Konstantin halb in Hamburg

Konstantin, kaum im Zuge von Stuttgart nach Hamburg, begann sofort eifrig darauf zu sinnen, wo sich welcherart dorten zunächst einzuquartieren, wie er sich zu kleiden und wo zunächst aufzutreten er sich’s unternehmen solle, den Puls der Stadt zum Herzen hin zügig sich zu erfühlen.

Es widerte ihn sehr an, aber ihm ward bald klar, dass er nur als ein Kaufmann oder ähnlicher Aufschneider werde auftreten können, sei es auch als einer von den eher besonderen.

Er würde sich zuerst neu einkleiden müssen. Da biss die Maus kein Faden ab. Ordentliche Jeans, anständige Polohemden und Sakkos waren nebst gepflegten Stadtschuhen angezeigt: es ging nicht zu den Rottweilern oder zum Wandern auf die Alb.

Da in der Geldkatz zwar noch was drin, Hamburg aber mindestens zunächst teuer zu werden versprach, ward der beste Spätgebrauchtkleidhändler nach Ankunft besucht, schon in der neuen Kluft, noch mit den guten Stiefeln, eine diskrete Absteige ausgemacht, der Halbschuhe und ersten Erkundungen morgen nachzugehen.

Zwei Bier wollte sich Konstantin noch gönnen und ging am Kiez entlang.

Es fing an zu nieseln. Die Abendwärme Stuttgarts lag wie unter Neapel. Zum Glück hatte er seinen Regenumhang nicht geopfert. Es nahm zu. Es wurde wilder. Schließlich peitschte es zwar noch nicht, wurd aber auch seitweis schon ziemlich garstig. Da war die Pinte erreicht.

Die Drei, die da an der Theke saßen, waren zwischen pitschnass und halbnass, aber es schien keinen zu stören, nein, sie waren darob geradezu aufgekratzt.

Da wisse man doch, weshalb man in der Kneipe säße, wenn das Hamburger Wetter einen freundlich dahinnen zusammenführe; nichts sei schöner, als gut eingeregnet in eine gemütliche Hamburger Kneipe zu gehen.

Konstantin mischte sich schließlich höflich ein und fragte: “Was macht man denn hier in Hamburg, wenn mal gut Wetter ist?”

“Da sind wir alle auf Sylt!”, meinte der Lustigste der Dreie, und die anderen beiden und der Wirt fanden das witzig.

“Ja, ich habe schon davon gehört. Man sagt in weiten Landstrichen Süddeutschlands, dass die letzten sechs bis acht Hamburger Bürgermeister auf Sylt gezeugt worden sein sollen.”

Die Hamburger dachten nach.

Das war sehr frech und unhanseatisch unhöflich.

“Der Herr mit den Bergstiefeln will wohl auf Sylt Unterdünenmeister werden, manche sollen es ja danach bis zum Deichgrafen gebracht haben und schließlich zum Unterzeugmeister eines mittleren Hamburger Kontoristen.”

Der Ton hatte sich verändert. Der dies sagte, wirkte also entschlossen wie entspannt, er wartete in Kühle ab, ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund.

Wenn diese Jungs, nass, in der mittleren Absturzkneipe, schon so schnell so draufsind, dann verstehe ich schon ein wenig, wie leichthin sie über die Münchener lachen. Obwohl. Die können dafür ganz schön hinterfotzig sein. Vielleicht sollte ich mir jetzt grad erst recht etwas davon ablernen.

Konstantin nahm, nach kurzem Bedenk und einem guten Nicken verbindlichst bedauernd, dass er der Konferenz nicht länger mehr beiwohnen könne, noch seinen Restschluck und meinte, sich artigst verabschiedend: “Hamburg ist wie München.”

Seinem Kontrahenten und den andern fiel das Gesicht aus dem Gesichte, und Konstantin war, dies im kurzen Rückblick habend, schon weg, bis dass ihn noch ein Widerspruch ankommen konnte.

 

 

 

 

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