Konstantin in Stuttgart (III)

Nachdem Konstantin und Magnus des letzteren Stammkneipe verlassen hatten, zogen die beiden Freunde von hier nach dort, bis es schon recht spat geworden war und Magnus dazu riet, noch das Café V. aufzusuchen, allwo ein recht interessant gemischtes Publikum aufzuschlagen pflege.

An der Bar sahe Magnus, dass dahinter, wohl als eine Art spiritus rector, jedenfalls selbst nicht bedienend, sichtlich bestens gelaunt, ein elegant schwarzgekleideter Herr von vielleicht sechzig Jahren stand, sich angelegentlich nach hüben wie drüben sehr freundlich unterhaltend, alsmitwelchem Magnus einschließlich anderer eigentümlicher Vögel schon einmal länger gesessen hatte, von ihm erfahren, dass er Gedichte verfasse, alswovon er auch wohl einen Auszug vorgetragen, dessen Inhalt aber, ob der Schwere der Stunde, weitgehend aus seinem Gedächtnis entfleucht, fast nur die Eleganz des Vortrags haftengeblieben.

So frug er denn, wohl wissend, dass auch Konstantin feiner Poesie nicht abgeneigt, den Distinguierten, ob es denn nicht etwas von seinen Werken zu lesen gebe, vielleicht gar hier, jetzt gleich, oder anderwie erhältlich, das möchte ihn delektieren.

Sehr höflich, aber ebenso bestimmt, sich Magnussens schwer verwechselbaren Gesichtes sicherlich erinnernd, meinte der Dichter, nein, das gehe nicht. Er gebe seine Sachen nicht an die Öffentlichkeit.

Ob es denn überhaupt Leute gebe, die, außer ihm, seiner Lyrik kosten dürften, sie auch lesen, nicht nur auszugsweise mal glücklich davon hören, einen in diesem Sinne erlauchten Kreis etwa?

Ja, den gebe es. Der sei aber sehr klein.

Magnus begriff, dass er sich darein wohl noch nicht qualifiziert habe, frug den Gestrengen aber, nach einem dahingehenden Scherze, noch, weshalb er dies denn so außergewöhnlich eng halte.

“Ich habe immer im Schatten gelebt”, meinte der andere knapp, worauf das Gespräch mit einem “Ach so, na gut!” vonseiten des Fragenden endete.

“Der ist ja nicht einmal ein Schwabe”, meinte Konstantin darauf (dies war an der Diktion des Gestrengen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erkennen), “und trotzdem ein merkwürdiger Eigenbrötler und abseitiger Dichter: Laufen die Euch neuerdings zu, seit bei Euch derer doch, zumindest verglichen mit früher, ein beklagenswerter Mangel herrscht?”

“Kann schon sein, immerhin mögen sie meinen, dass man sie hier nicht so leicht verfehmt und verfolgt, wie anderwo. Mancher Landsmann hat schon noch etwas für Denker und Freunde des klingenden Wortes übrig.”

Konstantin sann eine Weile, ob er den Schwarzgekleideten noch einmal ansprechen solle, verwarf dies aber endlich und meinte: “Der Kerl hat es faustdick hinter den Ohren. Heute Abend erzählt der uns nichts mehr.”

“Wohl kaum.”

Die beiden saßen noch ein wenig, leerten ihre Gläser, und auf dem Heimwege meinte Konstantin noch: “‘Ich habe immer im Schatten gelebt.’ Den werde ich mir merken. Auf ganz eigentümliche Art passt der ja auch auf mich.”

 

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