Konstantin in Stuttgart (II)

Magnus war schon etwas früher erwacht und hatte das Frühstück besorgt, Brot, Butter und Käs nebst einem grob aufgeschnittenen Schinken, Flädlessupp sowie Feldsalat mit ordentlich Frühzwiebel und Radies, dazu einen wohlangemessenen Eierkuchen, aufgestellt.

Das mochte auch Konstantin gefallen, ein Gläschen Weißburgunder sollte nicht fehlen, da man beschloss, das Frühstück auch gleich zum Mittagsmahle zu machen, alswelches, wenn man so großer Taten lustig, alswie den Kern von Schwabenstan, genannt gemeinhin Stuttgart, aus seiner eingesumpften Trägheit in dionysisch erkennende Freude zu werfen.

Klar war, dass Magnus als Schwabe sehr vorbelastet war, Konstantin als Nichtschwabe des sonstigen Terrains aber nicht unbedingt sicherer, denn ersterer, also, dass man, wirklich den fast unabwendbaren Schalk im Nacken, noch einen spazierenden Nachmittag im Schlossgarten und hinten bei den brabbelnden Schachspielern verbracht, schließlich, sozusagen, um den sichersten Teil der unsicheren Teile Stuttgarts einführend und inspirativ zu betreten, zum “Vorglühen”, wie die geschätzte M. das nennte, des Eingeborenen Stammbeiz betrat.

Bislang saß nur die schmale romantische Dichterin, wie stets sinnend, schorletrinkend und rauchend, an ihrem Plätzchen, ein paar Übliche und Unübliche lümmelten recht gelangweilt herum. Theke, zwei Glas Bier.

“Na, hier hat man wenigstens seine Ruhe!”, stichelte Konstantin nach acht oder zehn Minuten, das ganze scheinbare Trauerspiel betrachtend.

Aber, siehe da, kaum hatte Konstantin des Besseren nicht mehr erwartet, so kam es doch durch K., also eine allerhärtestgesottenste Altstadtbekannte, vor der sich selbst nicht wenige Urrecken heimlich ein bisschen fürchten, zudem jenen T. , alswelcher seine mitunter schwer aberraten, gleichwohl meist im formalen Rahmen seiner nicht unbachtlichen rhetorischen Möglichkeiten liegenden Bosheiten wohl mit Fürliebe seit 25 Jahren wider ebenjene Frau absondert, keckauf, jeden anderen Gast noch, ob gefordert oder einfach so, beleidigt, während sie zahlt, weiterkerft, er ebenfalls ohne Gnade, nur unvergleichlich anmaßend und zynisch, bei ersterem zu einem Sinneswandel.

“He, Freund! , rief Konstantin schließlich, “wollen wir um den Verstand der Kunst würfeln?”

“Du hast ja gar keine Spielsteine!”, versetzte T.

“Dies ist ein Spiel ohne Steine.”

“Was weißt Du vom Verstand in der Kunst?”

“Verstand der Kunst.”

“Oh, der Bursche will mich wohl genitivieren?”

“Genitalviren?”

“Schau”, sagte T. zu seiner K., “dieser eitle Fant in seiner angeschimmelten abgewetzten Joppe da, der meint anscheinend, er verstehe sich darauf, halbgebildete Sottisen in diesen Tempel der Trantüten, Trullas und des endemischen Trübsinns zu tragen.”

Bevor K. zu den Trullas etwas zu entgegnen wusste, versetzte Konstantin lachend: “Euer Hochwohlgeboren kommen also hierher, sich künstlich erhaben zu fühlen, mögen aber um den Verstand der Kunst nicht würfeln. Magnus, wo hat seine Durchlaucht denn ihren Halbsandalenknecht gelassen?”

“Ich schätze mal, der umbrummkreiselt gerade die Bordsteinschwalben hinten im Leonhardsviertel, kommt aber mit den drei Kreuzern, die er ihr wöchentlich im Hack aus dem Rock zu klauen pflegt, wie immer leider nicht zum Zuge.”

“Also gut: Würfeln wir um den Verstand der Kunst!”, sagte T. unvermittelt, unsere Bosheiten einfach übergehend.

Der Würfelbecher ward beigebracht, und nun ging es um den Einsatz.

“Wer weniger Augen hat, muss den Verstand der Kunst erklären und einen ausgeben.”, meinte T.

“So sei es.”

T. brachte es tatsächlich fertig, mit drei Würfeln nur vier Augen zu erzielen und war darob wenig erfreut.

Konstantin schüttelte ausgiebig, und, siehe da, drei Einsen lagen auf dem Tisch.

T. grinste über beide Ohren: “Nun, also, erkläre, und gib einen aus!”

“Wieso?”, meinte Konstantin. “Wie viele Augen hast du?”

“Vier! Das hat ja wohl jeder gesehen!”

“Nein, du hast genau zwei. So wie ich auch. Jetzt weißt du aber immerhin, wie man um den Verstand der Kunst nicht würfelt.”

T. war ziemlich sauer, fuchtelte noch ein wenig, doch ließ sich Konstantin nicht erweichen.

Er erklärte dem anderen noch mit einer großzügigen Geste, dass die drei Würfel je einundzwanzig Augen hätten, das Würfelergebnis also in jedem Fall unentschieden ausgegangen wäre, es sei denn, die Frage hätte gelautet, wessen Würfel nach Wurf mehr oder weniger Augen nach oben zeigen würden.

T. hatte schließlich genug, wandte sich seiner K. zu, auf dass die ihm einen ausgebe.

Konstantin und ich zogen wenig später weiter, denn der Abend war gerade erst angebrochen.

 

 

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