Hartholtz vor der Dunkelbütt

Gestern gab es in Freiberg einen Zwischenfall, den viele Südschwitzer mit gemischten Gefühlen betrachten. Manche lachen sich einen Ast, andere warnen.

Jeder in Südschwitz weiß, wo in Freiberg der Verfassungsschutz seinen kleinen Ableger betreibt, nämlich in einem zweistöckigen Haus im Regierungsviertel, das selbst einem Fremden auffallen muss alswie ein Kakerlak im Kartoffelkuchen. Nicht nur die vergitterten, von außen undurchsichtigen Fenster, sondern auch die massive Stahltür sind absolut landesuntypisch.

Mächtig genervt waren die Bewohner bzw. Insassen schon davon, dass Benno und Heike, die seit einiger Zeit Stadtführungen für Touristen anbieten, das Domizil der Schlapphüte nicht nur in ihre Tour eingebaut haben, sondern dort auch – nicht selten unter Gelächter, manchmal gar Gejohle der Teilnehmer, auch nicht selten schaulustiger Einheimischer – ein kleines Rezitativ vortragen, die besondere Verbundenheit der Südschwitzer mit dieser Spielart Abgesandter aus Norddoof zu verdeutlichen:

Dieses Haus, dieses Haus, sieht schon von außen dunkel aus

Keiner weiß genau, was all darinnen

Nur der Wodka-Ede, nunmehro abgezogen

Als er war noch mehr als sonst von Sinnen

Hat

Schnapses satt

Wohl darob nicht gelogen

Bevor ihn einer mit der Schubkarre

Ede trug nie keine Knarre

Nächtens vor dieser rostroten Panzertüre abgekippt

Indem jener mal wieder zuviel genippt.

So war der Ede schwer frustriert

Dass da in jener Kate

Nur Kaffee, Tee und Mate

Nie Bier ward serviert. (Der Chef sei ein arger Blaukreuzler, so Ede.)

Er lallte noch was

Von seinem Hass

Auf nichtmal Kwass.

Und etwas von Rechnersinken

Deren und andrer dülpichter Codes

Er immerzu nots

Vor sich tät sehen blinken.

Ja, liebe Gäste

Schmieriger Weste

Was sie gewahren dort

Ist des Verfuselungssschatzes traurige Hütt’

Allwo man trielt in der Dunkelbütt’

Ein verwunschener Ort.

Hinterher, man empfiehlt dann einen kleinen Umtrunk bei Olli, Durst ist hier ja immer gewiss, fragen die Leute, ob es den Wodka-Ede denn wirklich gab, wes ihnen alle Alteingesessenen bestätigen, wohl noch die eine oder andere Geschichte von ihm zum besten geben.

Das stößt, wie gesagt, logischerweise bei allen, die am Tropf von Norddoof hängen, auf wenig Wohlwollen; zumindest muss von denen jeder so tun, als ob; jetzt aber folgte eine weitere Eskalationsstufe.

Die Sache mit der Schubkarre und dem sternhagelvoll abgekippten Ede jährte sich zum ersten Male (Ede ward seit Pfingstsamstagnacht letzten Jahres in Südschwitz nirgend mehr gesehen), und man erinnerte sich daran, dass der doch gar kein so verkehrter Kerl gewesen war.

So zog eine vielleicht fünfzig lärmende Personen umfassende Delegation zur Spontandemo vor die Dunkelbütt (der Begriff ist inzwischen fest etabliert), so gegen zwei Uhr, und skandierte (ich gebe zu, dass ich, undiplomatischerweise, dabei war, immerhin nicht mitbrüllend):

Wo ist unser Ede?

Wir stellen euch zur Rede!

Unter die Erd’ gebracht?

Habt ihr den Ede fertiggemacht?

Bierflaschen kreisten, einer hatte bei Olli einen Sack Bierdeckel stibitzt, und so flogen die zu diesem Spaße, mit allerlei mehr oder weniger jugendfreien Sprüchen bekritzelt, über den Zaun aufs Gelände.

Das ging wohl zwanzig Minuten so, die Kiffer ließen alles anbrennen, was unbrandanschläglich entzündlich, und dann, ich rieb mir die Augen, dachte zunächst, ich hätte ein Hitzgesicht (so nennt man das hier, wenn einer nicht mehr weiß, was echt ist): Oberst Hartholtz kam, in zivil, nur seinen Oberstabsgefreiten, den Stiefel-Manne, zur Begleitung, um die Ecke gebogen, was nicht gleich jeder merkte, pflanzte sich vors Eingangstor, grimmigen Blickes, zwischen die Rufe mischte sich manches “Pssst, mal sehen, was er zu sagen hat!”, und eine fast gespenstische Stille trat ein, nur noch ein paar von den Kiffern kicherten ab und zu leise.

“Bürger von Südschwitz!”, hub Hartholtz an, und wie es der Deibel wollte, traf ihn dabei ein Bierdeckel von einem, der die Lage noch nicht richtig gepeilt hatte, Bieres vielleicht auch eins zuviel, an der rechten Backe, was er zwar soldatisch standhaft nahm, seine Stimmung aber ersichtlich nicht hob, also, dass er hierauf noch einmal, jetzt brüllte er fast schon in Zweidrittellautstärke, alswelche bei ihm mehr denn gut hörbar, noch einmal “Bürger von Südschwitz!”

Ich merkte spätestens jetzt, dass Deeskalation angesagt war, rief, deutlich leiser als der Militär: “Hört den Herrn Obersten Hartholtz an, was er zu sagen hat, ihr wisst alle, er ist ein vernünftiger Mann!”

Zwei wohl gerade erst volljährige Hintlingsmaiden giggelten zwar immer noch ein wenig, aber alle waren gespannt, was folgen werde, und Hartholtz, sich mit einem kaum sichtbaren Nicken bei mir bedankend, begann seiner Rede.

“Wissen Sie eigentlich, dass ich gerade einen Grand auf der Hand hatte, mir eine Zigarre angezündet, mein frisches Bier antrinken wollte, als mir der Oberstabsgefreite meldete, hier gebe es einen unziemlichen Volksauflauf, der die ganze Sonderwirtschaftszone in Verruf, ja gar bedenkliche Schwierigkeiten bringen könnte?” Diesmal donnerte er in Siebenachtelsstärke.

“Was meinen die versammelten Damen und Herren wohl, was man in Berlin von dieser Art nächtlichen südschwitzerischen Vergnügsamtumes halten wird?” (“Vergnügsamtumes”: Das hatte ich ihm gar nicht zugetraut.)

Seine Augen blitzten. Aber er sah sich ruhig in der Runde um. Nach dieser Kunstpause sprach er ruhig, doch immer noch klar vernehmlich: “Ich schlage vor, dass Sie alle bei Olli oder sonstwo noch ein kühles Blondes zur Nacht genießen, ich zurück an meinen Skattisch darf, der Oberstabsgefreite, wenn er will, auch schon ins Bett, oder noch einen Brief nach Kassel verfassen, weder Sie noch er noch ich jemals hier waren,  den frühen heiligen Pfingstsonntag mit Anklängen an Kasernenhoftöne verbringen mussten.”

“Leute, lasst uns abziehen!”, sagte ich, wissend darum, wie verlässlich Hartholtz Kompromisse anbietet, die dann aber auch einzuhalten, “auch ein hundertprozentig pflichtbewusster Bundeswehroffizier hat in Südschwitz sein Recht auf ein geruhsam gepflegtes Feierabendbier! Ich jedenfalls gehe!”

Ein wenig Murren entstand, alle aber wandten sich zum Rückzug.

Indem ich mich schon davonzumachen anschickte, blickte ich nochmal zu Hartholtz, der mir ein diskretes Handzeichen gab, noch einen Moment zu ihm zu kommen.

“Herr Göller”, sagte er in hartem Tone, “Sie haben sich tatsächlich an diesem Unfug beteiligt? Ich habe Sie für intelligenter gehalten.”

“Ja, das war wohl nicht besonders klug”, entgegnete ich, “aber…”

“Nichts aber. Wenn Sie mir nicht helfen, was Sie dann ja immerhin doch getan haben, den Laden hier zusammenzuhalten, kommt bald ein anderer als der Hartholtz, und ich bezweifle, dass Sie das wollen.”

“Ja, ich verstehe schon.”

“Na also”, meinte Hartholtz, “dann verschaffen Sie den Leuten jetzt noch etwas gute Laune, aber von der Sorte, dass ich meinen Skat zuende spielen kann.”

“Ja, mache ich.”

“Göller (das fand ich jetzt frech, dass er mich so ansprach, aber ich ließ mir nichts anmerken), kommen Sie nächste Woche mal zu mir zum Kaffee?”

“Ich werde mich über den Stiefel-Manni, äh, den Herrn Oberstabsgefreiten, anmelden”, versetzte ich, doch nicht ganz maulfaul, und wir beiden, er hatte den Manni schon weggeschickt, rückten, Hartholtz zuckte ob meiner frechen Riposte nur fast unmerklich, ebenfalls ab.

(Manchmal denke ich, dass Hartholtz heimlich auch jene meiner Texte liest, die mit Südschwitz nicht direkt zu tun haben.)

 

 

 

 

 

 

 

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