf Minuten waren verstrichen, so legte ihm die Hanseatin ein weinrotes und ein dunkelgraues Jackett auf den großen, dafür dienenden Glastisch, dazu zwei feine weiße Hemden, eines davon kragenlos, ein tief dunkelgelbes, eine braungrüne Bundfaltenwollstoffhose, eine gediegene dunkelgrüne, dunkelblaue und fast schwarze aus Baumwolle.

“Wenn der Herr hiavon ma’ anprobian möchte?”, meinte sie also verbindlich wie trocken und wand sich sonstigen Geschäften zu.

Konstantin probierte alles, es passte alles, und er nahm alles.

“Na denn auf gute Geschäftö! Wäre nett, wenn Sie ma’ wiedakämen und uns weitaempfehlöhn”, sagte die Hamburgeserin zum Abschiede, und indem sich auch Konstantin bedankt hatte, verließ er, etwas benommen, das Geschäft.

Und ihm ward, indem er versonnen die vormittagliche Straße entlangschlenderte, klar, dass alle Gerüchte, was den Geschäftssinn der Hamburger anlangte, wohl noch eher untertrieben sein mussten, wenn eine Zweithandkleiderladenbesitzerin schon so viel davon verstund.

Vielleicht sollte er doch nicht als windiger Kaufmann oder Geschäftemacher auftreten.

So trank er erstmal einen Kaffee und sann.

Dann ging er in ein normales Schuhgeschäft und kaufte sich noch ein paar anständige dunkelbraune Lederschuhe und sann, die Sonne war durchs Grau gebrochen, bei zwei Fischbrötchen und einer Flasche Flens auf einem Bänkchen an der Außenalster weiter.

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http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2013/06/27/konstantin-lernt-hamburg/

 

 

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2 Antworten zu “Konstantin lernt Hamburg”

  1. Rainer Grzybowski sagt:

    Immer wieder köstlich!

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Rainer Grzybowski

    Danke! Ich werde es Konstantin ausrichten.

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