Konstantin in Rottweil

In den zwei Tagen, die Konstantin brauchte, Rottweil zu erreichen, endlich durchs Schwarze Tor zu schreiten, dachte er immer wieder an das Gesicht mit dem Männlein auf dem Feldberge, zumal dieser Spruch, den es ihm gesagt, wollte ihm nicht aus dem Sinne:

“Was weißt du denn schon davon, was du gelernt!”

“Wie soll ich, Heidenblitz aber auch, wenig oder gar nichts von dem wissen, was ich gelernt? Heißt das, ich kann allerlei Sachen, dachte nur noch nie daran? Wie lernt man etwas so, dass man nichts davon merkt? Was könnte es denn alles sein, das ich schon gelernt, aber noch nichts davon weiß?”

Inzwischen waren Brot, Zwiebel, Käs, Schinken und Wein aus Freiburg aufgebraucht, und Konstantin brachte einen guten Wandererhunger und -durst mit in die schmucke kleine Stadt am Neckar, die für ihre Fasnet, also auch für keinen Mangel an Narren, wenigstens zeitweis im Jahr, weithin berühmt. Da die Abendkühle schon spürbar herankroch, Konstantin am Feldberge genug gefroren hatte, auch heute eine eher frische Nacht verbracht, beschloss er, sich erst eine einfache Herberge zu suchen, sodann, den Ranzen abgelegt und eines Bettes sicher, noch ein bisschen den schönen Ort zu erspazieren, sich dann des anderen notwendigen Guten zu tun.

Herberg war bald gefunden, zudem ein Wirtshaus, das sich des besten Weines rühmte, und obendrein umfing Konstantin schon ein gar trefflicher Duft, sahe er des Wurstsalats, gar lieblich angemacht, die braven Burschen, einiger gesetzter Herren, schmucke Maiden auch, der abgeschmelzten Maultaschen, kräftigen Bratens mit Peterlingssalzkartoffeln und Wacholdersauerkraut, so dass ihn keinerlei Zweifel mehr beschlichen, er möchte hier am falschen Platze angebrandet sein.

Indem er sich nun gerade an ein kleines, noch unbesetztes Tischlein nahe dem kunstvoll bemalten Kachelofen niederlassen wollte, erscholl es schon von einer großen, lustigen Tafel, allwo heitere Gesellen es sich gut schmecken ließen, die des Weines auch nicht zu schonen schienen: “Setz die doch her zu ons, Kerle, odder witt der ganze Obend olloi vor die natriela?” (Ich gebe die weitere Rede jetzt auf Deutsch übersetzt wieder, keinen Rottweiler durch eine sprachliche Ungenauigkeit zu beleidigen einerseits, andererseits, damit auch der jenseits des Maines das Licht der Welt erblickt, leichter folgen können möge.)

“Wohl gerne, ja”, versetzte Konstantin, frug artig, welcher Rote hier denn besonders zu empfehlen, bat die alsbald Aufwartende um diesen, nebst erst einmal einem großen Butterbrote, einer Portion Schwarzwurst, Merrettich und Senf dabei, dann zu überlegen, was ihn hernach entscheidend kräftigen solle.

Da nun die Wurstportion nicht eben mager dahergekommen, wand sich sein Sinn doch von noch mehr Fleischigem weg, und er bat, ihm noch Kässpatzen mit ordentlich Röstzwiebel, Bratensoß und Salat aufzustellen.

Selbst die derb gebauten Burschen, bei denen er sich also erquickete, staunten nicht schlecht darüber, was der zwar kräftige, aber doch schlanke Wandersbursch da eingenoss, bis dass er sich, vollauf zufriedenen Gesichtes, alles bis zum blanken Teller verputzt, den Mund wischte, einen großen Zug vom zweiten Halbliterkruge darauf geußend.

“Gelernt ist gelernt!”, sagte einer, “ich bin der Hans”, hob wohlwollend sein Glas zum Lobe jenes Fremden, “du verstehst dich offensichtlich aufs rechte Gasten! Wie heißet er?”

Das war erstmal etwas viel für Konstantin. Gelernt, Verstehen, Gasten, und dann auch noch ein Hans.

“Dank dir, Hans!”, sagte er schließlich, und da er eigentlich vorgehabt, einmal wieder etwas Schabernack zu treiben, nicht ganz aus der Übung zu kommen, verwarf er all solchen Gedanken, der ihm nun ganz fehl am Platze schien.

Und so begab es sich noch an diesem fröhlichen Abend, bei dem endlich Zweie gar an der Tafel einschliefen, dass Konstantin, wohl auch mal eine kleine Geschichte zum Besten gebend, hier ein gutes Wort rührte, dort ein wenig klugen Rats erteilte, sich bei allen aufkommenden Späßen jedes derben Spottes enthielt, Zug um Zug etwas mehr von dem begriff, was er eben auch gelernt.

Schließlich lud ihn jeder anderntags auf seinen Hof, in seine Werkstatt, und selbst ein Ratsherr kam noch an den Tisch, bat ihn, sich morgen in Ruhe ernstlich mit ihm zu besprechen; er habe da eine schwierige Sache, die er mit einem weltgewandten Manne erörtern wolle, es solle sein Schaden nicht sein, wofern er ihm hülfe.

Jaja, so war das, wie Konstantin nach Rottweil kam.

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