Von den neuen Aristokraten

Eben wurde ich gefragt, ob ich wirklich eine Möglichkeit sähe, die Hölle abzuwenden. Angesichts der hypnotisierten Massen.

Ja und nein.

Ja, weil ich nur an zwei Dinge glaube: die Möglichkeit der Genesung und die Lernfähigkeit. (Wobei das deshalb schon recht eigentlich keine Glaubenssätze sind, weil ich beides schon gesehen habe, also darum weiß.)

Nein, weil ich nicht an die Hölle glaube. (Ich war zwar schon als Kind dort, aber das war nur meine persönliche Hölle, also nicht “die Hölle”.)

Indem nun der mich fragte kein jenseitiges Konzept ansprach, sondern vielmehr die Hölle auf Erden, in dem Sinne, dass man einen schmerzphongesteuerten (bald schmerzbrillengesteuerten) Weltsklavenstaat errichte, sage ich nochmal: Ja, ich sehe eine Möglichkeit, die Hölle abzuwenden.

Der Weg mag manchem beschwerlich erscheinen, nicht leicht fallen, aber er ist denkbar einfach: Es geht um denjenigen zum Selbst. Manche nennen es auch Identität.

Wir haben im Weltnetz jene, die darin ihr Selbst verlieren, andere, wenige, die es darin konzentriert zum Ausdruck bringen, hiemit nicht nur zeigen, sondern auch immer klarer finden. Verkürzt gesagt: Wer nur konsumiert, verliert.

Nochmal: Unter denen, die nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen, gibt es bewusste Nutzer und die Masse der Vernutzten. Wer früher schon mehr im Kopfe hatte, mit sich selbst anzufangen wusste, als ein Haferschleim, freut sich über und nutzt die gigantische Bibliothek, die ihm jederzeit offensteht; wer sich früher schon im Fernsehen in die Ferne sah, sieht sich jetzt ins Endlose.

Gehe ich nur ein paar Schritte durch die Stadt, so sehe ich sie überall, jene, die selbst noch beim Queren der Straße gebannt an ihrem Schmerzphon herumfummeln. Die müssen von keinem LKW mehr überfahren werden, um überfahren zu sein. (Soweit ich es sehe, Statistiken liegen mir nicht vor, sind pubertierende Mädchen und junge Frauen davon überproportional betroffen. Das passt genau.)

Man, frau, ist immer irgendwo, damit nirgendwo. Und dies Nirgendwo ist die Hölle. Eine süße Hölle, so schön, dass Mensch nimmermehr von ihr lassen will.

Damit geht natürlich auch eine wesentliche menschliche Fähigkeit bachab. Jene nämlich der beschreibenden Rede. Das Schmerzphon sagt ja jederzeit alles.

Oh: Meinte ich nicht, dass die Hölle abzuwenden sei?

Ja, sehr wohl. Denn das gut gesprochene Wort bekommt so um desto mehr Gewicht. Die Schmerzphonatiker mögen das nicht bewusst merken, aber das macht nichts.

Jene an den Schalthebeln der Macht haben selbst fast nur noch Fußtruppen, die an Schmerzphonen hängen, damit nur noch bedingt tauglich. Damit sind sie in keiner Übermacht mehr, denn ihr Denken und damit ihr Reden ist dürftig, und daraus ergibt sich die Möglichkeit “die Hölle” abzuwenden.

Der mit größte Fehler, den viele machen, die an diesem Abwenden der Hölle arbeiten, ist der, dass sie sich selbst an Reichweite, an Zugriffen, messen: Das ist grundverkehrt.

Wie sollte denn eine Netzseite, wo das angesprochen, was erstmal lieber keiner wahrnehmen, wissen will, so populär sein, alswie eine Sex-, Geld- oder Jesusseite?

Es mag daher dauern. Beharrlichkeit führt zum Ziel. Besser zwanzig gute Leser inspiriert, als zwanzigtausend Blöde nochmal sinnlos zugequatscht.

Jene Hölle abzuwenden, bedarf es nicht mehr und nicht weniger als einer geistigen wie sprachlichen neuen Aristokratie.

 

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10 Antworten zu “Von den neuen Aristokraten”

  1. Dude sagt:

    “Wer nur konsumiert, verliert.”

    Genau. Aber was tut denn der Grossteil der Weltbevölkerung anderes als ums goldene Kalb zu tanzen?

    http://dudeweblog.wordpress.com/2013/03/19/max-frisch-am-ende-der-aufklarung-steht-das-goldene-kalb/

    “Unter denen, die nicht an den Schalthebeln der Macht sitzen, gibt es bewusste Nutzer und die Masse der Vernutzten.”

    Völlig korrekt… das Problem ist aber, dass das Verhältnis von Regel, und diese bestätigende Ausnahmen verkehrt ist.

    “Denn das gut gesprochene Wort bekommt so um desto mehr Gewicht. Die Schmerzphonatiker mögen das nicht bewusst merken, aber das macht nichts.”

    Das Problem liegt doch woanders… Du kannst noch so gut Worte sprechen oder schreiben, was nützt das wenn gar nicht ankommt was gesagt, oder wie meistens, einfach Ignoranz und Lethargie herrscht?
    “Nein, davon will ich nichts wissen, das stört meine Komfortzone, und zudem muss ich, wie mir mein Schmerzphon soeben mitteilte, jetzt noch mit meinen zwei ach so lieben Freundinnen shoppen gehen…

    Es gibt haufenweise schlaue Bücher mit riesigem Informationsgehalt, aber was bringt das denn, wenn die meisten schon zu faul sind, einen 10-seitigen Artikel zu einem Thema zu lesen? Gibt ja 20min-Infokonserven.

    “Jene an den Schalthebeln der Macht haben selbst fast nur noch Fußtruppen, die an Schmerzphonen hängen, damit nur noch bedingt tauglich.”

    Was soll die das kümmern, solang das Gros der Menschheit unter Hypnose steht?

    Mit einem Hypnotisierten kann man machen, was man will, egal wie, solang man dafür sorgt, dass er in Hypnose bleibt…

    “Es mag daher dauern.”

    Das mag es wahrscheinlich… …naja, die Zustände wie in Spanien (Zwangsenteignungen und haufenweise Suizide) kommen noch früh genug auch gen Norden…

    Solange die Mehrheit denkt, alles laufe gut, und die da oben hätten das schon im Griff und machen das richtige nützt es nicht viel, die Wenigen zu erreichen, wenn die ganzen Lügengebilde von Milliarden gelesen und geschaut werden…

    Ps. http://www.youtube.com/watch?v=twD2d7LzOrc

  2. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Dude

    Lieber Dude: Wart’s ab. Oder vielmehr, mache einfach weiter und schaffe. Wer Verzweiflung sät, wird sie zwar nicht sicher, aber immerhin für sich selbst sehr wahrscheinlich auch ernten.
    Ich zeichne hier nicht das ausbrechende Himmelreich. Gut möglich auch, dass ich vernünftigere Zustände nicht mehr erlebe.
    Wir sind – nicht nur – dazu da, über das Jetzt wie ein nahes Morgen so klar hinauszudenken, Schiller und Nietzsche ähnlich, dass der Gedanke der Freiheit unabwendbar.
    Man wird nicht alle Schriften tilgen können, alle Intelligenz. Es soll ja irgendwas noch funktionieren. Da liegt die Achillesferse, ach was, der Deppenhals derer, die den Menschen zum Vieh machen wollen.

  3. Dude sagt:

    @Magnus

    “Wart’s ab.”

    Die Geduld war schon immer meine Achillesferse. Ich hasse es in Warteschlangen und festzustecken.

    “Wer Verzweiflung sät…”

    Glaubst Du ich habe das Ps. zum Spass eingefügt? Allein die letzten 5 Minuten sind ja wohl deutlich…

    Ansonsten… Zustimmung…

  4. Armin sagt:

    @Magnus
    “Wir haben im Weltnetz jene, die darin ihr Selbst verlieren, andere, wenige, die es darin konzentriert zum Ausdruck bringen, hiemit nicht nur zeigen, sondern auch immer klarer finden. Verkürzt gesagt: Wer nur konsumiert, verliert.”
    Sehr gut formuliert. Eine neue geistige und sprachliche Aristokratie, genau.

    @Dude
    “Du kannst noch so gut Worte sprechen oder schreiben, was nützt das wenn gar nicht ankommt”
    Ich gebe Dir recht. Irgendwie erscheint das Schreiben dann sinnlos und das Reden. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das geschriebene Wort macht hat, dass die, die nicht den schnöden Mammon, das goldene Kalb umtanzen umso wichtiger sind, je weniger sie sind. Nein, ich sehe auch keine Sicherheit darin, auch ich bin definitiv irgendwo überfordert mit der Realität des Hyperkapitalismus, des sinnfreien Konsumismus, der wertfreien Phonesklaverei.

  5. Jochen sagt:

    @ Magnus und @ Dude

    “Wer Verzweiflung sät, wird sie zwar nicht sicher, aber immerhin für sich selbst sehr wahrscheinlich auch ernten.
    Ich zeichne hier nicht das ausbrechende Himmelreich.”

    Es wurde schon mal irgendwo erwähnt, daß die Religion das Grundübel ist. In unserer Gegend ist das Christentum DIE Religion schlechthin. Das Christentum fußt auf Jesus, dessen Spruchweisheiten und auch auf die Bibel im Allgemeinen. Diese Sprüche und Lebensweisheiten sind auch in unsere Sprache als Redensarten eingeflossen und werden selbst auch von jenen immer wieder gerne benutzt, wenn auch in umgewandelter Form, die mit Religion sonst nichts am Hut haben.

    Aus “Wer Wind sät, wird Sturm ernten” wird dann z.B. siehe den Spruch von dir oben mit der Verzweiflung, wo du dich aber nicht getraut hast zu schreiben “Wer Verzweiflung sät, wird den Untergang ernten”.

    Ebenso das Wort “Himmelreich”. Für einen Ungläubigen darf es das Himmelreich an sich gar nicht geben. Aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ist eben auch das Himmelreich eines Ungläubigen.

    Damit will ich sagen, das Christentum hängt in uns drin, ob wir das wollen oder nicht. Will man wirklich das Grundübel beseitigen, wozu ja dann auch das Christentum gehört, dann sollte man sich klar darüber werden, dass man nicht gegen das System sein kann und gleichzeitig mit dem Geld des Systems zu Lidl einkaufen gehen kann. Widerstand ist nicht zwecklos, aber der Widerstand macht es sich aber in unserem Land viel zu sehr lieber gemütlich. Und alleine daran scheitert es dann. Denn die Leute haben Angst davor, daß sie ohne System dann vor dem Nichts stehen. Täten sie es aber wirklich? Bisher wurde es ja noch nie wirklich und mehrheitlich probiert.

    Noch zur Verwendung von Sprüchen und Wörtern aus der Bibel.

    Dude spricht gerne von “LiebeLicht”, als dem universellen Sache an sich.

    Irgendwo steht in der Bibel: “Gott ist Liebe” und auch “Gott ist Licht”.

    Bibelsprüche zu verkürzen und zu einem Ding zu verschmelzen, was keine große Kunst ist und dann gegen die Bibel und den christlichen Glauben zu sein, obwohl man die Bibel so zu überlisten versucht, ist es eigentlich doch nur eine Überlistung seiner selbst, nicht an den Gott glauben zu müssen, von dem gesagt wird, dass er Liebe und Licht ist, um dann was nicht ist, zu Liebe und Licht zu machen, um sich dann daran festzuhalten.

    Es ist wie mit der Sache, entweder ich und das System oder das System an sich und ich. Man hat Angst völlig loszulassen. Warum? Die ganze Erde schwebt auch sozusagen im Nichts. Unser aller Haus, unser Zuhause, ist nicht nur nicht auf Fels gebaut, ja noch nicht einmal auf Sand, sondern auf Nichts. Das Festhalten am Materiellen nützt also im Endeffekt gar nichts. Darüber muß sich der Mensch erst einmal klar werden, dann erst wird er bereit sein, nicht nur vom Himmelreich auf Erden zu reden, sondern auch zu handeln, damit es Wirklichkeit werden kann.

  6. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Armin & Dude

    Jeder, der schreibt, veröffentlicht, was er schreibt, wünscht sich natürlich auch eine möglichst umfangreiche Rezeption.

    Gleichwohl will ich hier noch einmal daran erinnern, dass von Nietzsches Zarathustra, obwohl der verrückte Ex-Professor schon in ganz Europa weithin bekannt war, im ersten Jahr gerade mal 200 Exemplare verkauft wurden. So viele Bildzeitungen setzt ein mittlerer Bahnhofskiosk täglich ab.
    Nietzsches Verleger war gar nicht begeistert, der Philosoph aber lachte trotzdem, oder vielleicht gerade erst recht.

    Ich selber habe über die nicht eben übermäßige anzahlige Reichweite dieses Blogs nicht nur Euch beide, sondern auch noch ein paar andere interessante Menschen kennengelernt. Außerdem habe ich inzwischen Material ohne Ende, dessen Bestes ich irgendwann zusammensuchen und in Buchform herausgeben werde. Und überdies habe ich eine Menge gelernt, den einen oder anderen sicherlich durchaus inspiriert.

    Erst vorhin habe ich wieder mal so eine reichlich nullachtfuffzehnmäßige Kurzgeschichte lesen müssen (diensthalber), die praktisch nur aus klischeeartigen, bekannten Bildern und Dialogen zusammengezimmert war. Der Autor ist überaus berühmt, vielleicht reicht es sogar mal noch für den Nobelpreis. (Meine Mutter meint, er habe auch gute Sachen geschrieben, was dann sehr wahrscheinlich wohl auch stimmt. Diese Geschichte aber bringt überhaupt nichts Neues oder Originelles, hat es trotzdem, oder gerade deshalb, als beispielhaft bis in ein deutsches Schulbuch geschafft.)
    Um allerdings schlechte Kurzgeschichten gut zu verkaufen, sollte man sie auf Englisch verfassen oder wenigstens eine Frau sein, die über böse weiße Männer schreibt.

  7. Armin sagt:

    @Magnus
    Ja, sicher. Reichweite und Qualität haben keinen direkten Zusammenhang und die Reichweite allein ist wohl auch nicht unser beides primäres Ziel. Wichtig scheint es mir, über die Dinge zu schreiben, die ich wichtig finde und über diese auf eine einigermasse kluge, vielschichtige und sinnvolle Art. Was das genau bringt, weiss ich manchmal auch nicht, aber ich glaube schon an die Macht des Wortes und daran, dass “es” einfach geschrieben werden muss. Und ja, man lernt dabei eine Menge, weil man sich mit den Sachen über die man schreibt, auseinandersetzen muss und das Schreiben an sich einem besser darin werden lässt.

  8. Jochen sagt:

    @ Magnus

    “einer geistigen wie sprachlichen neuen Aristokratie”

    In der bildenden Kunst fanden sich auch solche Leute und sie schlossen sich dann zusammen zu einer Gruppe. Z.B. “Der blaue Reiter” oder “Die jungen Wilden”.

    Macht Ihr (Magnus, Armin, Dude, Thomas) das doch auch. Denn zusammen erreicht man oft mehr als alleine.

  9. Zardusht sagt:

    Heil Wunder, da finde ich doch tatsächlich nach endloslangen Streifzügen durchs Gewebe scheinbar Meinesgleichen! Daß ich es gleich gesagt habe, damit man weiß mit wem man zu tun hat: Was Teutschland braucht, ja ganz Europa, das ist ein neuer Glaube, ein eigener (!) Gott. Unsere heidnische “Bibel” als Wegweiser und Geburtshelfer zu diesem Gott und Glauben und somit unserer seelischen Wiedergeburt kann nur der Zarathustra sein. Heutiges System verfällt offenkundig, und sein Verfall hat Zweck! Denn anders als von den “Eliten” erhofft, macht die totale Dekadenz nicht gefügig für Beherrschung – stattdessen schafft sie Raum für Erneuerung. Denn erst verbrennen muss, was einst aus der Asche steigen soll, wird! Zu glauben, heißt, sich und einander ein Schicksal geben, und alle zugehörigen Werte, als des Schicksals Mittel und Pflastersteine dazu.
    Heil dem Freien Willen!
    Heil der Gefolgschaft aus Liebe!
    Denn von Dauer und Bestand
    Ist nur das Werk aus liebend-freier Hand.

  10. Magnus Wolf Göller sagt:

    @ Zardusht

    Schön, dass Dich obiges anspricht. Die Idee mit einem eigenen Gott, einer eigenen Religion, höre ich in letzter Zeit andeutungsweise oder direkt öfter, halte sie aber für Unfug.
    D e n Weg, d e n giebt es nicht!
    Sagte da mal einer.

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