Jede Pflanze eine Blume

Für meinen einst besten Studienfreund war im Grunde jede Pflanze eine Blume.

Zwar sprach er im Würzburger Ringpark nicht von Blumen, wenn wir vor einem Gingko oder einer stattlichen Buche standen, doch waren sie für ihn, der später Doktor der Pflanzenphysiologie mit Summa cum Laude werden sollte, eben doch Blumen.

Und da ich eben an meinen Freund D. zurückdenke, der sich, zeitweise, aufgrund einer Fehldiagnose, dem baldigen Untergange geweiht sah, was er wahrscheinlich wirklich nur mir irgendwann offenbarte, woraufhin ich ihm sagte, er solle einen Scheißendreck an die Drecksgeschichten von irgendwelchen Ärzten glauben, wieder anständig essen, wozu ich ihn rege einlud, fällt mir auch wieder ein, wie er sich über das Gros der Zimmerpflanzenliebhaber lustig machte: “Die meisten Leute machen aus ihren Pflanzen Unterseeboote.”

Ebenso spottete er über jene, die ihre Pflanzen ständig düngten, wie als ob sie Turbokühe züchten wollten, über zu große Pflanzlöcher, zu viel Substrat, das die Gärtner eifrig ausbrächten und verrechneten, falsche Bodenbearbeitung, lachte über zerhackte Disteln in städtischen Rabatten (die hatte er selber ausgebracht, er nannte sich darob “Ökoterrorist”), die um ein Vielfaches zurückkehren würden, indem wir sommers, am Mainkai, die unvermeidliche Halbe in der Rechten, beim Betrachten der vorüberziehenden Studentinnenblumen übers Ansetzen und die Wirksamkeit von Tabak- und Brennesselsuden sowie die Möglichkeit von Teilreinkarnationen ernsthaft und auch weniger ernsthaft disputierten und philosophierten.

In unserer notorischen Unsortiertheit und Faulheit, dabei Frechheit und Insubordination, wobei ich mich in letzteren beiden Disziplinen über D. wohl gar noch zu erheben wusste, indem wir, der vielen Pflichtpraktika – auch in den Semesterferien – schon reichlich bedient, praktisch nie Vorlesungen besuchten, bildeten der sehnige lakonische Rheinländer und der vorlaut-geschwätzige angeschrappelte Schwabe ein recht merkwürdiges Gespann, welches selbst den Geologen auf ihren berüchtigten Feten wissenschaftlich nachwies, dass Biologen auch Ernstzunehmendes von Ethanolanwendung verstehen können.

Indem wir es – im Gegensatze zu vielen anderen – aber eben doch hinbrachten, selbst er schließlich jenen berüchtigten (80% angekündigte und durchgezogene Durchfallquote) in Mathematik, unsere Scheine mitzunehmen, begannen wir uns als jene zu bezeichnen, die souverän-konsequent “am oberen Rand des unteren Drittels”.

Jahre später brachten uns leider die Weiber auseinander. Ich wollte das nicht, es sei auch nur der Vollständigkeit halber gesagt.

Wie kam er mir eigentlich eben wieder in den Sinn?

Ja: Es war eine Blume, die man normalerweise nicht als solche bezeichnete; es war beim Pinkeln; der kleine Strauch steht bei mir vor dem Klofenster.

Lieber D.: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Du dies lesen wirst, aber, nicht nur, da Du wie ich schon damals davon überzeugt warst, dass es irgendsowas wie morphogenetische Felder gebe, wird vielleicht eine Schwingung hiervon bei Dir ankommen.

Du bist in meinem Herzen, und davon zieht kein Weib und auch keine sonstige vermeintliche Übermacht im Kosmos auch nur ein Gran ab.

 

— Anzeigen —


Tags:

Eine Antwort hinterlassen