Philosoph(in): ein zu verpflichtender Begriff?

Leserin Lisa hat mir in einem Kommentarstrang mal wieder eine Nuss zum Knacken auf diese Seite gerollt.

http://unzensiert.zeitgeist-online.de/2013/05/31/angelina-jolie-nachlese-bei-friederike-beck/comment-page-1/#comment-205805

Sie schrieb:

‘Und nein, ich würde mich nicht als “Philosophin” bezeichnen. Dieser Begriff ist mir zu …verpflichtend.’

Und überdies, dazu passend:

‘Magnus, Du hast recht, wenn Du sagst, dass ich gelegentlich provoziere, um dann, falls noch jemand mitmacht, die Provokation zu diskutieren. Aber es ist keine Strategie, sondern es erscheint mir manchmal notwendig, um eine Diskussion zu beleben.’

Ich unterstelle zunächst, dass Lisa den Begriff “Philosophin” nicht nur deshalb für zu verpflichtend hält, womöglich gar nicht, weil sie eine Frau ist.

In welcher Weise könnte es zu verpflichtend sein, wenn jemand sich als Philosophin respektive Philosoph bezeichnet?

Etwa im Sinne dessen, dass man sich damit in eine systematische Bringschuld (im Sinne systematischen – strategischen? – Vorgehens wie auch eines abzuliefernden Systems) begäbe? Also Freiheit im Handeln, Ausdruck, letztlich selbst im Denken einbüßte? Unnötig, unklug Angriffsflächen böte, die Möglichkeit, von Gelahrten lächerlich gemacht zu werden?

Immerhin hörte ich schon, von einem, der in Heidelberg (hiemit an einer der renommiertesten philosophischen Fakultäten weltweit) studierte, einem Manne, dessen geistige Fähigkeiten ich ansonsten sehr schätze, dass Nietzsche gar kein richtiger Philosoph gewesen sei, da er kein in sich geschlossenes System vorgelegt habe, wie beispielsweise Kant. (Nietzsche meinte einmal, das zitiere ich jetzt aus dem Gedächtnis, er misstraue grundsätzlich allen Systematikern… Er sagte aber auch: “Wir neuen Philosophen…”)

Für mich jedenfalls ist ein Philosoph, wie das Wort es sagt, einer, der die Weisheit liebt. Zunächst. Wird diese seine Liebe vom vielleicht launischsten aller Weiber jedoch immerzu verschmäht (“Die Weisheit ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann”), so mag er vernünftigerweise doch aus diesem Appellativum herausfallen.

Zweifellos mag man manchen Fallstrick meiden können, bezeichnet man sich präventiv gleich gar nicht als Philosoph.

Dazu noch zwei Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg, deren ersterer mir heute Nachmittag in die Hände fiel, letzterer bei der Suche nach dem ersteren:

(Jetzt finde ich den ersten doch nicht mehr; er lautete aber etwa, dass Philosophieprofessoren einen Handel mit den Meinungen anderer Leute trieben.)

Der ist jetzt echt:

“Dies ist eine sehr fruchtbare Wahrheit, wenn man sie in einem gesunden Kopf bewahrt, so hat sie wie die Glückspfennige alle Morgen eine neue neben sich liegen.”

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu “Philosoph(in): ein zu verpflichtender Begriff?”

  1. Lisa sagt:

    “Etwa im Sinne dessen, dass man sich damit in eine systematische Bringschuld (im Sinne systematischen – strategischen? – Vorgehens wie auch eines abzuliefernden Systems) begäbe? Also Freiheit im Handeln, Ausdruck, letztlich selbst im Denken einbüßte? ”

    Ja, das ist eine gute Beschreibung der akademischen Philosophen. Liebe zur Weisheit – Philosophie – ist eigentlich ein sehr schöner Begriff, der aber, wie Du oben beschrieben hast, besetzt ist. Ich lese keine “Philosophen”, außer gelegentlich Nietzsche. Die Sprache ist mir meistens zu kompliziert und zu manieriert und Vieles, was sie schreiben, schrammt sozusagen an der Weisheit vorbei. Aber da ich sie nicht studiere, tue ich dem einen oder anderen vielleicht unrecht…

    Dieser Mann aus Heidelberg hatte recht, dass er Nietzsche nicht als “richtigen Philosophen” beschrieb, aber nur aus der Perspektive der Akademie. Ansonsten war Nietzsche sicher einer der wenigen “richtigen Philosophen”, auch wenn er den letzten Schritt zu sich Selbst als Ursprung aller Manifestationen nicht gemacht hat. (Aber das hatten wir schon).

    Sich als Philosph/in zu bezeichnen öffnet deshalb eine Schublade und man erwartet tatsächlich irgendein System. Systeme sind aber immer beschränkt und Beschränkung ist in gewisser Weise das Gegenteil von Weisheit. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten und weise wäre es, die eigene Fähigkeit zur Auswahl aus diesen unendlichen Wahrscheinlichkeiten erst einmal zu entdecken und dann diese auszubilden.

    Die einzige “Strategie” ist für mich deshalb, alles zuzulassen um dann eine Auswahl zu treffen. Kein Kampf, keine Ablehnung, kein Widerstand! Nur die Wahl dessen, was man selber will (mit gelegentlichen Rückfällen in alte Muster). Die ultimative “Strategie” ist natürlich herauszufinden, wer ich wirklich bin.

    Zufällig habe ich vor kurzem die Aussage von Nietzsche zu den Systematikern gelesen:

    “Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.”

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Lisa

    In der Welt der Ideen, Möglichkeiten, unendlichen Wahrscheinlichkeiten wirkt der Hang zur Systematik ja nicht nur, da zumindest akademisch von außen gefordert, sondern auch, von innen her, leichthin, wenn nicht meist, unbemerkt, als eine Art Gedankenfessel.

    Mir ist, soweit ich für mich von philosophischem Schaffen (noch) reden will, von daher auch die aphoristische und essayistische Ausdrucksform, das Traktat, die Satire, ins Erzählende einbindendes Darstellen, ja selbst mehr oder weniger scherzhafte Lyrik, im Grunde jede freie Form, am liebsten.

    Letztlich mich – und das darf der akademisch-systematisch anerkannt werden wollende Philosoph ja nicht – , sich aufwerfenden Fragestellungen über den Treibriemen der Kunst, für mich selbstverständlich aber dabei auch der angewandten Sprachwissenschaft, zu nähern und widmen.

    Dass dabei jeder Rezipient je nach eigenen Vorstellungen und Schwerpunkten, seiner Auffassungs- und Hingabe, verschiedene Facetten des Gesagten bevorzugt wahrnehmen und betrachten wird, ist hier durchaus gewollt und eben n i c h t automatisch ein Kennzeichen eines missratenen, ins Beliebige, Ungriffige, den Firlefanz abgerutschen, letztlich missratenen Textes, sondern, zwar wiederum in unterschiedlichem Maße, durchaus gewollt.

    Nun, da ich die Kategorie “Philosophie” hier irgendwann eingeführt habe, viele Texte darunter firmieren, kriege ich die angesprochene Problematik nicht mehr so leicht von der Backe; andererseits provoziere ich eben auch ganz gerne, und sehe ich auch nicht im geringsten ein, weshalb – auch so benamt – das Philosophieren, hiemit die Philosophie, die Deutungshoheit was diese anlangt, den Doktores und Professores zu überlassen sei.

    Die mögen darüber ruhig lachen, derlei als ohnehin irrelevant ignorieren, spotten, külchen, sich ärgern; so mag wenigstens etwas Abwechslung in ihr Leben kommen.

    (Wenn man bedenkt, dass heute schon jede Brauerei eine “Unternehmensphilosophie” zu haben vorgibt, jeder Fußballtrainer eine “Spielphilosophie”, jeder Produktdesigner eine Philosophie des Designs, dann darf ich, jedenfalls erlaube ich es mir einfach ebenso ungefragt, auch ein wenig Faselphilosophie betreiben.)

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